New York Evangelikaler gegen Mormone

Wer in der US-Politik etwas werden will, muss religiös sein - bizarre Fundamentalismen und Bigotterie inklusive.

Vor ein paar Tagen habe ich Reverend Billy getroffen, der die „Church of Stop Shopping“ erfunden hat. Billy hat mir erzählt, in New York dürfe jeder eine Kirche aufmachen, der eine Gemeinde habe, die Stadt erkenne das an. Das wundert mich kein bisschen. Allein rund um den Times Square gibt es eine episkopale Kirche, die nebenbei ein Theater unterhält, eine lutheranische, eine der Scientologen, vor der gestresste junge Männer Handzettel an verschreckte Passanten verteilen, die für einen kostenlosen Stresstest werben, St. Mary the Virgin, die Garment Center Synagogue, die Times Square Church im Hellinger Theater, ein altes Plüschkino von Warner Bros, und Holy Cross, die gewaltige, rotbacksteinerne Kirche an der West 42nd Street, wo früher die irischen Einwanderer von Hell‘s Kitchen hingingen und heute die Puertoricaner.

In Holy Cross predigte einst Father Patrick Duffy, der auch im spanisch-amerikanischen Krieg und im ersten Weltkrieg kämpfte. Heute steht seine Statue auf dem Times Square, auf dem kleinen Platz, wo die Stadt seit zwei Jahren versucht, einen Kiosk für verbilligte Broadway-Karten zu errichten. Ab und zu trifft sich hier auch die Sekte der rastabezopften und bekaftanten schwarzen Israeliten und bepredigen die Touristen. Sie toben sich dabei in solch eine Aufregung, dass es schwer zu verstehen ist, woran sie glauben, aber es ist klar, dass sie den weißen Mann nicht mögen.

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Nicht nur New York ist multi-religiös, auch bei der Wahl zum Präsidenten geht es um die Gretchenfrage: Wie hältst du‘s mit der Religion? Ohnehin hat Amerika zur Religion ein leicht schizophrenes Verhältnis. Staat und Kirche sind getrennt, und statt Weihnachtskarten werden „Seasonal Greetings“ verschickt. Aber ein Atheist hätte keine Chance, auch nur Bürgermeister zu werden. Religionen sind nominell gleichberechtigt, aber alle Präsidenten seit George Washington waren weiße protestantische Christen. Außer John F. Kennedy, aber der war Ire, also beinahe Engländer, kam aus einer wohlhabenden, einflussreichen Familie und schaffte es trotzdem nur mit 0,2 Prozentpunkten vor Richard M. Nixon. Ronald Reagan, ebenfalls ein Katholik, konvertierte vorsichtshalber. Der Katholik John Kerry verlor, und Al Gore legte mit Joe Lieberman auch nicht gerade einen großen Sieg hin.

Nun haben wir fünf katholische Bewerber, davon einer — Bill Richardson — ein Latino, einen Mormonen, eine Frau, die nach Ansicht mancher Republikaner dem Wicca-Hexenkult anhängt und zwei Schwarze, der Demokrat Barack Hussein Obama und der Republikaner Alan Keyes. Über Obama wird heute das Gerücht verbreitet er sei Moslem und habe seinen Eid als Senator auf den Koran geschworen. Nach einer CNN-Umfrage würden 45 Prozent der Amerikaner nicht für einen Moslem stimmen und sechs Prozent nicht für einen Schwarzen. 15 Prozent würden keinen Latino wählen und zwölf Prozent keine Frau.

Derweil beharken sich die republikanischen Kandidaten gegenseitig, allen voran Mike Huckabee, der Evangelikale und Romney, der Mormone. Für einen Mormonen würden 25 Prozent der Amerikaner nicht stimmen. Huckabee wirft Romney im New York Times Magazine vor, die Mormonen glaubten, Jesus und der Teufel seien Brüder.

Das stimmt nicht, aber Mormonen glauben immerhin, neben der Bibel, an das Buch Mormon, das dem Sektengründer Joseph Smith vom Engel Moroni eingegeben wurde (ähnlich wie L. Ron Hubbard und „Battlefield Earth“, übrigens Romneys Lieblingsbuch) und sie lehnen die Dreifaltigkeit ab. Dafür glauben Mormonen, dass Gott nahe dem Planeten Kolob wohnt, tragen geheime Unterwäsche, die sie vor dem Bösen schützen soll, und bis vor kurzem kamen Schwarze, nach mormonischen Glauben, nur als Sklaven in den Himmel. Polygamie beschränkt sich heute zwar nur noch auf ein paar Sekten, aber auf HBO läuft die Serie „Big Love“, bei der ein Mormone drei Frauen beschläft, die dauernd Intrigen spinnen, die alleinige Hauptfrau zu werden. Helfen im Wahlkampf wird dies Romney wohl eher nicht.

Leser-Kommentare
    • gmail
    • 13.12.2007 um 22:24 Uhr
    1. Silly!

    Mehr kann man wohl nicht sagen. Trotzdem, die gute Eva hat mich vergessen. Ich lebe auch in New York. Als Atheist. Zum Beispiel:Ich bin mehr als zufrieden damit, was mir mein Schicksal gebracht hat. Mir geht es ausgezeichnet. Nie hat man mir irgendwo eine Chance kassiert, weil oder weil ich nicht Jude war noch einer anderen oder keiner Religion angehoerte. Noch weil ich aus einer oder der anderen "Klasse" komme. Man soll nie vergessen, die reichesten 20% jeder Generation hier sind "Neulinge", kommen nicht aus den Familien, die in der letzten Generation zu der wohlstaendigsten Schicht gehoerten. [Aber das ist doch in Deutschland auch so, oder? Man braucht ja nur an die Familie Tyssen zu denken, an die BMW-Quandts (sogar oder weil sie mit den Goebbel's verwandt waren?), an Thurm und Taxis.] Nein man braucht nicht mit dem silbernen Loeffel in New York, oder in Arkansas oder als Mormone in SLC geboren zu werden. Man kann es allein schaffen, obwohl wie immer auf der Welt, ein bisschen Glueck von Zeit zu Zeit hilft. Was oefter erscheint, wenn man sich etwas "mehr" anstrengt. Ohne Abitur, ohne Zeugnis der Grundschule (weil arbeiten damals notwendig war um zu essen) hat man es durch Harvard's Business Schule gemacht. Wenn auch spaet. Mit beinah 40 Jahren, als es einem moeglich war, Zeit und Geld dazu zu haben. Und zu verstehen, wann die Professoren "mehr" wussten und wann nicht. PS.  Als ehemaliger Gefreiter in der Luftwaffe, ist es mir passiert, dass ich zwei damalige meiner Offiziere beschaeftigen konnte. Sie konnten doch nichts dafuer, dass es ihnen einst besser ging als mir. PPS. Man kann in den US finden, was man sucht. Kleine-Brockhoff und Eva finden, was sie sich vorstellen und bestaetigt haben wollen. Es ist schade, nicht dass Leute sich betruegen lassen, sondern sich es wuenschen.Allerdings sind sie die letzten Menschen (hier oder in ihrer Heimat) die mir mehr als 1 Sekunde wert sein wuerden.

  1. Frau Schweitzer, bitte belegen sie die Behauptung dass Giuliani sich mit seiner Geliebten im 1. Stock vergnuegt hat waehrend seine Frau und Kinder im Erdgeschoss waren. Sie riecht nach New York Times oder Newsweek. Ich habe sie dort aber nicht gelesen. Aber ich koennte mich irren. Ueber 80% der Amerikaner bezeichnen sich als Christen. Das klingt nicht danach dass sie gespalten sind. Es gibt unzaehlige christliche Stroemungen, manche sind eher bizarr. Sie unterschlagen jedoch dass die ueberwaeltigende Mehrheit der Christen traditionellen Kirchen angehoert. Sie sind Katholiken, Lutheraner, Methodisten, Baptisten, usw. Wenn sie glauben dass das Spinner sind liegt das Problem bei ihnen, nicht bei den Amerikanern. Ihre Charakterisierung der Church of the Latter Day Saints als Sekte ist bedenklich. Bitte machen sie sich hier kundig, sonst setzen sie sich dem Vorwurf aus intolerant zu sein. Ihre amerikanischen Freunde in New York werden das nicht gerne hoeren. Religoese Toleranz gehoert zum Selbstverstaendnis der meisten Amerikaner; das gilt auch fuer Atheisten. Gov. Huckabee ist Baptist. Sie sollten das wirklich in kuenftigen Artikeln praeziser darstellen. Bitte nutzen sie ihre Zeit in den USA Land und Leute besser kennen zu lernen und zu verstehen. Fuer viele Europaeer sind die USA am Anfang ueberwaeltigend. Es ist ein unglaublich diverses Land; um genau zu sein gibt es 300 Millionen Amerikas. Sie werden sich daran gewoehnen, aber sie muessen sich bemuehen nicht voreingenommen zu sein. Vergessen sie alles was sie ueber die USA zu wissen glauben. Reisen sie, New York ist untypisch. Und zeigen sie Toleranz im religioesen Beriech, sonst werden sie wenig Freunde finden.  

  2. 3. ...

    Frau Schweitzer, dein Artikel macht Behauptunge über Evangelikaler. Du hast über unser Glauben gesprochen ohne wenigstens etwas darüber wissen, und es hat mir nicht gefallen die Weise, dass du dich über uns bezogst: „Wer aber glaubt, Mormonen seien besser auf einer Star Trek Convention aufgehoben als im Weißen Haus, kennt die Evangelikaler nicht." Was ist das denn!? Du sprachst als wir verrückte Leute wäre. Wenn wir glauben, dass Gott die Erde erschaffen hat, du kannst es nicht kritisieren, weil du kennst uns nicht. Wenn du nochmal über uns schreiben will, lern mal besser über die Evangelikaler Doktrin, damit du kein Quatsch nicht mehr sagst. Alle dass, wir glauben, für uns ist Wahr, und in Zukunft wird jemand auch sehen die Wahrheit, dass Jesus Christ ist. Die Bibel sagt viele Sachen dass, Männer heutzutage sieht, sondern nicht verstehen, sagt. Der Antichrist besteht, er ist nicht nur ein Person, aber alle Leute dass, gegen den Herrn sind. Es ist Wahr dass, in die letzten Tage wird einen Mann kommen, jüdisch, als die Bibel sagt, dass wird Frieden für dem Welt vorschlagen, und dass, für jede Leute die, nicht an Jesus glaubt, angenohmen wird. Aber es ist anders weil, als diesen Mann kommt, Ihr dass, nicht glauben, alle Prophezeiung wichtig werden sehen wird und dann, werden einigen auch glauben. Bevor du gegen was du nicht kennst sprechen, denk mal besser.       

  3. Mir stehen die Haare zu Berge! Wie weit darf man seine Unkenntnis noch offenbaren, ehe jemand einschreitet und die Veröffentlichung solchen verbalen Unsinns noch rechtzeitig stoppt!??Lieber Frau Schweitzer, bitte informieren Sie sich doch, ehe Sie etwas veröffentlichen! Auch in diesem Lande gibt es nebst Experten "real existierende" Evangelikale, die Ihnen sicher behilflich sein könnten, einen ersten Einblick zu bekommen! So viel Begriffsvertauschung und -vermischung darf einfach nicht sein!

  4. Ich wünsche Frau Schweitzer in NYC religiöse Freiheit - und nicht religiöse Toleranz. Was sollte die Pedanterie? "Evangelikaler" trifft Form und Ausdruck amerikanischer Religiosität (Moralität?) weitaus besser als die meinetwegen präzisere Darstellung "Baptist". Schliesslich sollte die Kolumne ja auch nicht theologischer Natur werden. Die etwas altväterisch anmutenden "Guten Ratschläge" des Kommentators vr..... klingen enorm reserviert, doch gleichzeitig so wohlwollend: obwohl Ihr Land mehr als irgendwo Bürgerrechte, die Freiheit zu sagen und zu denken (und zu verteidigen), was Dir beliebt, Allen zugesteht, scheint halt im Vergleich mit Europa doch unendlich Viel in den USA unter kollektiven Zwänge(reie)n zu stehen, und ein für uns nur schwer verstehbarer, empfindlicher Nationalstolz existiert, der Sie gesamthaft immer wieder (von Neuem) auf Ihre für Sie typische Non-Plus-Ultra-Ausrichtung konditioniert. Ich jedenfalls mache mir keine Sorgen darüber, dass die Kolumnistin Schweitzer selbst Freunde findet, und dass sie bestimmt zahlreiche hat, hüben wie drüben, denn ihre aufheiternden lockeren und gut verständlichen Kolumnen legen einen offenen Geist nahe, der ebensoviele solche anzusprechen vermag. Aber Ihr Amerikaner wieder - dabei meint Ihr es doch nur gut ... Icarus

  5. Ich finde erschütternd, was einige hier in der Kommentarrubrik geschrieben haben. Es steht fast zu befürchten, dass Deutschland, wie die USA, auch bald nicht mehr zu den aufgeklärten Ländern gezählt werden kann.viele GrüßeTrench

  6. Jedes Mal wenn uns Eva Schweitzer ihre wirren Ansichten kundtut, dreht sich mir der Magen um – und das nicht nur aufgrund ihres sehr bemueht wirkenden Schreibstils.  Die Trennung von Staat und Kirche hat ueberhaupt nichts damit zu tun, ob die Bevoelkerung eines Staates religioes ist oder nicht, oder welcher Glaubensrichtung sie mehrheitlich anhaengt. In den USA herrscht keine Schizophrenie, sondern das Gegenteil davon. Staat und Kirche sind getrennt, so dass einjeder seine Religion frei ausueben kann. Dies schliesst auch jene Glaubensrichtungen ein, denen Frau Schweitzer noch keine Existenz-Genehmigung erteilt hat. Und woher sie diese Insider-Informationen hat was Rudy Giuliani im TV guckt ... ich denke, das ist groesstenteils Fantasie. Religion im US-Wahlkampf – prinzipiell ein recht interessantes Thema, koennte man meinen. Das Problem, Frau Schweitzer, ist, dass Ihnen sowohl das Hintergrundwissen als auch das journalistische Talent fehlen, darueber einen interessanten Artikel zu schreiben. Also fabrizieren Sie eine tumbe Mischung aus Klischees, Halbwissen, und frei Erfundenem, welche weder unterhaltsam ist noch informativ, und verbreiten das ganze dann auf dem stilistischen Niveau einer Schuelerzeitung. Ich frage mich allmaehlich, wie lange Sie noch durchhalten werden als “Kolumnistin” der ZEIT. Sie sind ja schon oefter ins Fettnaepfchen getreten (ich erinnere mich noch mit Grauen an den misslungenen Colbert-Beitrag). Und nun nehmen Sie sich einem Thema wie diesem an ... Vielleicht sollten Sie einfach mal darueber nachdenken, kleinere Broetchen zu backen. Schreiben Sie was ueber Schuhe. Sie wuerden uns allen einen grossen Gefallen tun. 

  7. ...am besten über die von Condoleezza Rice...Icarus

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  • Quelle ZEIT online, 13.12.2007
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