Arbeitswelt Das Kaufhaus der Freiwilligen

Die amerikanische Elektronikkette Best Buy hat nicht nur die Stechuhr abgeschafft. Es gibt überhaupt keine festen Arbeitszeiten mehr. Kann das funktionieren?

Jody Thompson sitzt auf ihrem Bett und liest. Cali Ressler meldet sich aus dem Einkaufszentrum. Die zwei sind im Dienst. Ein Interviewtermin ist ausgemacht, und ihn haben die beiden Personalmanagerinnen auch nicht vergessen. Doch so machen sie das eben bei Best Buy, der größten Elektronikkette in den USA, die so etwas ähnliches ist wie der MediaMarkt in Deutschland. Die Beschäftigten von Best Buy verbinden Arbeit und Freizeit - es ist das wohl größte Arbeitszeitexperiment seit Einführung der Stechuhr, angestoßen von Ressler und Thompson. 

Ihr Konzept ist radikal und geht weit über Gleitzeitmodelle oder Telearbeit hinaus: Es gibt keine vorgeschriebene Stundenzahl für die Beschäftigten. Keine Anwesenheitspflicht bei Besprechungen. Keine Kernarbeitszeit. Jeder Mitarbeiter entscheidet für sich, wann und wo er arbeiten möchte. Wer also lieber in die Matinee-Kinovorstellung geht, den Hund spazieren führen oder ein Nachmittagsschläfchen halten will, kann das tun. Statt Stunden nachzuweisen, zählt nur das Ergebnis: erledigte Aufgaben, abgearbeitete Projekte.

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Die beiden Frauen trennt fast eine Generation - Thompson ist Ende 40 und Ressler Ende 20. Doch als sie sich in der Best Buy-Zentrale in Minneapolis trafen, verstanden sie sich auf Anhieb. Sie waren sich einig: Die 8 bis 17 Uhr-Mentalität ist nicht mehr zeitgemäß. Gleichzeitig macht die moderne Telekommunikation wie mobiles Internet und Bildtelefon flexibleres Arbeiten möglich. Doch der erste Ansatz mit Gleitzeitmodellen befriedigte sie nicht. "Wir erkannten, dass nicht Flexibilität das Problem war, sondern die Struktur an sich." Und so beschlossen die beiden Personalmanagerinnen, einfach die komplette Struktur der Arbeitsorganisation bei Best Buy über Bord zu werfen.

Ihre Revolution starteten sie fast heimlich. "Es war so etwas wie eine Untergrundbewegung", erzählt Ressler. Sie sollte ein Problem lösen, das die Elektronikkette - einen Konzern mit 125.000 Angestellten und 37 Milliarden Dollar Umsatz im Jahr - schon lange plagte: Die hohe Fluktuation, die auf Unzufriedenheit schließen ließ. Eines Tages bat der Manager einer Abteilung mit extrem hoher Fluktuation und schlechtem Betriebsklima die beiden Personalmanagerinnen um Hilfe. Ressler und Thompson sahen die Chance, ihre Ideen in die Praxis umzusetzen. Sie schlugen ihm ein Experiment vor. Erst nach den ersten Erfolgen weihten die Personalmanagerinnen ihre Bosse ein - und erst im vergangenen Sommer segnete Best-Buy-Chef Brad Anderson die Initiative offiziell ab.

Die internen Statistiken zumindest geben dem Experiment bisher recht: Nach Angaben von Thompson und Ressler ist die Produktivität in den Abteilungen, die bereits auf ihr neues "ROWE"-Prinzip umgestellt haben, um 35 Prozent gestiegen. "ROWE" steht für " Results Oriented Work Environment ", wörtlich übersetzt mit "ergebnisorientierte Arbeitsumgebung". Bislang wendet vor allem die Zentrale "ROWE" an. Die nächste Herausforderung im kommenden Sommer: Dann will Best Buy das Konzept auch in den Elektronikmärkten selber einführen. Das ist schwierig - schließlich erwarten Kunden regelmäßige Öffnungszeiten.

Klar ist jedoch auch: Gerade beim Verkaufspersonal herrscht in der Einzelhandelsbranche die größte Unzufriedenheit und die höchste Fluktuation. Nicht nur niedrige Löhne, sondern auch die strikten Vorgaben der Stechuhr gehören zu den Gründen. Jährlich beläuft sich die Fluktuation der Belegschaft bei den großen US-Einkaufszentern auf 100 Prozent laut der Beratungsfirma AMR Research - das heißt innerhalb von 12 Monaten werden alle Angestellten eines Marktes entweder gefeuert oder gehen freiwillig. Dadurch kommt es nicht nur zu Störungen im Arbeitsablauf, sondern es entstehen zusätzliche Kosten, weil zum Beispiel neue Kandidaten angeworben und eingelernt werden müssen.

Best Buy kämpft ebenfalls mit diesen Problemen: Im Internet lästern Kollegen auf MySpace-Gruppenseiten wie Best Buy Losers Club über die "Hölle", die ihre Arbeitsstelle darstelle. Wie sie den Konflikt zwischen festen Öffnungszeiten und freier Arbeitseinteilung lösen wollen, darüber wollen Thompson und Ressler noch nicht zuviel verraten. Die beiden arbeiten seit kurzem auch nicht mehr bei Best Buy direkt, sondern bei einer Tochter namens CultureRX. Das Start up hat der Elektronikriese angeschoben, um das "ROWE"-Prinzip anderen Unternehmen zu verkaufen.

Trotzdem gab und gibt es auch unter den Best-Buy-Mitarbeitern eine Menge Widerstand. Nach wie vor sind nicht alle Mitarbeiter überzeugt vom neuen Arbeitszeitenkonzept. "Vor allem Manager fühlten sich bedroht", berichtet Ressler. Viele Abteilungsleiter sorgten sich, keine Kontrolle mehr über das Geschehen zu haben. Um die Leistung von Mitarbeitern beurteilen zu können, müssen die Teamleiter nun genaue Zielvorgaben machen und immer neu anpassen. "Das ist eigentlich die ureigenste Aufgabe der Manager, nur in der herkömmlichen Struktur wird das unter Büropolitik und Kontrollmechanismen begraben", sagt Thompson.

Die Umstellung kommt nicht über Nacht. Die Abteilungen lernen über sechs bis neun Monate, wie sie mit dem Modell umgehen. Der wichtigste Erfolgsfaktor ist für die Initiatoren die Veränderung der inneren Haltung. Vor allem am Anfang fallen viele in alte Gewohnheiten zurück. Da werden E-mails bevorzugt, am späten Abend losgeschickt, um zu zeigen, wie lange man noch am Computer sitzt, oder es fallen spitze Bemerkungen über Arbeitsmoral.

Kritiker sehen die Gefahr von "ROWE" allerdings darin, dass die Arbeit einen immer größeren Raum einnimmt, weil die Mitarbeiter sich immer und überall im Einsatz fühlen. Ein Problem, das ihnen niemand abnehmen kann. "Jeder muss seine eigene Balance finden", sagt Thompson. Und räumt ein: "Das ist nicht leicht." Aber in einem traditionellen Arbeitsmuster sei dieses Abwägen erst gar nicht möglich.

"Wir bekommen viele Anfragen aus Europa, obwohl doch dort die 35-Stundenwoche eingeführt ist und die Leute länger Urlaub haben", berichtet Ressler. Für sie ist klar: Unternehmen, die junge Talente sichern wollen, brauchen Modelle wie "ROWE". Die junge Generation ist es gewohnt, per Telekommunikation mit Leuten auf der ganzen Welt zu kooperieren, fließende Übergänge zwischen Arbeit und Freizeit zu managen. "Es passt zu ihrem Lebensstil, wer sie an den Schreibtisch fesselt, verliert sie." Dann verabschiedet sie sich, um ein Geburtstagsgeschenk für den Sohn zu kaufen.

 
Leser-Kommentare
  1. ... jeder Angestellte ist ein kleiner Unternehmer und soll sich und seine Ziele selbst managen. In der beschriebenen Form klingt das für mich weder besonders revolutionär noch wünschenswert - zumindest für den Angestellten.

    • Anonym
    • 28.12.2007 um 17:57 Uhr

    Best Buy ist eine Verkaufskette. Colorado Springs hat drei Best Buys. Die Laeden sind offen von 9:30 morgens bis 9:30 oder 10:30 abends, sieben Tage die Woche. Nun, zu jedem Zeitpunkt muss eine bestimmte Anzahl von Verkaufspersonal vorhanden sein im Laden, je nachdem ob man Stosszeiten (wie abends und Samstags/ Sonntags)  hat oder Ruhezeiten (morgens bis etwa 11 Uhr und den ganzen Tag Montags)  hat.Diese Anzahl der Verkauefer muss irgendwie von einem Manager geplant werden. Der Artikel erweckt den Eindruck, als koennte ein Verkauefer gerade reinlatschen und sagen, ich arbeite jetzt fuer 1.5 Stunden, dann verschwinde ich wieder. So kann die Logistik nicht funktionieren.

    • Anonym
    • 28.12.2007 um 18:14 Uhr

    und beim besten Willen, kann mir das nicht vorstellen, dass jeder zur Arbeit erscheint, wann ihm gefällt. Das kann nicht funktionieren, so wie es im Artikel beschrieben wird.Es wird nicht nachgefragt, was dann, wenn das...?

    • sebasa
    • 28.12.2007 um 19:01 Uhr

    An dem Arbeitszeitmodell für das Personal in den Läden wird ja laut Artikel noch gearbeitet. Ganz so flexibel wie in anderen Abteilungen wird es dort sicher nicht möglich sein. In den Verwaltungsebenen bzw. dort wo die Arbeit in Projekte aufgeteilt werden kann, die eventuell auch am heimischen PC bearbeitet werden können, ist ein solchen Arbeitszeitmodell aber durchaus vorstellbar.Ich sehe allerdings auch die Gefahr der dadurch schwieriger werdenden Trennung zwischen Arbeit und Freizeit. Denn wenn feste Vorgaben für Arbeitszeiten fehlen, führt das quasi zwangsläufig zu einem Ständig-verfügbar-sein-müssen, auch in der Zeit, die man sich selbst als Freizeit ausgesucht hatte.Wahrscheinlich ist für die Mehrzahl der Angestellten deshalb ein normales Gleitzeitmodell angenehmer und einfacher.

    • Anonym
    • 28.12.2007 um 19:40 Uhr
    5. sebasa

    In backoffice Bueroarbeit kann ich mir das unter Umstaenden vorstellen.Aber auch da muessen die meisten Dinge  mit einem taeglichen Zeittakt erledigt werden. Die Anwesenheit im Buero ist oft nicht mehr notwendig. Zum Beispiel hat Oracle seinen internationalen Database Support in Colorado Springs. Meine Schwiegertochter arbeitet da. Oracle hat ihr ein Buero in ihrem Haus eingerichtet, in dem sie internationale die Telephone-Support Arbeit erledigt. Sie muss nur einmal in der Woche in's Oracle Gebauede gehen. Auch hier ist ein Zeitplan notwendig. Ganz allgemein kann ich mir eine Arbeit ohne Zeitplan nur vorstellen, wenn man sehr weit vom taeglichen Geschehen,  also dem taeglichen Zeittakt entfernt  ist. Und das duerfte nur ein sehr, sehr  kleiner Teil der Angestellten einer Verkaufskette wie Best Buy sein. Stechuhren sind natuerlich ein anderes Thema. Die sind nicht mehr weit verbreitet in der USA. Flexzeit ist auch sehr verbreitet, aber zumindest der naechste Tag muss da geplant sein, damit der Manager weiss, wie er seine Angestellten einsetzen soll. Auch kann ich mir nicht vorstellen, dass Angestellte nicht eventuell per geleistete Arbeitsstunde bezahlt werden. Wenn etwas so weit entfernt ist vom taeglichen Zeittakt, dass man fuer ein geliefertes Produkt bezahlt, dann heuert man einen Consultant mit spezifischen Skills,  der fuer ein Programm oder einen Report X Dollar bekommt. Angestellte sind fuer sowas zu wertvoll, und auch durch all die benefits und die Personalverantwortung zu teuer.  Ich habe fuer Jahre als unabhaengiger Consultant fuer Software Firmen in Colorado Springs gearbeitet, und ich habe fuer ein finished Product Rechnungen erstellt, nachdem ich meinen Festjob in NY aufgegeben habe. Es ist ziemlich klar, was "farmed out" werden kann, also wenig Interaktion braucht,  und auch wird, und fuer was man Angestellte braucht, weil da viel Ineraktion mit Anderen ist.  Eine Konfusion war da nie.  Und Interaktion heisst irgendeinen Zeitplan.
    Ich bleibe dabei, die Journalistin hat da irgendetwas an der Grund-Logistik falsch mitgekriegt.

  2. dass dieses Program je eingesetzt wird . BEST BUY hat heute schon den Ruf dass man nie Hilfe bekommt beim Einkauf ,denn Best Buy wie viele andere Laeden,haben nur noch ein Minimum an Vollzeit Angestellten,der Rest ist Teilzeit.Und es ist ueblich dass die,die flexibel sind die meisten Stunden zugestellt bekommen,der Rest,der nur ein Minimum an Zeit zur Arbeit kommen will bekommt dann immer weniger Stunden zugebilligt.Schliesslich muss ein Store Manager wissen wer taeglich zur Arbeit kommen wird/ der Trend ist eher dass viele Geschaefte dazu uebergehen dass die Leute ihren eignen Einkauf scannen auch abrechnenSeit es per Karte oder Cash-Automaten.Die Gewinnspanne im Einzelhandel wird immer schmaeler ,die Konkurrenz haerter und oft kann nur noch bei Gehaeltern gespart werden.

    • Anonym
    • 29.12.2007 um 1:40 Uhr
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    Sie haben da einen Punkt. Vielleicht will Best Buy das Verkaufshaus ohne Verkaeufer schaffen. Wuerde mich nicht ueberraschen. Aber nochmals: was die Journalistin verstanden hat, ist mit Sicherheit BS. Home Depot (Baumarkt), ein etwas anderes Geschaeft, ist schon beinahe so weit.Meistems ist nur ein Cashier offen, und dann eine Batterie von Self-Scan Stationen. Ich gehe nur noch in die Self-Scan Stationen, weil man schneller aus dem Laden ist.

  3. ich habe auch den Eindruck dass da was vorloren ging in der Uebersetzung...denn solche utopischen Ideen ueber den Einsatz von Arbeitskraeften gibt es offenbar nur bei Journalisten.

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