Teilchenphysik Die Gemeinde vibriert

Der größte Teilchenbeschleuniger der Welt steht beim CERN in Genf. Er soll den Ursprung unseres Universums enträtseln. Ein Gespräch mit dem neuen Leiter Rolf-Dieter Heuer

ZEIT: Herzlichen Glückwunsch, Sie sind gerade zum Chef des CERN gewählt worden: Sie werden von Januar 2009 an in Genf das größte Labor für Teilchenphysik leiten, das es auf der Welt gibt. Hat Ihnen der Papst schon gratuliert?

Rolf-Dieter Heuer: Nein, noch nicht. Warum sollte er?

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ZEIT: Die größte Aufgabe Ihrer Amtszeit wird es ja sein, das sogenannte „Gottesteilchen“ zu finden. Das kann dem Vatikan nicht egal sein.

Heuer: „Gottesteilchen“ ist nur ein Schlagwort für das, was wir Higgs-Teilchen nennen. Ob es den Papst interessiert, weiß ich nicht. Auf jeden Fall sucht die ganze Welt der Teilchenphysik danach. Unsere Theorie der Materie – das ist die Theorie der Elementarteilchen - steht und fällt mit seiner Existenz.

ZEIT: Das ist aber heikel, denn vielleicht gibt es das Higgs-Teilchen ja gar nicht.

Heuer: Ja, das ist heikel. Dessen waren sich die Erfinder des sogenannten Standardmodells der Elementarteilchen von Anfang an bewusst: Es ist ein wunderschönes mathematisches Modell, aber es hatte einen Fehler. Alle diese Partikel, aus denen die Welt zusammengebaut ist, waren laut Theorie schwerelos und bewegten sich mit Lichtgeschwindigkeit. Das stimmt aber nicht. Wir wiegen etwas, haben eine Masse und sind langsam.

ZEIT: Um das Problem zu lösen, wurde darum kurzerhand das Higgs-Teilchen erfunden und der Theorie hinzugefügt?

Heuer: Ja, es gibt den anderen Teilchen ihre Masse, das ist zumindest die Idee. Es wäre das 30ste Teilchen im elementaren Partikelbaukasten der Natur – und außer dem spekulativen Kraftteilchen der Gravitation das einzige, das wir noch nie in unseren Detektoren gesehen haben.

ZEIT: Das könnte sich ändern, wenn Sie CERN-Chef sind. Nächstes Jahr wird in Genf der größte jemals gebaute Teilchenbeschleuniger in Betrieb genommen. Der Large Hadron Collider (LHC) wird in einem 27 Kilometer langen Ring tief in der Erde Protonen aufeinander schießen und in den Bruchstücken des Crashs das Higgs suchen.

Heuer: Es vibriert förmlich in der globalen Gemeinde der Teilchenphysiker. Sie warten jetzt darauf, dass die Maschine anläuft, und dass es Daten gibt. Man ist unheimlich gespannt, von Jung bis Alt, vom Diplomanden bis zum gestandenen Professor. Noch nie konnten wir Teilchen mit so viel Energie aufeinander schießen wie im LHC. Das bedeutet, dass dort neue, unbekannte Partikel entstehen könnten. Ich bin sicher, der LHC öffnet Türen für das Verständnis des Mikrokosmos und des Universums.

Leser-Kommentare
  1. Unheimlich interessant - ich bin gespannt, was für Ergebnisse herauskommen werden. Wenn man bedenkt, wie viele Milliarden für Rüstung, Waffen und Militär weltweit verschwendet werden - wie weit könnte die Naturwissenschaft schon sein.. *träum*

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    Die Ausgaben für den Militärhaushalt bewegen sich leider in ganz anderen Dimensionen. Hab deren Höhe aus aktuellem Anlass zu Vergleichszwecken mit dem CERN-Kosten mal fix zusammengesucht:

    http://sysout.twoday.net/...

    Sehr traurig dieser Zustand, in der Tat.

    Die Ausgaben für den Militärhaushalt bewegen sich leider in ganz anderen Dimensionen. Hab deren Höhe aus aktuellem Anlass zu Vergleichszwecken mit dem CERN-Kosten mal fix zusammengesucht:

    http://sysout.twoday.net/...

    Sehr traurig dieser Zustand, in der Tat.

    • Anonym
    • 21.12.2007 um 20:01 Uhr
    2. ViVi:

    Wie kommen Sie auf die Idee, dass geld fuer Verteidigung verschwendet sei?

  2. Gegen wen sollte sich die Menschheit verteidigen?

  3. Wenn man so die Zahlen liest, wieviel Geld da investiert wird - wofür?Für wen ist es wirklich so wichtig, mit einem solchen ungeheuren Aufwand herauszufinden, ob dieses oder jenes Teilchen diese oder jene Eigenschaften hat? Die Selbstverliebtheit der sog. Wissenschaftler in ihre Theorien scheint ein starker Trieb zu sein. Warum müssen wir alle dies bezahlen?Und keiner kann sich dagegen wehren, kann sagen - mich interessiert das alles nicht, ich will dafür mein Geld nicht geben.Für mich gibt es viel wichtigere Dinge als diesen Teilchenbeschleuniger, für die ich möchte, daß mein Geld ausgegeben wird.Und manchmal, wenn ich so sehe, wie bei den Banken Entscheidungen über einen popeligen Kredit von 100.000 Euro an einen Mittelständler gefällt werden, dann frage ich mich, ob bei Leuten, die solche Summen bewilligen, noch alle Tassen im Schrank haben. Aber es ist ja auch bei den Banken so: je größer die Summe, desto leichter kommt man an das Geld - schönen Gruß vom Herrn Schneider.

  4. Ich wüsste nicht, was es noch bedeutenderes gibt, als zu forschen, zu erfahren, was die Welt im Kleinsten, Innersten zusammenhält, neue Erkenntnisse über den Aufbau des Universums zu gewinnen...Ich spreche natürlich von einer idealen Welt, in der die Leute weder Lust haben, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, noch religiös-dogmatischen Wahnvorstellungen anhängen, sondern nur an Kunst, Kultur und eben wissenschaftlicher Erkenntnis interessiert sind: eine Utopie.

    • Anonym
    • 21.12.2007 um 23:31 Uhr
    6. vivi:

    Gegen solche, die Dir und deinen Lieben an den Kragen wollen. Und von denen gibt es eine ganze Menge.Die Menschehit unsgesamt  braucht sich erst zu verteidigen, wenn das Raumschiff Enterprise landet, das ist noch nicht passsiert. Es ist merh ein Intra-Menschheit Problem. 

    • Anonym
    • 21.12.2007 um 23:34 Uhr

    Auch in einer nicht-idealen Welt ist Grundlagenforschung von grosser Wichtigkeit. Ohne die Grundlagenforschung kein technischer Fortschritt.Und ohne technischen Fortschritt geht's zurueck auf die Baeume.Schwebt Ihnen das vor? 

  5. Die Inbetriebnahme des LHC wird tatsächlich ein äusserst spannendes Ereignis für Physiker auf der ganzen Welt. Es wird sehr interessant werden, die Ergebnisse mit den theoretischen Konstrukten der letzten Jahre abzugleichen. Ob ein Treffer dabei ist oder nicht, wir haben in den kommenden paar Jahren einen wesentlichen Erkenntniszuwachs zu erwarten. :)Wer meint, den finanziellen Preis dieses Unternehmens kritisieren zu müssen, sollte sich doch mal den langfristigen Nutzen der Teilchenphysik für die Menschheit bewusst machen.

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