Arbeitsmarkt Die 1,9-Millionen-Saga
Der Ökonom Hans-Werner Sinn warnt davor, dass Mindestlöhne fast zwei Millionen Jobs kosten könnten. Doch die Rechnung ist zweifelhaft.
Eine neue Zahl ist in der Welt. „Mindestlohn kostet bis zu 1,9 Millionen Jobs“, schreibt die BILD -Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe, prominent auf Seite eins. Als Quelle nennt die Zeitung das Ifo-Institut in München. Ifo-Ökonomen hätten berechnet, dass durch den Mindestlohn in der Postbranche – würde er auf die gesamte deutsche Wirtschaft angewendet – 1,9 Millionen Jobs vom deutschen Arbeitsmarkt verschwinden könnten. Hans-Werner Sinn, Chef des Instituts, zieht gegenüber dem Blatt sogleich den Schluss: „Mindestlöhne sind ein wirtschaftspolitisches Spiel mit dem Feuer.“
Nun ist es kein Zufall, dass Sinn sich gerade in
BILD
zu diesem Thema äußert. Der Ifo-Chef ist erklärter Gegner von Mindestlöhnen. Die
BILD
-Zeitung wiederum gehört zum Axel-Springer-Konzern, der Anteile am Briefdienst Pin Group hält (so auch die Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, in der die ZEIT erscheint). Der sieht sich durch die Mindestlöhne im Wettbewerb mit der Deutschen Post benachteiligt, weil Pin seinen regulären Briefträgern weit weniger zahlt als die 9,80 Euro pro Stunde, die die Große Koalition vor zwei Wochen als Mindestlohn für die Branche in Westdeutschland beschlossen hat (in Ostdeutschland sind es 9,00 Euro). Springer sieht das Geschäftsmodell von Pin dadurch in Gefahr.
An diesem Freitag soll der Bundestag den Mindestlohn für die Branche absegnen. Dass BILD die Ifo-Zahlen am Tag zuvor prominent veröffentlicht, ist die politische Komponente der Meldung.
Dabei gibt es durchaus Zweifel am Sachgehalt der Ifo-Schätzung. Sie beruht auf einer Studie der beiden Ifo-Wissenschaftler Marcel Thum und Joachim Ragnitz. Die Wissenschaftler gingen wie folgt vor: In einem ersten Schritt berechneten sie, wie viele Personen von einem Mindestlohn betroffen wären. Dafür verwendeten sie Daten aus dem Jahr 2001. Sodann schätzten sie, um wie viel Prozent das Lohnniveau für bestimmte Gruppen stiege, würde der Mindestlohn für die jeweilige Branche eingeführt – und wie stark die Beschäftigung daraufhin zurückginge. Ursprünglich gingen die Ökonomen von einem Mindestlohn von 7,50 Euro aus, doch für das neue Szenario hat das Institut die Latte offenbar entsprechend höher gehängt. Im Osten, so die Rechnung, wären voraussichtlich 23,3 Prozent der Beschäftigten betroffen, im Westen 25,1 Prozent.
Der Knackpunkt der Studie liegt in der Frage, wie die Unternehmen reagieren, wenn der Preis der Arbeit steigt. Die Ökonomen gehen davon aus, dass für jedes Prozent Einkommenssteigerung die Beschäftigung um 0,75 Prozent zurückgeht. Zwar betont das Institut, der Wert sei konservativ geschätzt und beruhe auf internationaler Literatur. Eine Übersicht des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt aber, wie fraglich das Ganze ist: Verschiedene Studien der letzten Zeit schätzen den Wert weit darunter, im Verarbeitenden Gewerbe sogar langfristig nur auf Minus 0,28. Würde man diesen Faktor zugrunde legen, wären die Jobverluste deutlich geringer.
Zudem ignorieren die Forscher, was viele andere Wissenschaftler für wahrscheinlich halten: Dass Unternehmen deshalb wenig zahlen, weil sie die Macht haben, Löhne anzubieten, die unterhalb der Produktivität der Arbeiter liegen. Das wäre volkswirtschaftlich nicht effizient – ein Mindestlohn würde das verbessern. Darüber hinaus geht die Schätzung davon aus, dass die maximal 9,80 Euro der Postbranche in ganz Deutschland gelten sollen - das hat aber niemand gefordert und dürfte eher unwahrscheinlich sein.
Letztlich kann niemand beantworten, ob Mindestlöhne Arbeitsplätze vernichten. Manche Studien sagen Ja, andere Nein. Zuletzt sorgte eine Studie des IAB für Wirbel, in dem die Wirkungen einer Lohnuntergrenze für die Baubranche untersucht wurden. Die Forscher fanden heraus, dass in Westdeutschland durch den Mindestlohn tendenziell sogar neue Jobs in der Branche entstanden sind, während in Ostdeutschland Arbeitsplätze verschwanden. Zwar äußerten einige Ökonomen erhebliche Zweifel an der Untersuchung. Sie kritisierten die Annahmen und einige methodische Details. Dennoch gilt das IAB-Papier als die bislang methodisch sauberste Studie für den deutschen Raum.
„Wir haben da in einigen Fragen noch immer ein Unwissen“, sagt der Chefökonometriker des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung, Holger Bonin. Das gilt nicht nur für Deutschland. Auch international haben zahlreiche empirische Studien etliche Ergebnisse produziert – zu einem eindeutigen Ergebnis kommen sie nicht.
Es gibt also noch viel zu tun, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Wenn man denn daran interessiert ist.
- Datum 19.12.2007 - 04:29 Uhr
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sich mit einem Herrn Sinn auseinanderzusetzen ist offensichtlich falsch. Der Schöpfer der unhaltbaren und von vielen tatsächlich wissenschaftlichen Kreisen eher verlachten These von der "Basarökonomie" genießt aus scheinbar unerfindlichen Gründen den Ruf eines guten Wissenschaftlers.
Vielleicht entdeckt ein investigativer Journalist eines Tages die von Wem-auch-immer ausgestellten Schecks, die die Gründe erfindlich machen.
Wie jedenfalls die Waffen in der Propagandaschlacht um den Mindestlohn verteilt sind, läßt sich einfach an einer Tatsache erkennen:
Die wissenschaftliche Studie zu den Auswirkungen des tariflichen Mindestlohns in der Baubranche der Universität Regensburg wird geflissentlich ignoriert ( ttp://www.wiwi.uni-regensburg.de/moeller/ForschungDateien/Aktuelles/MindestlohnMoellerKoenig.pdf).
Kurz wurde sie nur als irrelevant genauso wie die umfassenden Mindestlohnstudien für die Vielzahl der Länder mit Mindestlohnregelung abgetan.
Don't get brainwashed!
www.NachDenkSeiten.de
www.jjahnke.net
Lieber Lateralis,die Studie, die sie zitieren, ist identisch mit jener, die auch im Text angesprochen wird. Verfasst hat sie unter anderem der neue Chef des IAB, Joachim Möller. Ko-Autorin des Papers ist - wie sie schreiben - eine Regensburger Ökonomin, Marion König. Allerdings wurde sie von den hiesigen Ökonomen weniger "abgetan" als sie denken. Stattdessen hat sie zu einer recht regen Diskussion geführt, nachzulesen hier: http://www.handelsblatt.c...und die Kritik des RWI:http://www.handelsblatt.c...Herzliche Grüße,Philip Faigle
Also die Arbeitgeber setzen einfach einen Lohn unterhalb der Produktivität des Arbeitnehmers fest, um einen unberechtigten Gewinn zu erzielen... Schon mal darüber nachgedacht, dass auch die Kunden auf den Cent schauen und die bösen Arbeitgeber selbst Marktpreise erzielen müssen? Etwas anderes gilt nur für Monopolisten wie Deutsche Post, Energieversorger etc.Es gibt aber noch jede Menge Möglichkeiten, einfache Tätigkeiten wegzurationalisieren, weil sie zu teuer geworden sind: an der Supermarktkasse, beim Service im Cafe etc. Bestenfalls gibt es die Jobs dann noch für "freie Mitarbeiter".
bitte verzeihen Sie mir meine allzu ungenauen, auch auf Ihren hervorragenden Artikel ggf. negativ hindeutenden Angaben in meinem Kurz-Kommentar.Ich wollte mitnichten Ihren meiner Ansicht nach außerordentlich gut gelungenen Artikel allzu sehr kritisieren und vielmehr die Tatsache hervorheben, dass in der ansonsten außerhalb der ZEIT stattfindenden Diskussion diese Studie so gut wie gar keine Rolle spielt. Da haben wir vielleicht noch das Handelsblatt, aber das ist auch nur eine Spartenzeitung. Der Nachrichten-mainstream nimmt diese Studie kaum wahr.Bei Phoenix habe ich sie nur einmal im Fernsehen dem Lautsprecher Hans Olaf Henkel um die Ohren gehauen gesehen.Die ZEIT ist hier insofern Avantgarde, als dass sie die Studie des Ifo-Instituts verdientermaßen simpelst entzaubert. Don't get brainwashed! www.NachDenkSeiten.de www.jjahnke.net
Unbeeindruckt von dem pseudowissenschaftlichen Bramabassieren von Interessenvertretern sollte man feststellen:
- das Argument der Unternehmer, der Kostendruck, die Konkurrenzsituation zwinge zu niedrigen Loehnen, ist doch Netzbeschmutzung: sie beklagen, die sonst von ihnen so hoch verehrten Marktgesetze. Sonst heisst es doch immer, der Markt wird es richten, ja meine Herren, hinrichten wird er es das Zusammenleben
- soweit ich das gelernt habe, steht im Grundgesetz, Eigentum verpflichtet. Kann doch nur heissen: Arbeitgeber muessen so wirtschaften, dass sie ihren Angestellten auch subsidaere Loehne zahlen koennen. Funktioniert nicht wegen kostendruck blablabla, kann doch nur heissen, ihre Betriebe sind eigentlich pleite, weil sie ihrere Verpflichtung zur subsidaeren Lohnzahlung nicht nachkommen koennen. Demnaechst fordern sie dann auch noch totale Steuerbefreiung.
- und in einigen Argumentation scheint durch, dass man eigentlich der Meinung ist, dass man diese Menschen nicht braucht.
Fazit fuer mich: nicht die Menschen sind nicht systemkonform, sondern das System ist krank und besonders die unfaehigen Deutschen Manager/Unternehmer, die noch nicht einmal den Anforderungen ihres verehrten Systems genuegen
Dieser IFO-Mensch heiratet eine Frau Un oder von mir aus auch eine Frau
Los und führt künftig einen Doppelnamen, damit sein Name endlich
sprechend wird.Vielleicht findet er zudem irgendwann mal Zeit,
sich zu überlegen, wieso kaum ein westliches Land wirtschaftlich so
krank ist wie D´land - und die weitaus meisten anderen haben
Mindestlöhne und oft gar nicht mal so niedrige.Abgesehen davon gilt http://kommentare.zeit.de...Das viele Ökonomen schlicht und einfach das Gegenteil seriöser Wissenschaftler sind, zeigt auch der Satz "Die Ökonomen gehen davon aus, dass für jedes Prozent Einkommenssteigerung die Beschäftigung um 0,75 Prozent zurückgeht.";
selten so gelacht, denn das heißt:
Die Löhne müssen nur um 133% angehoben werden und schon haben wir alle Urlaub.
Das Beispiel ist übertrieben?
Stimmt, aber wer schon solche schlauen Zahl unter die Leute wirft, soll
wenigstens mit Zahlen umgehen können, und auch weniger übertriebene
Gedankenspiele zeigen die Absurdität dieses 075%-Satzes klar auf.
Ich habe Wissenschaftler ökonomische Entscheidungen auf unternehmenspolitischer Ebene treffen sehen, die irrational und -aus Praktiker-Sicht- dumm waren sowie nicht von Erfolg gekrönt. Ihrem Image in der Wirtschaft tut das offensichtlich keinen Abbruch.Hätte Herr Sinn in seinen Makro-Vorlesungen aufgepasst, so wüsste er, dass Mindestlöhne nur dann schädlich für die VW sind, wenn sie zu hoch gesetzt werden. Die Produktivitäts-Schwelle (Entlohnung zum Grenzprodukt) kann niemand, kein IFO-Institut und kein Bofinger, ermitteln, man kann nur raten. Und dass wir zu hoch tippen, das halte ich für unwahrscheinlich, denn dann würde ja bekannt werden, dass die Produktivität der kleinen Leute viel höher ist, als ihr qua Lohn zugestanden wird.
Wer Herrn Sinn (ich weigere mich, ihn Prof. zu nennen) über einige Zeit beobachtet, weiß sowieso, was von ihm zu erwarten ist. Der Mann wird von Ideologie geleitet, nicht von Erkenntnisstreben. Das ist kein seriöser Wissenschaftler, das ist eine Propaganda-Schleuder.
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