Internet Ärger um die Nutzerdaten

Das erfolgreiche Studentennetzwerk StudiVZ will endlich Geld verdienen - und handelt sich prompt Kritik von Datenschützern ein

Wie viel Privatsphäre hat man noch in Zeiten des Internet? Die Frage stellt sich vehement, seit StudiVZ, ein sogenanntes Soziales Netzwerk, angekündigt hat, es werde künftig persönliche Daten seiner Nutzer vermarkten. StudiVZ hat sechs Millionen registrierte Nutzer, man könnte sagen, praktisch alle deutschen Schüler und Studenten sind dort angemeldet. Als erstes legen sie eine Art Lebenslauf und eine Liste ihrer Freunde an, die ebenfalls bei StudiVZ angemeldet sind. Im Folgenden nutzen sie das Netzwerk, um sich zu verabreden und Kontakte zu halten. Was noch vor einem Jahr kaum abzusehen war: die Anziehungskraft von StudiVZ ist gigantisch geworden.

Gut die Hälfte der registrierten Nutzer schaut jeden Tag vorbei, StudiVZ ist eines der meistbesuchten und sicher das am intensivsten genutzte Internetangebot in Deutschland geworden. Wer nicht dabei ist, läuft Gefahr, den sozialen Anschluss zu verlieren Der Geschäftsführer von StudiVZ, Marcus Riecke, sagt nun, die Firma wolle »Werbung anhand von Alter, Geschlecht, Studienfach und Studienort sortieren.« Nur diese vier Kategorien »lassen sich nach unserer Ansicht heute sinnvoll nutzen«.

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Das ist aber nur die eine Hälfte des eigentlichen Plans. Ursprünglich wollte StudiVZ von seinen Nutzern auch die Erlaubnis, Werbung an die persönliche Handy-Nummer zu schicken, sofern sie bei StudiVZ hinterlegt ist. Werbekunden hätten die Nutzer dann nicht nur erreicht, wenn sie im Internet auf StudiVZ unterwegs sind und sich wissentlich in einem von Werbung finanzierten Umfeld bewegen. Die Werbung hätte ihnen überall hin folgen können - per Handy. Doch das ist nach Protesten der Nutzer vom Tisch.

Vor gut einem Jahr hat die Verlagsgruppe Holtzbrinck (zu der auch die ZEIT gehört) die Internetfirma StudiVZ übernommen. Seither hat das Management versucht, den immensen Zuwachs an Mitgliedern zu bewältigen, jetzt erst bereitet man sich darauf vor, ein richtiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Grundsätzlich ist die Idee nicht neu, persönliche Daten für Werbung zu nutzen. Es ist sogar ein weit verbreitetes Phänomen. Jeder Katalog-Versender tut es, von Otto bis Quelle, jede Kundenkarte beruht im Prinzip auf einem Tauschgeschäft: Rabatt gegen persönliche Daten, Name plus Adresse plus Konsumgewohnheiten.

Der darauf aufbauende Adresshandel, bei dem Werbekunden ganze Zielgruppen anschreiben können, ohne dass sie die Namen der einzelnen Verbraucher erfahren, ist ein Milliardenmarkt. Wobei wichtig ist: Es werden keine kompletten Datensätze an Werbekunden weitergegeben. Genau das, hatten Kritiker vermutet, habe StudiVZ vor, was der Geschäftsführer verneint und in einer Mail an alle Mitglieder unterstreicht. Insgesamt erntete StudiVZ scharfe Kritik für die Art, wie es die Änderung seiner Geschäftsbedingungen zunächst ankündigte. Unter den Kritikern war auch der oberste Datenschützer, Peter Schaar.

Hinzu kommt etwas, dass den Umgang mit persönlichen Daten bei StudiVZ besonders sensibel macht: Kundenkarten und den Versandhandel kann man meiden, StudiVZ kaum noch. Wer nicht als Jugendlicher oder Student bei StudiVZ ist, läuft fast Gefahr, den Anschluss zu verpassen. Die Mitgliedschaft gehört in vielen Freundeskreisen zur sozialen Grundausstattung. Diese Stellung bildet eine einmalige Ausgangsposition für ein Geschäftsmodell.

Es führt allerdings auch dazu, dass sich das Management von StudiVZ fragen lassen muss, ob es angesichts seiner Bedeutung im Alltagsleben von Schülern und Studenten nicht offensiv damit werben sollte, dass jeder die Möglichkeit bekommt, aus der Vermarktung auszusteigen. Die Firma könnte problemlos eine Art interne »Robinson«-Liste erstellen. Das ist ein seit Jahren erprobtes Mittel in der Nicht-Internet-Welt. Verbraucher, die von Werbung verschont bleiben wollen, tragen sich dort ein. Firmen respektieren die Liste, und weil nur wenige Konsumenten auf Werbung verzichten möchten, tut es dem Geschäft keinen Abbruch.

Tatsächlich hat StudiVZ nun angekündigt, es werde die Möglichkeit geben, die Vermarktung zu verweigern. Man müsse zwar erst zustimmen, könne später aber in seinem Online-Profil diese Einwilligung rückgängig machen. Es ist, wenn man so will, eine versteckte Ausstiegsklausel.

Für eine offensiv beworbene »Robinson«-Liste spräche, dass wahrscheinlich nur wenige Nutzer von ihr Gebrauch machen würden. Die Kritik an der geplanten Vermarktung war groß, aber letztlich von einer geringen Minderheit der Mitglieder getragen. Die meisten hatten ja auch bisher kein Problem damit, sich umfassend zu entblößen. Insofern würden sie wohl dem Geschäftsführer Riecke zustimmen, der sagt: »Wenn wir Werbung genauer zuordnen können, hat auch der Nutzer etwas davon. Er bekommt nicht mehr so viel irrelevante Werbung, sondern solche, die ihm eher entspricht. Die ihn vielleicht sogar interessiert.« Gleichzeitig würde eine eigene »Robinson«-Liste den Ruf der Firma mehren.

Wie sehr der Ruf des Unternehmens von seiner Haltung zum Datenschutz abhängt, bekam StudiVZ gerade zu spüren. Die Kritik an den neuen AGB entzündete sich auch daran, das sie sich zunächst so lasen, als ob auch die Daten ehemaliger Mitglieder gespeichert bleiben. Dazu sagt Riecke heute: »Das war eine juristisch unglückliche Formulierung gewesen. Wir sorgen immer dafür, die Daten von Nutzern zu löschen, die sich abmelden.« Das ist nun klar gestellt.Was an den Sozialen Netzwerken neu ist und die Debatte so hitzig werden ließ, ist die Offenheit, mit der die meisten Nutzer persönliche, sogar intime Vorlieben aufschreiben und damit die Datenbanken von StudiVZ anreichern. Je detaillierte die Profile sind, um so mehr wird StudiVZ zu einer Datenbank des jugendlichen Geschmacks.

An keinem anderen Ort kann ein Werbungtreibender diese Ziel- und Altersgruppe so vollständig erreichen. Nur das sagt allein noch nicht viel. Werbekunden wollen meist nicht »alle« Jugendlichen erreichen, sondern einen Teil: die Mädchen, die jungen Frauen, die am Ende ihres Studiums, die in Süddeutschland, die Fußball-Fans, die Biertrinker... die Reihe ließe sich fortsetzen. Hier beginnt das ökonomische Problem von StudiVZ. Der Internet-Anbieter kann den Werbekunden bisher keine Zielgruppen anbieten, sondern nur »die deutsche Jugend«. Genau das soll sich ändern mit der Vermarktung nach Alter, Geschlecht, Studienfach und -ort. Weitere Kriterien werden zweifellos folgen - und die jetzige Debatte um StudiVZ wird nicht die letzte gewesen sein.

 
Leser-Kommentare
  1. Wer sich nicht selbst durch die neuen AGBs wühlen wollte und dachte er könne sich auf die Recherche eines kompetenten Journalisten verlassen um den Trubel um StudiVZ zu verstehen, wird hier in der Passage über Holtzbrinck enttäuscht.Wenigstens war man so ehrlich die Verbindung zwischen der Zeit und der "Internetfirma" StudiVZ zu erwähnen, wobei man nicht bedacht hatte, dass es eher Verstörung über die Zeit als Vertrauen in StudiVZ hervorruft.Also sowas tut man doch einfach nicht.

  2. "Wer nicht dabei ist, läuft Gefahr, den sozialen Anschluss zu verlieren" : So ein Schwachsinn. Dieser Beitrag versucht seine Schleichwerbung anzubringen, ohne dass dabei geschlichen wird .

  3. "Wer nicht dabei ist, läuft Gefahr, den sozialen Anschluss zu verlieren."Dieser Satz stößt mir ein bisschen auf. Ich bin jetzt in der zwölften Klasse eines Gymnasiums und hatte bisher nie das dringende Bedürfnis mich bei einem "sozialen Netzwerk", sei es MySpace oder eben StudiVZ anzumelden.OK, ich habe mich bei Spickmich angemeldet und bei Fellowweb, aber da treibe ich mich so gut wie nie rum.Warum auch?Ich sehe meine Leute jeden Tag in der Schule, wenn ich sonst mit jemandem kommunizieren will, tue ich das am Liebsten per E-Mail, im Notfall gehe ich auch mal bei ICQ online.Diese ganzen Web 2.0-Sachen sind alle Zeitfresser. Und diese Zeit kann man sinnvoller verbringen.Wenn man wirklich den "sozialen Anschluss" verlieren würde, wäre das ein Armutszeugnis für die entsprechende Schule bzw. ihre Schüler.So, und jetzt melde ich mich erstmal bei StudiVZ an ;-)

  4. Zäumen Sie das Pferd doch andersherum auf. Nicht der soziale Anschluß eines Studenten wird durch Nichtanmeldung bei StudiVZ gefährdet. Vielmehr läuft der Holtzbrinck-Verlag Gefahr, seine Investition von 50 Millionen Euro (!) vor den Baum zu fahren. Wer so viel Geld in die Hand nimmt, will Ertrag sehen, hat einen Businessplan. StudiVZ muss Geld einspielen, auf welchem Weg auch immer. Ich wünsche dem Verlag von Herzen, dass er mit diesem Ansinnen scheitern möge; viele kräftige Knüppel in die Beine von Datenschützern, reichlich schlechte Presse (so lang sind die "Gruschelskandälchen" um StudiVZ auch nicht her) und ein baldiges Platzen der web2.0-Blase. Bis dahin wäre es trotzdem sinnvoll, ZEIT-Artikel, die dem Wortlaut nach eher Pressemeldungen von StudiVZ darstellen, auch als solche zu kennzeichnen. Viele Grüße von einem StudiVZ-genervten Studenten und frohes Fest.

  5. Wer sich mit dem Netz, egal ob Web 1.0, 2.0 oder wie auch immer etwas auskennt, weis, dass er KEINE persönlichen Daten preisgeben darf!Eine Mail-Adresse in einem Forum, Name und Daten auf einer Mitmachseite........ Handy, Telefonnummer gar Kreditkarteninformationen..Datenschutz? Selten so gelacht:-)).Ich verstehe die Blauäugigkeit der Nutzer nicht. Haben die alle ihren Haustür-, Wohnungsschlüssel unter der Fußmatte?.Glaubt jemand, das solch ein Angebot aus Nächstenliebe gemacht wird?.Sikasuu.Ps. Der zu seinen X Pseudos/Wegwerfadressen im Netz halt wieder eine hinzufügt.

    • RobJir
    • 21.12.2007 um 17:56 Uhr

    Bemerkenswert ist die Entwicklung der Zeit. Als StudiVZ nicht zum Verlag gehörte, konnte man hier einen Artikel lesen, wie leichtsinnig es doch sei seine persönlichen Daten im Internet preiszugeben.Ich glaub es ging um "das geringe Schamgefühl der Jugend".Jetzt wird hier ein ganz anderer Ton angeschlagen.Ich selbst benutze als Student nicht StudiVZ, denke jedoch auch nicht, dass ich "keinen sozialen Anschluss" hätte. Es gibt genug Foren an der eigenen Universität, die über die gleichen Funktionen (zumindest die für Studenten relevanten) wie StudiVZ verfügen.Außerdem gibt es, denke ich, genug Alternativen zu StudiVZ.(Die hier mysteriöser Weise nicht genannt werden)Ich muss jedoch auch einschränken, dass man gar nicht erwarten kann, dass ein Service wie StudiVZ ohne Gegenleistung geliefert wird.

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