Empfehlungen Lesen zum Fest

Sie wissen nicht, welches Buch sie verschenken sollen? Wir haben in der Redaktion herumgefragt, was man lesen könnte. Hier sind die Tipps von ZEIT online.

An den Weihnachtstagen macht man es sich daheim gemütlich. Draußen ist es kalt, und zwischen Großelternbesuch und Festmahl bleibt oft soviel Zeit. Diese verbringt man gern auf dem Sofa, mit Tee und Lebkuchen - und einem Buch! Nur mit welchem? Wir haben einige Anregungen.

Ryszard Kapuściński: Imperium - Sowjetische Streifzüge (Eichborn)

Drei Gründe, zwischen den Jahren dieses Buch zu lesen: Dieses Jahr war traurig. Auch deshalb, da es mit dem Tod Ryszard Kapuścińskis im Januar begann. Die Afrika-Reportagen des polnischen Journalisten zählen noch immer, Jahrzehnte später, zum Besten, was man über den Kontinent lesen kann. Sie sind voller Menschenliebe und doch analytisch, manchmal sogar kalt und hart.

Das kommende Jahr wird ein russisches: Es wird eine Präsidentschaftswahl geben, deren Ergebnis schon jetzt feststeht. Wir werden Russland auch 2008 nicht begreifen. Wie würde Kapuściński uns Russland erklären? Er würde schreiben, was er damals auf seiner Reise durch die alternde UdSSR sah: "Lerne zuzuhören, lerne Demut, lerne, deine Person so klein wie möglich zu machen." Und dann würde er fragen: Stimmt das? Was wissen wir schon!

Und 2008 wird ein Jahr, in dem Deutsche und Polen sich noch näher kommen: Seit einigen Tagen wird an der gemeinsamen Grenze nicht mehr kontrolliert. Vielleicht kann dieser Pole uns eine Lektion lehren: Mit seiner Skepsis gegenüber allen Staatsgebilden, mit seiner großen Liebe für die Menschen dort. Und mit seiner Sprachgewalt, die nicht selten an Alfred Döblin erinnert. Mit dem Unterschied, dass Döblin nie gern reiste. Carsten Lissmann

Jacques Berndorf:Ein guter Mann (Heyne)

Man muss kein James-Bond-Fan sein, um in diesem Buch kleben zu bleiben. Ein guter Mann ist das schriftliche Pendant zur US-Serie 24 : Ein Agent allein gegen den Rest der Welt. Der BND-Mann Müller gerät zwischen die Fronten religiöser Terroristen (ausnahmsweise mal keine islamistischen) und befreundeter „Bruderdienste. Nebenbei fliegen ihm sein Familien- und Liebesleben um die Ohren.

Jacques Berndorf schildert sehr anschaulich den drögen Beamtenalltag und die hektischen Ausnahmesituationen innerhalb des BND. Der Schriftsteller, der früher als Journalist unter anderem für Spiegel und Stern schrieb, muss ziemlich gute Kontakte zum "Dienst" gehabt haben. Er war der erste Außenstehende, der im BND recherchieren durfte. Staatsgeheimnisse lüftet er nicht, aber seine Insiderkenntnisse verleihen der Geschichte mehr Glaubwürdigkeit als dem üblichen Thriller und vor allem absolute Hochspannung. Gutes Futter für die Feiertage. Carolin Ströbele

Sky Nonhoff:Don't Believe The Hype! Die meistüberschätzten Platten der Popgeschichte (Fischer Verlag)

Über guten Musikgeschmack lässt sich freilich streiten, meint der Journalist Sky Nonhoff. In seinem Buch Don't Believe the Hype! durchwühlt er die vergangenen 50 Jahre und fördert die meistüberschätzten Platten der Popgeschichte zutage. Nonhoff demontiert die scheinbar unantastbaren Ikonen: Elvis, Madonna, Led Zeppelin, Marvin Gaye - sie alle kriegen ihr Fett weg. Kenntnisreich und spitzzüngig beschreibt er die Entstehung ihrer Werke und erklärt, wie sie so bekannt und beliebt werden konnten.

Mit der Zeit habe Bob Dylan den Kosmos der Musikgelehrten in ein Märchenland verwandelt, in dem 364 Mal im Jahr sein Nicht-Geburtstag gefeiert werde. Die Red Hot Chili Peppers hätten immer ein Fass voll Bocklaune für Zwölfjährige und Zwölfgebliebene dabei. Und zu Nico merkt er an, dass doch Nihilismus und seelische Verkrüppelung noch nie eine Kunstform dargestellt hätten.

Das mag auf den ersten Blick zynisch und destruktiv anmuten, doch Nonhoff gibt dem Leser auch noch eine Liste der meist unter schätzten Popwerke an die Hand.

Man muss ihm nicht alles glauben, zumindest aber ist sein kanonkritischer Ansatz sehr erfrischend. Ein unterhaltsames Kompendium für Musikfreunde, die Lust haben, alte Hits mit anderen Ohren zu hören. Rabea Weihser

Sten Nadolny:Die Entdeckung der Langsamkeit (Piper)

Dieses Buch ist perfekt, um dem Weihnachtsstress zu entfliehen. Der Protagonist John Franklin geht mit 15 Jahren auf ein Schiff, reist um die Welt und wird trotz seiner Langsamkeit ein berühmter Polarforscher. Er entdeckt Neuland, begegnet dem Krieg, der Einsamkeit und der Liebe. Klingt furchtbar kitschig, ist es aber nicht. Besonders da Nadolny den Leser nicht nur auf die Reise mitnimmt, sondern auch die Langsamkeit als etwas sehr Kostbares erkennt. Natascha Heinrich

Dimitri Verhulst:Die Beschissenheit der Dinge (Sammlung Luchterhand)

Weihnachten bedeutet Familie, und die kann auch eine Strafe sein. Der belgische Autor Dimitri Verhulst erzählt die Geschichte seiner Familie, einer saufenden und raufenden Sippschaft in einem belgischen Kaff. Sie essen rohes Hackfleisch, veranstalten Trinkwettbewerbe und denken über Arbeit nicht einmal nach. "Gott schuf den Tag, und wir schleppten uns hindurch" ist ihr Motto, Roy Orbison das gemeinsame Idol, weil auch der "bisweilen ein Scheißleben führte". Hochkomisch, unappetitlich, erbarmungslos - ein tolles Weihnachts-Kontrastprogramm. Meike Fries

David Mitchell:Der dreizehnte Monat (Rowohlt)

Ein Buch aus der Perspektive eines Dreizehnjährigen zu schreiben - das muss man erst mal schaffen, ohne weder anbiedernd noch langweilig zu wirken. David Mitchell hat es gewagt und versetzt einen auf ganz wunderbare Weise zurück in die problemüberfrachtete Pubertät und nebenbei in die achtziger Jahre, in denen es noch keine Handys gab, sehr wohl aber Kriege und Provinzfeste - und natürlich Eltern, die sich mit einem Mal sehr merkwürdig verhalten. Zum Verschenken, aber vor allem auch zum Schenken lassen. Wenke Husmann

Hunter S. Thompson:Hell’s Angels (Heyne)

Wer keine Zeit oder Muße mehr hat, den ganzen Tag mit dem Motorrad über die Highways zu rasen, sich hoffnungslos zu betrinken und sich mit dem Nächstbesten zu prügeln - dessen Leben muss nicht vorbei sein. Nein, er kann sich sogar in die Zeit einlesen, in der diese Hobbys so manchem als glorreich galten. Zum Beispiel den Spätsechsziger Hell's Angels. Der leicht verstörte Drogenpapst der Journalisten, Hunter S. Thompson, nistete sich für sein ausgedehntes Reportagewerk in der gefährlichen Rockergang ein. Wer denkt, in der Mischung aus Thompson und den Angels treffe Gleiches auf Gleiches, der irrt: Thompson wirkt fast wie ein Hänfling verglichen mit den harten Rockerjungs. Ein schüchternes, ängstliches Mauerblümchen, der im Umgang mit Alkohol, Drogen und Gefahr - obwohl nicht ungeübt - seine Meister findet. Diese Rolle kann sich der Sesselheld an Weihnachten einnehmen, ganz ohne den Highwaystaub und Messerwunden, bevor ihn Mama zur Weihnachtsgans ruft. Adrian Pohr

Craig Thompson:Blankets (Speed Comics)

Eine Kindheit im schneekalten Wisconsin, die Mitschüler hänseln, das Bett wird mit dem kleinen Bruder geteilt, und die Eltern haben nichts als die Bibel im Kopf. Und plötzlich rauscht ein Mädchen ins Leben, im christlichen Jugendcamp, im Haschischnebel: Raina. Was für ein Name! Craig Thompson erzählt die Geschichte seiner ersten Liebe. Auf mehr als 560 Seiten. Als Comic! Blankets ist die größte Graphic Novel der amerikanischen Literaturgeschichte. Entwaffnend ehrlich, intim und dazu phänomenal illustriert. David Hugendick

André Gorz:Brief an D. (Rotpunktverlag)

Als André Gorz seine Frau in den Straßen von Lausanne ansprach, war sie gewarnt: Jude sei er und Österreicher, uninteressant also. Ob sie tanzen wolle? "Why not", habe sie geantwortet. 60 Jahre später erzählt der große Sozialtheoretiker und Gründer der Zeitschrift Le Nouvel Observateur die Geschichte ihrer Ehe, vom Anfang bis zum Ende. Entstanden ist ein Buch über das Wichtige und Schöne. "Bald wirst Du jetzt zweiundachtzig sein. Du bist um sechs Zentimeter kleiner geworden. Du wiegst nur fünfundvierzig Kilo, und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert", beginnt Gorz. All das ist so einfach und wahr, dass man noch nicht mal auf die Idee kommt, hier verführe uns jemand zum Kitsch. Ende September dieses Jahres nahmen sich die beiden alten Eheleute das Leben. Man fand sie nebeneinander liegend auf ihrem Bett. Ihre Geschichte bleibt. Philip Faigle

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Rezensionen, Autorenporträts und Bildergalerien aus der Welt der Literatur finden Sie auf www.zeit.de/literatur

 
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