Gesellschaft Aufstand der Mustermuslime

Rund 20.000 Aleviten demonstrierten in Köln gegen eine vermeintlich beleidigende "Tatort"-Folge. Was auf den ersten Blick nach religiösem Fanatismus aussieht, ist in Wahrheit ein Lehrstück über die Schwierigkeiten des multikulturellen Dialogs

Drinnen, im altehrwürdigen Kölner Dom, ging gerade die sonntägliche Heilige katholische Messe zu Ende, als draußen auf dem riesigen, verregneten Domvorplatz eine ganz besondere, eine muslimische Großkundgebung begann. Rund 20.000 Aleviten hatten sich zu der kurzfristig anberaumten Veranstaltung versammelt, um gegen die umstrittene Tatort -Folge Wem Ehre gebührt vom vergangenen Sonntag zu demonstrieren. Die Glaubensgemeinschaft, die in Deutschland fast 700.000 Mitglieder zählt , ist wütend auf die ARD, weil sie sich diskriminiert und beleidigt sieht. Sie ist so wütend, dass sie schon Strafanzeige wegen Volksverhetzung eingerecht hat. Und so wütend, dass Außenminister Steinmeier sich schon genötigt sah, zur Ruhe aufzurufen. Doch die wird es so schnell wohl nicht geben.

„Wir werden nicht länger schweigen“ und „Es reicht“ skandieren die Demonstranten. Auf Transparenten preisen sie die eigene Ehre, einer hat sich aus Pappe einen zerstörten Fernseher mit ARD-Schriftzug gebastelt und auf den Kopf gesetzt. Aus ganz Deutschland, teilweise sogar aus den Niederlanden und Frankreich, sind die Teilnehmer angereist.

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Warum die ganze Aufregung? Was ist passiert, dass eine Muslimische Strömung, die eigentlich als liberal gilt, sich so echauffiert?

Nicht viel, könnte man meinen. Der für die Aufregung verantwortliche Teil des Tatort -Plots ist schnell erzählt. In der Folge geht es um einen Inzest-Fall in einer alevetischen Familie. Die Tochter ist von ihrem eigenen Vater schwanger, sie flüchtet sich zur Kommissarin (Maria Furtwängler), am Ende muss sie trotzdem sterben. Die Geschichte ist behutsam erzählt, die Charaktere sind vielschichtig, ihre Motive ambivalent. Es ist eigentlich eine ambitionierte, eine gute Tatort -Folge, darin waren sich alle Kritiker einig. Soweit, so harmlos.

Richtig brisant wird die Story erst vor dem Hintergrund der alevitischen Geschichte. Die Aleviten sind eine muslimische Glaubensgemeinschaft, die über Jahrhunderte von Sunniten im Gebiet des osmanischen Reiches, der heutigen Türkei, verfolgt, vertrieben und diskriminiert wurde. Eines der zentralen anti-alevitischen Vorurteile war dabei, dass in ihren Familien Inzest herrsche. Die Unterstellung einer inzestuösen Kultur ist quasi das historische Stigma der Aleviten.

Das erklärt die auf den ersten Blick übertrieben wirkende Sensibilität der Aleviten. Hinzu kommt, dass in dem Tatort die schwangere Tochter nicht nur aus dem Haus ihrer Familie verschwindet, sondern auch vom alevitischen Glauben in einen strengeren Islam wechselt. Als Symbol dafür trägt sie das Kopftuch, was unter Aleviten gänzlich unüblich ist.

Leser-Kommentare
  1. Ich finde es nervig, daß seit einiger Zeit viele Tatorte irgendwie einen politischen oder weltanschaulichen Bildungsauftrag zu haben scheinen. Und ja: Besonders tut sich an dieser Stelle mal wieder der NDR hervor, der sich hier mal wieder auf die Meinungsfreiheit usw. zurückzieht und an anderer Stelle Mitarbeiter feuert, weil diese eine unangepasste Meinung haben. Es läuft mir eiskalt den Rücken hinuntern, wenn ich daran denke, daß ich diese schlechte Arbeit mit meinen Gebühren finanziere.Wie man im übrigen der Meinung sein kann, ein Tatort mit Frau Furtwängler wäre ein guter Tatort, ist mir mehr als unverständlich. Soviele Klischees wie man in diesen Charakter gepackt hat schaffen die restlichen Tatort-Kommissare zusammen kaum. 

  2. Eine Entschuldigung halte ich für unangemessen. Wie wäre es stattdessen mal mit einer sachlich-kritischen Dokumentation über den alevitischen Glauben in der ARD?

    • Anonym
    • 31.12.2007 um 12:45 Uhr

    Irgendwann kommen die Grünmännchen her, um dagegen zu protestieren, in sexystischen Karikaturen mißbraucht zu werden.

    • SeppD
    • 31.12.2007 um 12:50 Uhr

    Wer zu 10000en demonstriert wegen "Ehrverletzung" durch ein fiktives Fernsehspiel, in dem ein EINZELFALL gezeigt wird und nicht eine Gruppe verunglimpft wird, beweist nur, daß er im Westen nicht angekommen ist.
    Insofern grenzt es schon an Ironie, wenn man diese Gruppe als besonders gelungen integriert darstellen möchte.

  3. Als Kölner war ich heute auch am Dom und habe mir das mal angetan.Ich kriege langsam eine Stinkwut.Nur Türken in der Innenstadt, natürlich wurde unser altehrwürdiger Dom umstellt um lautstark rumbrüllenden Jungtürken ein Forum zu bieten.Ich kriege langsam richtig Angst um unsere Domstadt. Hier entwickelt sich ein richtiges muslimisches Disneyland. Vor allem wenn die Moschee mal stehen sollte.Ich frage mich auch, warum türkische Demos IMMER am Kölner Dom stattfinden!?Ein Schelm wer dabei Böses denkt!!! Besonders bizarr: Auf dem ganzen Domvorplatz und vor den Domtüren schreiende, pfeifende Türken. Dann an der Eingangtür das Hinweisschild: Achtung Gottesdienst, bitte Ruhe. Soviel zum Thema Respekt vor Andersgläubigen !![Bitte unterlassen Sie pauschalisierte Herabwürdigungen. /Die Redaktion pt.]

    • Geno
    • 31.12.2007 um 13:02 Uhr

    Auch ich bin gegen eine Entschuldigung angesichts einer immer stärker um sich greifenden 'Kultivierung' von Betroffenheiten unter Randgruppen in unserer Gesellschaft, aber:
    die Crux ist doch auch, daß sich in der Riege der Journalisten, Autoren, Drehbuchschreibern und sonstigen, mit Geschriebenem an die Öffentlichkeit tretenden Publizisten nur in ganz beschränktem Umfang wirklich gebildete und ihrem selbst gesetzten Anspruch genügende Personen befinden. Ein flottes Geschreibsel über ferne Kulturkreise ersetzt häufig eine profunde Auseinandersetzung mit einer mitunter recht komplexen Thematik. Hier liegt das zentrale Defizit unserer Publizistik, das ich - auch als ein nicht durch Verunglimpfung Betroffener - dringend anmahnend möchte.

  4. Ginge es danach Tatort-Folgen, welche Vorurteile bedienen zu verfolgen käme man wohl aus dem demonstrieren wohl nicht mehr heraus. Die gestrige Folge „Fettkiller“ bedient sich ebenfalls Klischees: Model=Magersucht bzw. böse, von gewissenlosen Karriereristen durchzogene Pharmaindustrie.
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    Im Gegensatz zu der Folge „Wem Ehre gebührt“ waren diese Stereotype dort deutlich zugeordnet.
     
    Ich glaube nicht, dass Zuschauer, welche die kritisierte Folge gesehen haben zu dem Schluss kommen konnten, dass die Alevitische Glaubensgemeinschaft eine Gemeinde kollektiv betriebenen Inzests sei (Im Übrigen stirbt die missbrauchte Tochter am Ende nicht, sondern wird gerettet, verliert allerdings das Kind).
     
    Inzest ist keine Frage der kulturellen Zugehörigkeit. Dass die Aleviten durch andere islamische Richtungen diesem Vorwurf ausgesetzt waren/sind (meines Wissens, auf der Grundlage einer nicht forcierten Geschlechtertrennung, insbesondere in der Religionsausübung) war mir bis zu den Protesten vollkommen neu. Für eine diesbezügliche Aufklärung hat diese Tatort-Folge und die Diskussion ja schon mal gesorgt. Ein Beweis dafür, dass die Freiheit der Medien und der Presse in diesem Land funktioniert.
     
    Letztlich würde ich mir wünschen, dass der öffentliche Dialog gerade zum Thema Islam besser funktionieren würde. Wo sind/waren die wütenden Proteste, als so genannte „Ehrenmorde“ Thema in den Medien waren???
     
    Besonders hier würde ich mir engagierte Stellungnahmen der betroffenen Religionsgemeinschaften erhoffen...

  5. Schön, daß die Aleviten friedlich demonstrieren. Können sie gerne machen. Andere Interessensgruppen demonstrieren gegen Abtreibung, genmanipuliertes Getreide, Kastortransporte, Raucher oder Nichtraucher, gegen Homos oder gegen Heteros.Dürfen sie alle, sollen sie alle.Nur dürfen sie dabei niemanden, den das Problem nicht interessiert, in die Veranwortung nehmen und dieses Privatproblem aufzwingen. Denn mehr ist es nicht : ein privates Problem einiger Aleviten, ein vermeintlicher Imageschaden.Ganz und gar nicht dürfen sie irgendwen um Entschuldigung bitten. Das ist frech. Das sprengt nicht nur den (Grund)gesetzlichen Rahmen, sondern entbehrt auch jeder Logik und jeder Moral.Sollten sich diese absurden Forderungen allerdings fortsetzen, muß überprüft werden, ob diese Gruppe der Aleviten nicht wegen öffentlicher Unruhe, Störung des öffentlichen Friedens und Verstoß gegen das Grundgesetz belangt werden können.In jedem Fall sind aber schon jetzt Entschuldigungen der beteiligten Aleviten fällig, dafür daß sie das Grundgesetz nicht verstehen oder absichtlich falsch lesen und sich anscheinend im Land und in der Zeit geirrt haben.

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