Musik 2007 Die Platten des Jahres
Zu entdecken gab es viel zwischen Rock und Jazz, Folk und Punk, Techno und Ethno. – Unsere 150 Besprechungen in der Nachschau
Mehr Verrisse hatten wir uns für 2007 vorgenommen , weil sie unterhaltsam zu lesen sind – und ist nicht auch vieles, was an Platten erscheint, ziemlich dürftig? Da mal draufhauen! So bekamen einige namhafte Bands ihr Fett weg, im Februar die englischen Bloc Party , im April die englischen Arctic Monkeys und im August die englischen Hard-Fi ; bei allen dreien war es die zweite Platte nach einem ersten Album, das Furore gemacht hatte. " Wo sind die luftigen Melodien hin?", fragte unser Rezensent Jan Kühnemund. "Und diese ständigen Rhythmuswechsel, dazu kann kein Mensch tanzen", urteilte unser Rezensent David Hugendick, ein Tänzer vor dem Herrn . Und unser Rezensent Markus Zinsmaier hörte schmerzerfüllt gar " Operetten-Rock: große Gesten, prätentiöse Texte, wuchtige Klanggemälde".
Das Übelwollen der Kritiker erstreckte sich nicht nur auf Hervorbringungen aus dem Mutterland des Pop. Die Franzosen von Air wurden ebenso abgewatscht ("der Erfolg hat ihnen nicht gutgetan") wie die in Deutschland wiederauferstandenen Fehlfarben ("der Versuch, kurzfristig in Jugendzeiten versäumte Rendite einzuspielen, um das Rentnerdasein finanziell ein wenig abzufedern") und die vor der Welt kapitulierenden Tocotronic ("Studentenparty, ick hör dir trapsen").
SogarRóisín Murphy , die Irin, die uns Musikjournalisten nach getaner Arbeit zum Tanz aufspielt, fiel im Oktober durch: "Alles ist poliert, eingängig, beingängig – aber es entbehrt jeder Überraschung", bemängelte unsere Rezensentin Rabea Weihser. "Es kommt über Damals und Heute nicht hinaus."
Nun sind sieben Verrisse unter gut 150 Besprechungen dieses Jahres wenig, bestimmt zu wenig. Für 2008 muss wiederum mehr Härte versprochen werden!
Die Verlockung ist aber auch zu groß, das schöne Unbekannte dem unschön Bekannten vorzuziehen. Und zu entdecken gab es viel:
Pantha du Prince
im Techno,
Grunert
im Jazz, den Jazz
in Paris
und
in Norwegen
und
in Südafrika
und
in Indien
, Mark Ronson
in Motown
, den
Reggae in Lyon
, die
Blasmusik in Lüneburg
und
Markus Wilhelms
in der Tischlerei. Und der Bassbariton Thomas Quasthoff entdeckte – tillbrönnergestützt –
die Welt jenseits von E
.
Manche Musik entdeckte ihr Uneigentliches. Da gab's Jazz für jene, die nie zum Jazz gehen , Pop für jene, die keinen Pop mögen , Techno ohne Techno und Punk als Folk oder sogar Englisches auf Deutsch und Spanisches auf Asturisch . Es gab eine Hip-Hop-Platte von einem, der 17 Jahre lang vor einem Plattenladen Mixkassetten verkauft hatte , und eine Hip-Hop-Platte, welche die Plattenfirma gar nicht wirklich verkaufen wollte und deshalb in einer Tüte in den Laden stellte.
Unser Rezensent Christian Broecking entdeckte die Aufnahme einer Jazzband, die sich wegen Erfolglosigkeit aufgelöst hatte , immerhin reichte es noch zur Besprechung: "Das letzte gemeinsame Konzert sei vor allem als Kritik an den Verhältnissen in den Vereinigten Staaten zu verstehen", hieß es programmatisch im Text. Nun denn.
Der Protest ist eine Sache, die Schwermut eine andere; Melancholie regierte bisweilen den Tonträger: " Weinst du noch, oder tanzt du schon? ", lautete die Frage zum neuen Album der Editors im Juni. Wonnemonate sind dünn gesät! Im November machten wir durch unseren Rezensenten Sebastian Reier Bekanntschaft mit einer Kompilation englischer Folk-Songs, die zog dem einen oder anderen Hörer glatt die Schafwollunterhosen aus : " Musik wie Zwieback. Traurige Lieder, genügsam arrangiert, ein karger Ohrenschmaus. Manchmal klagt sich eine Stimme allein durch zähe vier Minuten. Lebensfreude klingt anders."
Gleichwohl lief die Kritik aufs Hymnische hinaus, was zeigt: Selbst das Bedrückte kann entrücken, und manches Kleine fällt unerwartet groß aus, wohingegen Großes auf angenehme Weise kleiner geraten kann, man höre nur die Mikrohausmusik des Matthew Dear: "Da ist kein Platz für gefällige Frickelei."
Aber auch im Eigentlichen tat sich was: Der junge Amerikaner Zach Condon, eher bekannt als Beirut , schlug im Folk mit seiner zweiten Platte zu wie die junge Britin Scout Niblett mit ihrer vierten und der bittersüß-böse Rollstuhlstar Vic Chesnutt mit seiner zirka zwanzigsten. Medeski, Martin and Wood erweiterten einmal mehr den Funk, und im Punk ortete unsere Kritik in Wasser kommt Wasser geht von Captain Planet gar "die beste deutsche Punkplatte seit langem". Chloé aus Paris und MIA aus Berlin trieben den Techno voran, und Cobblestone Jazz aus Kanada bewegten unsere Rezensentin Pinky Rose vermittels " elektrifizierter Ameisen", bis "auch ohne Diskokugel die Lichter vor den Augen tanzen".
Interessanter Blues kam von
Laub
aus Berlin, dito aus Berlin interessanter Ethno, nämlich von A.J. Holmes, dem "King Of The New Electric Hi-Life", dessen Reich sich mittlerweile zwischen East London, Freetown und Neukölln erstreckt und auch in unserer Tonträger-Rubrik reichlich Platz einimmt durch
die längste Besprechung des Jahres
.
Alte Meister lieferten neue Werk ab: Im Pop
Robert Plant
,
Yoko Ono
,
P.J. Harvey
und
Radiohead
.
Maximo Park
machten noch Spaß,
The Sea And Cake
,
2raumwohnung
und, nun ja,
Tokio Hotel
:
"Die Band lebt vom süßen Zauber der Jugend", fand unsere Rezensentin Susanne El-Nawab, allerdings "ziehen im Hintergrund Erwachsene die Fäden. Das macht die Musik professionell und zahm."
Im Rock kamen Do Make Say Thing "mit gefühlten sieben Gitarristen", und bei Von Spar galt "1 Stück = 22 Minuten". Im Jazz das reinste Veteranentreffen dieses Jahr, aber warum auch nicht? Anthony Braxton , David Murray , Sonny Rollins , Pat Metheny , Joshua Redman und Ulrich Gumpert . Von Charles Mingus kam Posthumes, Herbie Hancock ehrte Joni Mitchell, und Aki Takase spielte Ornette Coleman.
Gibt es in alldem etwas, das dem Rückblickenden just in diesem Moment der Rückschau noch besonderer Erwähnung wert zu sein scheint? Ja, doch. Um die Battles, eine Gruppe "ohne The" , ging im Mai ein Streit, der nach anfänglicher Verve versandet ist. Man wird Neues von diesen New Yorkern hören müssen, um sich wieder zu erhitzen. Zum anderen eine hausinterne, technische Veränderung: Unsere Klangbeispiele kommen seit dem 25. April in einem Flash-Player, seitdem gibt es keinen Kummer mehr mit Abspielbarkeit wie beim Vorläufer Quicktime. Allerdings ist mit der Umstellung dem Ungeduldigen auch kein Hineinspringen mitten ins Stück mehr möglich; wir wollen unsere Techniker bitten, dies doch im kommenden Jahr zu ändern.
Und schließlich, was würde der Rückblicker nach vollbrachter Arbeit jetzt mal gern und ganz in Ruhe hören? Nun,
dies
.
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- Datum 07.01.2008 - 07:52 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 27.12.2007
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...war die "Freibeuter AG" alle beiden Alben (3,- und 7,- bei nixgut.de) sind echte Kracher. Richtig heftiger deutscher Punk mit einiger Abwechslung, jenseits von billigem "destroy-the-krauts"-geschrammel, dafür mit zeitnahen politischen Texten, Beispiel?:
"Wenn sich keiner mehr hier fragt, warum hat das System versagt,nur die Währung hier regiert,und nicht das Volk wie es sich gehört.Wenn der Staat die Bonzen schmiert,damit die Wirtschaft hier floriert,und der arme Penner friert,wer nichts hat, ist nichts - verliert!"
(Song: "Bewegt Euch")
Fast schon poetisch :-) und so herrlich aggressiv gespielt!
Die haben auch eine Seite im Netz, wo man probehören kann, wem die Probetitel gefallen - klare Empfehlung zum Kauf der Alben! Die Musikrichtung ist natürlich Geschmackssache.
War nicht die ZEIT immer ein Organ der gebildeten Schichten,
ein journalistisches Erzeugnis mit Kulturanspruch? Erst neulich wunderte ich
mich in einem Kommentar über die ZEIT-Bildstrecke der Konzert-Highlights 2007:
Außer Netrebko & Villazon nur Pop. Rabea Weihser antwortete (danke!)
freundlich, dass bei Klassik-Konzerten meist keine Photos gemacht werden
dürfen. Das sehe ich ein. Doch nun dies: http://www.zeit.de/online/2007/52/bg-lieblingslieder
Die Musikredakteure der ZEIT schreiben über ihre
persönlichen "Herzstücke", die allesamt im Popular-Beat pumpern. Ein
wenig Jazz ist wohl dabei. Surft man noch ein wenig weiter auf den Musik-Seiten
derZEIT, so findet man unter http://www.zeit.de/online/2007/52/jahresrueckblick-tontraegerdie Zusammenfassung der in der ZEIT besprochenen "Platten des
Jahres". Einmal Thomas Quasthoff ist dabei, und zwar nur, weil er entdeckt
hat, dass er auch jenseits der E-Musik singen kann. Ist die BRAVO-Redaktion
geschlossen zur ZEIT übergelaufen?
Ich habe ja nichts gegen die Existenz der Popmusik. Doch
wenn pauschal von "Musik", von "musikalischen Herzstücken",
von "Konzerten des Jahres" oder "Platten des Jahres" die
Rede ist, erwartet der einigermaßen vielseitig gebildete Leser Oper, klassische
Symphonik und Kammermusik als doch wesentliche Bestandteile dessen, was unsere
Musikkultur ausmacht. Die Klassik aus dem Begriff "Musik" auszuklammern, bedeutet, der globalisierten Beliebigkeit, der McDonaldisierung
der Kultur außer ihrer real-ökonomischen Vorherrschaft nun auch einen Bedeutungs-Primat
zuzuweisen. Wozu?Lohnt es sich nicht, über Überraschungssänger wie Nina
Stemme oder Jonathan Lemalu zu schreiben, über die nicht nur akustisch
bemerkenswerten jungen Geigerinnen dieser Tage, über das verblüffende,
ECHO-ausgezeichnete Opus Magnum deutscher Volkslied-Arrangements des
Ausnahme-Vokalensembles Singer Pur, über das Klavierphänomen Lang Lang?Ich würde mich freuen, wenn ich auf diese Weise eine
Diskussion über den Musikbegriff in der postmodernen Gesellschaft anregen
könnte.
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