Was hat er sich bloß dabei gedacht, der 21–jährige Hamburger Hafenarbeiter Erwin Seeler? Sein Entschluss, im Februar 1932 vom SC Lorbeer 06 zu Viktoria Hamburg zu wechseln, war ein Politikum. Denn der Wechsel des späteren HSV-Idols, wie sein Sohn Uwe ein begnadeter Mittelstürmer, war nicht einfach ein Wechsel von einem Verein zum anderen.

Es war der Übertritt von einem deutschen Fußballverband zum anderen, vom Arbeiter-Turn- und Sportbund (ATSB), dem Seeler als Neunjähriger beigetreten war, zum Deutschen Fußball-Bund (DFB). Ein Tausch des politischen Milieus: von den sozialdemokratischen Klassenkämpfern mitten hinein ins bürgerliche Lager. Dabei mag es Erwin Seeler und seinem Mannschaftskameraden Alwin Springer, der ebenfalls von Lorbeer zu Viktoria wechselte, vielleicht nur um etwas Geld, eine größere Wohnung und eben Fußball gegangen sein. 

Die Anhänger, Mitspieler und die SPD-Presse reagierten beleidigt auf den Wechsel der Arbeiterfußballer, ja beinahe hysterisch. Das Hamburger Echo sprach unter der Überschrift "Verirrte Proletarier" vom "Hochmutsfimmel" der beiden "Überläufer". Es müsse doch ein peinliches Gefühl sein, im Arbeiterviertel zu wohnen, täglich seinen ehemaligen Genossen zu begegnen und dann verachtet zu werden. Die Arbeiterbewegung jedoch, so war man sich einig, weine den beiden Spielern "keine Träne nach".

Dass die Reaktionen derart harsch ausfielen, hing auch damit zusammen, dass Erwin Seeler jemand war, den es im Arbeiterfußball eigentlich nicht geben durfte: ein Star. Zweimal, 1929 und 1931, gewann er mit dem SC Lorbeer 06 die Bundesmeisterschaft des Arbeiterclubs. Außerdem war Seeler ATSB-Auswahlspieler, ein guter dazu. Bei der zweiten Arbeiterolympiade in Wien im Juli 1931 verpasste allein Seeler den Ungarn sieben von insgesamt neun Gegentreffern. Danach trugen seine Mitspieler ihn, den Sohn eines sozialdemokratischen Gastwirts, auf den Schultern vom Platz. In den Augen der Arbeiterbewegung entwickelte sich ein nicht zu tolerierender Starkult.

Bis heute gehört es zu den allzu gern gepflegten Mythen, dass Fußball ein typisches Arbeiterspiel sei, in dem sich testosteronschwangere Malocher in ihrer spärlichen Freizeit vergnüglich die Hacken polierten. Nur: So stimmte dies nie.

Tatsächlich war der Fußball ein von Arbeitersportlern zunächst nur wenig geliebtes, aus England importiertes Spiel. Von Turnern im Jahre 1893 als Arbeiter-Turn-Bund (ATB) gegründet, lehnte ihre Vereinigung Sportspiele lange Zeit ohnehin ab. So galt bis nach dem Ersten Weltkrieg das Balltreten als gänzlich unproletarisch. Viel zu individualistisch und zu leistungsorientiert sei dieses körperbetonte Spiel. Zudem fördere es durch seinen Wettkampfcharakter und hohen physischen Einsatz kompromissloses Konkurrenzdenken. Einzelne Spieler würden hervorgehoben, was wiederum dem Egoismus Vorschub leiste. Kurzum: Fußball war als rundherum bürgerlich verpönt den Studenten und Gymnasiasten vorbehalten.