Ausblick "Zu schick! Zu heiß! Zu richtig!"

Die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn behauptet: Die Mittelschichten haben das Schuften und Konsumieren satt. Sie wünschen sich einen schlichteren Lebensstil. Thomas Fischermann hatte aber noch Fragen.

ZEIT Online: Bevor wir darüber sprechen, was Sie für 2008 erwarten - erklären Sie uns doch bitte kurz, wie eine Trendforscherin zu ihren Vorhersagen kommt?

Faith Popcorn: Wir erspüren, was in der Kultur der passiert. Wir schauen sie uns an, lesen sie, fühlen sie, singen sie, schlafen sie, verschlingen sie.

Anzeige

ZEIT Online: Soll heißen?

Popcorn: Wir haben zum Beispiel zehntausend Trendbeobachter in unserer so genannten Talentbank ...

ZEIT Online: ... also eine Art Insider in verschiedenen Lebensbereichen, vom Rechtsanwalt bis zum Indianerhäuptling, die Ihnen über kulturelle Strömungen in ihrem Umfeld berichten können.

Popcorn: Ja, aus allen möglichen Lebensbereichen, aus jeder ethnischen Gruppe, wohlhabende und ärmere Leute. Wir beschäftigen 40 Trendspotter auf der Welt, die solche Dinge beobachten. Hier in New York sind es 70 Leute, die ununterbrochen nachdenken. Und wir haben die so genannte Trendbank, die seit Jahrzehnten besteht, und die wir fortentwickeln. ...

ZEIT Online: Also die Sammlung Ihrer Megatrends, die Sie schon sehr lange beobachten. Zum Beispiel die "Pleasure Revenger", die sich in einen hedonistischen Lebensstil fallen lassen. Die "Cashing Out"-Leute, die ein einfaches Leben wollen. Übrigens ein ziemlich krasser Gegensatz.

Popcorn: Es ist nicht so, dass diese Leute eine Entscheidung fürs Leben treffen. Viele springen zwischen den Trends hin und her, abhängig von ihrer Laune. Nehmen Sie zwei andere Entwicklungen: Fitness und Fettsein. Da gehen die Leute ein paar Meilen joggen, kommen nach Hause zurück und essen ein Viertelpfund Häagen-Dasz-Eiscreme. Sie wissen das doch selber. Die Menschen sind sehr kompliziert.

ZEIT Online: Wer sind denn diese "Cashing Out"-Kandidaten, diese modernen Asketen? Ist denen das Geld ausgegangen?

Popcorn: In manchen Fällen ja. Aber inzwischen ist das häufiger eine trendgetriebene Entscheidung geworden. Wir wollen Ballast abwerfen. Wir wollen einfacher leben. Wir wollen keine Angeber sein oder als wohlhabend erscheinen. Obendrein ist das ist auch noch gut für den Planeten und gut für die Seele, die Familie, den ethischen Kompass.

ZEIT Online: Ist auch sparsam.

Leser-Kommentare
    • ttob
    • 27.12.2007 um 17:26 Uhr
    1. Ja

    "Etwas besser gebildete Leute. Nicht notwendigerweise wohlhabend. Mitte der Gesellschaft. Auch nicht arm. Sie tun das als bewusste Entscheidung. Sie sagen: Ich will nicht, dass sich mein Leben um die Arbeit dreht. Um das Anhäufen von Gütern. Ich will, dass mein Leben interessanter und authentischer wird."Da erkenne ich mich auch wieder. Leider gar nicht so einfach, aus der 40+ Arbeits-Woche auszusteigen. Erst recht bei einem Durchschnittsgehalt und wenn man Verantwortlichkeiten hat. Das gesellschaftliche Klima für weniger wohlhabende Leute wird ja eher härter, und finanzielle Unabhängigkeit (vom Arbeitgeber) werde ich in diesem Leben wohl ebenfalls nicht mehr erreichen können.So schleppt man sich halt mit einer gewissen Resignation durchs Arbeitsleben und hofft auf die einmalige Chance für einen Sprung in die (erfüllte und erfolgreiche) Selbstständigkeit. Eine Chance die vermutlich ausbleiben wird.

  1. "So schleppt man sich halt mit einer gewissen Resignation durchs
    Arbeitsleben und hofft auf die einmalige Chance für einen Sprung in die
    (erfüllte und erfolgreiche) Selbstständigkeit. Eine Chance die
    vermutlich ausbleiben wird."Ist doch schrecklich, oder ?

    • Anonym
    • 27.12.2007 um 17:33 Uhr

    Ich gehoere zu dem, was Frau Popkorn vermutlich als " Mittelschicht" bezeichnet. In Long Island, New York festangestellt als Wissenschaftler, unkuendbare Stellung, fuer das Zentrum  auch gelegentlich im Ausland gelebt, und ich habe mit 60, als ich gerade in Wien gearbeitet hatte, am Ende des Aufenthaltes ,  meine paar Kroeten gezaehlt, festgestellt, es reicht, habe meinen Job aufgegeben ,  das Haeuschen in Long Island verkauft, und bin, mit Frau,  nach Colorado gezogen, haben uns ein Haueschen in den fotthills der Rockies gebaut,  und wir  leben  jetzt  einem Bruchteil meines letzten Gehaltes. Ich wohne seit 14 Jahren hier. Ich habe meinen Schritt noch keine Sekunde bereut. Im Gegenteil, wenn einer unserer  Freunde von NY uns hier besucht, sehen wir, dass sie nervoes, gestresst sind, und wohl einen Haufen Geld verdienen, aber einen Haufen auch in ihre Lebenshaltungskosten in NY hereinstecken, und auch ihre Gesundheit durch den Dauerstress  ruinieren. Vor acht Jahren waren wir  mal zu einer grossen Hochzeit in Garden City, Long Island  eingeladen. Wir sind mit dem Jeep gefahren, etwa 3500 Kilomter. Alles war geruhsam und nett bis etwa 50 Meilen vor der George Washington Bridge. Dann wurde der Verkehr zum Chaos, es hat einige Stunden gebraucht bis wir ueber der G.W-Bridge , durch den Cross Bronx Expressway, ueber die  Throgs Neck Bridge  kamen und endlich, endlich, voellig zerstresst, Long Island erreicht hatten. Da wurde mir nochmals bestaetigt, wie richtig unsere Entscheidung damals war. 

    • ttob
    • 27.12.2007 um 18:20 Uhr

    "Ist doch schrecklich, oder ?"Ja, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich versuche immer noch mich systematisch unabhängiger zu machen. Ich habe z.B. ein altes (günstiges) Haus auf dem Land gekauft, mit etwas Garten. Dann spar ich später zumindest schonmal die Miete und habe mehr Platz, falls ich mich mal selbstständig mache (und jetzt schon mehr Lebensqualität :-) Ideen für Selbstständigkeit hätte ich ja viele, aber als angehender Vater scheut mich das große Risiko und die harte arbeitsreiche Anfangszeit.

    • hm
    • 29.12.2007 um 18:18 Uhr

    das freut mich für sie, daß sie nun ihren "lebensstil" gefunden haben.aber wie sie selber schreiben, haben sie erstt ab 60 ihren job aufgegeben, um "in ruhe" zu leben.da frage ich mich, ob man dieses authentische und interessante leben erst nach jahrzehnte langer arbeit, nachdem man sich ein vermögen angespart hat, beginnen kann?ist dieses bewusste entscheiden, dass das leben sich nicht um die arbeit dreht, wie das frau popcorn beschreibt schon während dem studium möglich oder muss ich erst die karriereleiter besteigen um dann kurz vor der rente wieder abzusteigen?

    • Anonym
    • 29.12.2007 um 19:16 Uhr
    6. hm:

    Ich weiss nicht so richtig , was Sie genau fragen. Wenn Sie leben, brauchen Sie Geld, und zwar soviel, wie Sie benoetigen um ein Leben zu fuehren, wie Sie es fuer richtig halten. Wenn Sie das Geld irgendwie geerbt haben, dann koennen Sie genau tun, was Sie wollen. Die Frage ist also ueberfluessig. Wenn Sie wie ich Otto Normalverbraucher sind, der pleite geboren ist, und auch noch mit etwa 40   pleite war, mit zwei Kindern und Frau, als ich in der USA zu einem Festvertrag gekommen bin,  und als Angestellter sein Leben lang gearbeitet hat, ja, dann muss man schon ein paar Jahrzehnte arbeiten, und auch nicht exzessiv Geld ausgeben  in den paar Jahrzehnten.  Mein Punkt war aber ein anderer.  Geld allein sollte nicht bestimmen, was man tut, und wie lange man was tut. Wenn ich heute noch arbeiten wuerde auf Long Island(in der USA gibt es kein Pensionsalter), waere ich heute viel, viel reicher, als ich es bin, aber ich haette meine Gesundheit ruiniert, haette die Enkelkinder (die alle  im Suedwesten wohnen) nicht aufwachsen sehen, denn der Suedwesten ist 3500 Kilometer von NY entfernt, haette in einer stressigen Metropole gelebt, und hatte vermutlich viel mehr Geld ausgegeben fuer den Lebensunterhalt, als das, was ich heute ausgebe. Fuer mich war Arbeits-Karriere  sehr, sehr  wichtig. Ich bin wegen der Arbeit in die USA gezogen. Und ich bin geschaeftlich viel, viel in der Weltgeschichte herumgereist. Wie gesagt, der Job war recht stressig. Aber, wie gesagt, man muss wissen, wann man aufhoeren und abschalten soll.  Was ich so gemacht habe, ist nicht ungewoehnlich in der USA. Das Durchschnittsalter, in dem Arbeitnehmer eine Vollzeitbeschaeftigung aufgeben, und sich um ihre privaten Interessen kuemmern, und vielleicht part-time noch etwas Geld verdient, ist so ungefaehr  60 in der USA. 59 1/2 Jahre  ist ein steuerlich interessantes Alter, weil man die 401ks, 403bs, IRAs SEEPs und wie alle die tax-deferred Retirement Savings Accounts heissen, anschneiden kann ohne Steuerstrafen. Und fast jeder Amerikaner hat irgendwas, in das er waehrend seiner Vollarbeitszeit reinbezahlt hat. Ich habe immer soviel reinbezahlt, zusammen mit meiner Firma (Die Firmen geben im allegemeinen ein Copayment dazu, das davon abhaengt, wieviel man selbst reinzahlt - contribution guaranteed retirement savings wird das genannt- im Gegensatz zu benefit guaranteed pensions, wie das heute noch einige Grosskonzerne haben die aber mit der Zeit verschwinden werden) , bis die jeweilige Steuerfreiheitsgrenze (genauer Tax deferral limit) erreicht war.  An den Grenzen  bastelt der Kongress schon seit den 70ern, dem Anfang dieser Retirement Accounts rum, mal ist mehr tax deferred mal ist weniger tax deferred. Es waren so  zwischen 10 und 20 Prozent des Bruttogehaltes. Diese Retirenment Accounts koennen durch die Zinseszinsen erhebliches Vermoegen ansammeln. Ich habe ja nur 20 Jahre reingezahlt. Aber wenn jemand so vierzig Jahre 10 bis 15 Prozent des Bruttogehaltes reinbezahlt, sammeln sich da schon so ein paar Millionen an, wenn man's richtig anlegt.  Ich weiss nicht, warum das Konzept in Deutschland so negativ diskutiert wird, und jeder auf die staatliche Rentenversicherung pocht. In diese bezahlt ein Arbeitnehmer ja auch 20 prozent rein, und kriegt nur ein paar Kroeten raus. Wenn ich auf die drei Knoepfe von der Social Security (die inzwischen 12.5 Prozent Beitrag kostet)  angewiesen waere, dann waere ich natuerlich beschissen dran. Ich hoffe, dass ich Ihre Frage wenigstens in etwa verstanden habe.

    • Anonym
    • 08.01.2008 um 14:47 Uhr

    Markenbildung, Konsumorientierung etc. haben eine Kehrseite. Sie konzentrieren und monopolisieren auf wenige pauschale Angebote und Trends. Sie begünstigen diejenigen, die sich zuerst das Monopol auf einen Trend, eine Idee sichern konnten, was bei immer größerer Konzentration für diejenigen, die nicht an Spitze stehen auch immer unwirtschaftlicher wird, deshalb kan nes kaum verwundern, dass gerade die gebildete Mittelschicht sich abkoppelt. Sie hat schließlich keine Lust als Melkkuh der schon Etablierten zu schuften mit immer geringeren Chancen bzw. immer größeren Aufwand selbst mitmischen zu können.
    Die Entkomplizierung ist eben auch anders als mit Marke erreichbar, nämlich in dem man sich auf Lokales bzw. Regionales beschränkt. Das hat den positiven Nebeneffekt, dass Individualität nicht preisgegeben oder durch höheren Aufwand (Stress) zu anstrengend wird.
    Individuell in einer Weltgemeinschaft mit großen Marken zu sein ist halt erheblich anstrengender und teuerer als Individualität in einem Umfeld ohne Weltmarken und lokaler Orientierung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service