Jahresausblick Die zersplitterte Gesellschaft
Was ist arm, was ist reich? Gebräuchliche Kriterien wie Einkommen und Bildungsstand beschreiben die Wirklichkeit in Deutschland nicht mehr. Grenzen zwischen den Schichten lösen sich auf. Die Risiken muss jeder alleine tragen
Über kaum etwas herrschen in Deutschland so viele Fehleinschätzungen und Vorurteile wie über das Einkommen von Angehörigen prestigeträchtiger Berufe. Die Vermögensverhältnisse und -diskrepanzen früherer Zeiten wirken in unseren Köpfen noch nach. Unsere Ökonomie hat sich so schnell verändert, dass unsere gewohnheitsmäßigen Vorstellungen über andere Menschen im selben Land nicht hinterhergekommen sind. Immer noch gebräuchliche Begriffe wie "Götter in Weiß" lassen Großmutters Ehrfurcht aufscheinen.
Tatsächlich sind gerade die Einkommen von Akademikern viel niedriger, als die Mehrzahl der Bürger annimmt. "Frei, aber arm" hieß ein Beitrag in der Sendung Monitor vom 15. November 2007, der Folgendes beschrieb: Rund 15 Prozent der deutschen Architekten sind arbeitslos. Etwa 30 Prozent der freiberuflichen Architekten verdienen monatlich weniger als 1250 Euro netto.
Ähnlich ist die Lage von Journalisten und Rechtsanwälten: Freie Zeitungsjournalisten verdienen durchschnittlich 1200 Euro netto im Monat. Seit 1995 sind die Gewinne von auf eigene Rechnung arbeitenden Anwälten um rund 30 Prozent zurückgegangen. Das durchschnittliche Einkommen eines solchen Anwalts liegt bei 1500 Euro netto im Monat.
Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Konjunktur erlebt einen Aufschwung. Dennoch sind in Deutschland nach wie vor mehr als drei Millionen Menschen ohne Arbeit, weitere drei Millionen Erwerbstätige erhalten weniger als 940 Euro netto im Monat. Immer häufiger trifft es auch Gruppen von Arbeitnehmern, die bisher eigentlich immer ganz gut verdienten.
Wer von einer "gespaltenen Gesellschaft" spricht, meint damit häufig fälschlicherweise eine duale, horizontale Spaltung in oben und unten, arm und reich. Doch die Risse, die durch unsere Gesellschaft gehen, werden in Zukunft vielfältiger sein. Sie werden die Gesellschaft stärker vertikal teilen, etwa durch Einkommensgefälle innerhalb derselben Berufsgruppe, etwa unter Anwälten und Ärzten, sie werden weniger vorhersehbar sein und plötzlicher auftreten.
- Datum 19.12.2007 - 02:48 Uhr
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Tanja Dückers hat schon recht, aber mit dieser Aussage finde ich mich nicht ab:
"Man kann heute - das haben wir den Amerikanern nachgemacht - schneller vom Barkeeper zum gefragten Model werden und danach wieder an den Tresen geraten, diesmal vielleicht auf der anderen Seite. Diese Aussicht ist alles, was wir den ökonomisch Abgehängten in Zukunft bieten können."Ich hoffe ehrlich nicht, dass das alles ist, was wir in Zukunft "ökonomisch Abgehängten" bieten können. Und dass Amerika unseren Politikern und Wirtschaftsbossen die Richtung vorgibt, ist die eine Seite, die Andere sind die Deutschen und Europäer, die anders als die amerikanischen Schäfchen (mit ihrem albernen Glauben an den American Dream) mit der Entwicklung ihrer Gesellschaften nicht im Mindesten zufrieden sind.Und im Übrigen auch nicht sein können, denn Wohlstand ist genügend da, er muss nur richtig verteilt werden und da hapert es zunehmend. Mag sein, dass die heterogenere Gesellschaft auch eine Ursache ist, aber dann müssen halt neue Konzepte für Verteilungsgerechtigkeit gefunden werden. Dies gilt natürlich ebenso für die Politik, das Parteienkonzept stammt noch aus Klassenkampfzeiten und bildet das zunehmend heterogene Meinungsbild der Bevölkerung nicht mal mehr annähernd repräsentativ ab. Fangen wir doch mal dort an!
Gerechtigkeit ist ein großes und untaugliches Wort. Kaum ein anderer Begriff wird so individuell besetzt wie dieser. Ihn dann auch noch in einer Diskussion um gesellschaftliche Prozesse einzusetzen, bringt uns nicht weiter.Diese andersartig strukturierte Gesellschaft braucht keine Umverteilung sondern Chancengleichheit. PISA zeigt hier sehr deutlich, dass die BRD hier viel aufzuholen hat. Menschen sind durchaus in der Lage für ihr Wohlergehen selbst zu sorgen, ihnen das abzunehmen macht sie zu Drohnen, die nicht denken wollen, also zu einem Abbild des typischen faulen, fressenden, saufenden und fernsehglotzenden Etwas, das so gern als Klischee für Sozialhilfeempfänger und Hartz-4-Bezieher genommen wird.Eine linke/sozialistische/wasauchimmer Revolution auszurufen ist ziemlich lachhaft, bislang haben sich noch alle Regime überlebt, die ihre Bevölkerung entmündigt haben.
Es geht lange nicht mehr nur um ökonomisch Abgehängte, sondern um eine Entwicklung, die die Gesellschaft bis weit in die Mitte trifft: Der Prozess, der die Gesellschaft spaltet ist die Abwertung von Arbeitsleistung in jedweder Form (siehe Entwicklung von Kapitalrendite versus Löhne im letzten Jahrzehnt). Praktikantenplätze statt Festanstellung, Leiharbeitskräfte, Scheinselbstständigkeit und viele andere kreative Versuche diejenigen, die nur ihre Haut zu Markte tragen können an einer Teilhabe möglichst effektiv zu hindern, sind die Instrumente der Gesellschaftsspaltung. Das trifft auf nahezu alle Arbeitsleistende beinahe jeder Qualifikationsstufe zu und gilt selbst für freie Berufe zu: Das was im Produktivbereich die Produktionsfaktoren sind, ist hier der Besitzstand eines Namens, einer Marke eines (häufig nicht selbsterworbenen) Renommees. Der Arzt, der vom Vater eine Praxis mit gutem Privatpatientenstamm übernimmt wird ganz anders verdienen, als der Neugründer - ähnliches gilt für den Anwalt oder den Architekten. Der American Dream ist eher sowas wie der Reinkarnationsglaube: Ein jenseitiger Grund ohne Murren zu ertragen, wenn es einem im Diesseits auch noch so bescheiden geht. Für den überwiegenden Teil der Bevölkerung somit eher ein Albtraum.Die Inflation bei Arbeitseinkommen hat aber gerade erst begonnen - die Globalisierung fordert auch weiterhin ihren Tribut in zweierlei Hinsicht: a) Der globale Wettbewerb um Kapital wird weiterhin ein Renditewettbewerb bleiben und somit zu größtmöglichen Lohnkonsollidierung führen, die noch machbar ist (i.e. wofür man noch jemanden bekommt: cave! Kombilohn) b) Auf der Angebotsseite wird v.a. aus China und Indien eine gigantische Arbeitskräfteschwemme den ehemaligen Monopolisten für hochqualifizierte Tätigkeiten aus der ersten Welt den Rang ablaufen.Der deutsche, der rheinische Kapitalismus, ein Konsenskapitalismus mit sozialer Integrationskraft ist tot und kommt (leider) nicht wieder zurück. Die Demarkationslinie durch die Gesellschaft wird fortan von Besitz und Erbe gezogen. Wer heute Arzt/Anwalt ist wird nicht mehr reich - wer Vater und Großvater in diesem Bereich hatte ist es automatisch. Vor dem Hintergrund der sich verschärfenden internationalen Konkurrenz und dem kleinerwerdenden Kuchenstück, das für Deutschland in toto bleibt, wird der alte Verteilungskampf zwischen Kapital und Arbeit neu seine häßliche Fratze enthüllen und sicher nichts zum sozialen Frieden im Land beitragen. Das Positive, das die Autorin hierin auch findet, erschliesst sich mir leider nicht.
Franziskarr38 Der Zustandsbeschreibung von Tanja Dückers kann man wohl zustimmern, aber mit "ttob" ist anzufragen, wie es denn weitergehen soll.Lassen wir es, wie es ist, oder fragen wir uns vielmehr und möglichst laut: wollen wir eine solche Gesellschaft tatsächlich haben ?Leute, die 56 Millionen (in deutschen Worten: sechsundfünfzig MILLIONEN Euro) pro Jahr verdienen und sich darüber auch wahrlich keinen Kopf machen und dies auch noch als korrekt und angemessen empfinden, und Leute, die mit Hungerlöhnen ihr Dasein fristen müssen, obschon sie vierzig und mehr Stunden die Woche arbeiten und damit sicher nicht weniger an "Leben" einbringen und "leisten" als ein Autoboss - wollen wir das wirklich ?! Egal, ob man es horizontal oder vertikal betrachtet: diese Form der "Entlohnung" sollten wir uns nicht noch länger bieten lassen !Das hat ja nichts -wie man sehr schnell einwenden wird- mit Sozialneid zu tun, es geht einfach "nur" um eine gerechtere Verteilung der erwirtschafteten und zur Verfügung stehenden Mittel.Wie kann es sein, dass der Boss derartige Unsummen einstreicht, und die, die den Gewinn erwirtschaftet haben, daran so gut wie überhaupt nicht teilhaben können ?Wie kann es sein, dass das Management über Milliarden verfügt, während unsere Sozial- und Bildungssysteme gravierende Not leiden ?Wie kann es sein, dass selbst härteste Arbeit nicht mehr so viel Lohn erbringt, dass man davon leben oder gar eine Familie ernähren kann ?Wie kann es sein, dass mehrere Millionen unserer Kinder unterhalb der Armutsgrenze leben müssen und kaum Chancen haben, aus dieser Misere herauszukommen ?Wie kann es sein, dass man nur selten davon gehört hat, dass die Superverdiener einen Kindergarten, eine Schule oder einen Jugendtreff gestiftet haben ?Wie kann es sein, dass die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft zwar viele, viele Sonntagsreden halten, aber es bis heute nicht geschafft haben, wenigstens die Kinderarmut zu beseitigen ?Na gut, reden wir über Klimaschutz: die uns tatsächlich heute "auch noch" betreffenden und bedrückenden Probleme handeln wir dann mal bei Anne Will ab - und da belassen wir sie auch besser...
Als einer von denen, die nicht erben werden, habe ich bisher das Glück, nach insgesamt 22-jähriger Schul-, Berufs- und Hochschulausbildung zu denjenigen zu gehören, die von ihren erworbenen Kompetenzen gut leben können. Allein, eine Wahrnehmung von Sicherheit, dass das auch in Zukunft so sein wird, will sich leider nicht so recht einstellen und ich kann nicht sagen, dass das Dingen wie Familienplanung oder Unbeschwertheit zuträglich wäre. Obwohl in einem Bereich (angestellt) tätig, der mir zumindest die Perspektive einräumt, in einigen Jahren selbst zur Riege der wirklich gut Verdienenden zu gehören, sorge ich mich um die stetige Verschiebung zwischen der Entlohnung des Arbeitsfaktors "Arbeit" und dem Faktor "Kapital". Die zunehmend krassen Unterschiede zwischen der Entlohnung einfacherer und komplexerer Tätigkeiten ist nicht dasselbe, sondern ein weiteres Problem, welches nicht nur sozialen Frieden im Land, sondern ganz konkret auch Motivation und damit Arbeitsqualität beeinflusst. Bei meinen eigenen Mitarbeitern habe ich vor wenigen Wochen beobachten können, wie kleine, unternehmerisch tragbare Maßnahmen sehr positiv wirken: ich habe jedem Mitarbeiter ohne deren Nachfrage zum 1.1. eine Gehaltserhöhung um knapp 5% mitgeteilt, das entsprach etwas weniger als der Gewinnsteigerung des Unternehmens im gleichen Zeitraum. Die Kollegen sind die letzten Wochen so gut drauf gewesen, allein dafür hat es sich gelohnt. Und ich weiß, wenn es Not tut, kann ich jeden zu jeder Zeit anrufen und sie kommen. Ich weiß, dass sie regelmäßig Headhuntern absagen, die ihnen mehr Gehalt bieten. Und ich weiß, dass sie ihren Urlaub nicht durch krankfeiern erweitern, loyal sind und allein durch diese Dinge einen wesentlichen Mehrwert generieren. Natürlich hält dieser Effekt nicht ewig an, aber er wäre überhaupt nicht eingetreten, wenn unsere Geschäftsführer oder ich das hundertfache der Kollegen verdienen würden oder unsere Gehaltsverbesserungen das Zehnfache betrügen. Und dass das in vielen Unternehmen so ist, das wird uns in Deutschland noch um die Ohren fliegen, nicht politisch, sondern ökonomisch, weil Produktivität, Loyalität und Kreativität in solchen Umfeldern drastisch abfallen. Zu den asiatischen Hochqualifizierten: lächerlich. Bis von dort der erste kommt, der einen in Deutschland ausgebildeten Akademiker (nicht-Ingenieur) adäquat ersetzen kann, werden noch Minimum 20 Jahre ins Land gehen. Zudem gibt es viele Bereiche -Marketing, Vertrieb, Controlling (HGB vs. IAS vs. USGAAP etc.)- in denen eine kulturelle Prägung für den Erfolg zwangsläufig notwendig ist. Zudem: wir beobachten gerade, wie insbesondere in den USA der Protektionismus sein Comeback feiert. Das war eigentlich klar, weil der Kapitalismus (nicht der Markt) immer nur nach dem höchsten Vorteil strebt und wenn der freie Markt diesem im Weg steht, dann Adios! Europa wird mit mehr oder minder großem Eifer ebenfalls protektionisitischer werden, jede Wette.
Wie Sie selbst schon konstatieren sind die Asaiaten im Bereich der Ingenieurwissenschaften, aber auch im Bereich life-science ganz stark im kommen. Und die Chinesischen Absolventenzahlen sind (rein numerisch) geradezu erschreckend. Von 20 Jahren keine Rede. Und was denken Sie vermarkten, vertreiben oder controllen die nicht-Ingenieure, worüber streiten sich die Juristen etc. wenn die primäre Wertschöpfung nach Asien abwandert und wir nur noch solange international mitspielen dürfen, wie wir ein ausreichend kaufkräftiger Absatzmarkt sind - was notgedrungen bei abnehmender Primärwertschöpfung auch nicht besser wird? Schauen Sie sich mal den Jahresbericht der World intellectual Propertie Organisation (WIPO) zur Frage asiatischer Patentanmeldungen an . Noch bis Ende des Jahrzehnts liegt China hier international vorne - dann noch etwas Latenz bis zur Patentverwertung und dann?
Um einen nationalen Markt zu bedienen bedarf es nationalen Personals. Und sobald nationales Personal angestellt ist, braucht man Controlling, Personalabteilung etc. pp. Und verkaufen müssen auch die Asiaten, denn warum sollten sie sonst produzieren?By the way: nach Asien verlagern bisher nur Konzerne und große Mittelständler. Die ersten von denen kehren just im Moment reumütig zurück und viele werden noch folgen. Die großen Konzerne können der deutschen Ökonomie egal sein, die sind sowieso schon stark internationalisiert und machen gerade 10% der deutschen Wertschöpfung aus.Ausserdem: die Löhne steigen -wie in Polen oder Tschechien- so schnell zusammen mit dem Wirtschaftswachstum, dass in 20 Jahren der Vorteil so groß nicht mehr sein wird.
Die Frage ist ja wohl: wann fangen wir endlich an die junge Generation auf die veränderten Arbeitsbedingungen vorzubereiten. Statt ihnen weiterhin vorzugaukeln mit Fleiss und guten Noten gäbe es ihn noch, den gleichen Job bis zur Rente, die Stelle im höheren Dienst oder die geradlinige Karriere in der Deutschland AG. Alles was uns Frau Dückers hier an gesellschaftlichem Wandel beschreibt kann sie auch als Prognose nachlesen: in John Naisbitts "Megatrends", einem Buch aus dem Jahre 1982!
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