Fussball Kein Spiel für LinksaußenSeite 3/3

Der Protestwut setzte der ATSB skurrile Überlegungen entgegen. Das Spiel sollte durch eine Regeländerung seinen groben Charakter verlieren. Mehrfach erwog der Verband die bis heute gültige Torezählung abzuschaffen und stattdessen ein Punktesystem einführen. Danach hätte jedes geschossene Tor zehn Punkte gezählt, ein Eigentor, ein direkt verwandelter Freistoß und ein Strafstoß jeweils fünf. Bei einem Foul bekäme die gegnerische Mannschaft zwei Punkte. Ein verursachter Einwurf entspräche immerhin noch einen Punkt für den Gegner. Das Spiel sollte dadurch fairer werden. Jedoch wurde kein einziges ATSB-Meisterschaftsspiel nach diesen Regeln angepfiffen. Das Punktesystem blieb eine theoretische Überlegung, die den ATB allerdings lange Jahre beschäftigte. 

Die zweite Dauer-Debatte drehte sich um den Vorwurf an die Fußball-Sparte, sie sei ein Hort von ‚Nur-Sportlern’. Die Arbeitersportzeitung Der Fußball-Stürmer beispielsweise titelte 1932 „Nur Sportler sein genügt nicht“ und mahnte ausdrücklich, die Arbeiterfußballer haben Rechte und Pflichten gleichzeitig zu erfüllen. Zu den Pflichten zählten die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft und der Partei – also der SPD – sowie die ausschließliche Lektüre der Arbeiterpresse. Doppelmitgliedschaften in anderen Sportvereinen, womöglich sogar in einem ‚bürgerlichen’ Verein, tolerierte der ATSB nicht, was dazu führte, dass der Bund regelmäßig Spieler bei einem Wechsel aus seinen Vereinen ausschloss. Rund 130.000 Fußballer spielten zu Beginn der 1930er Jahre im ATSB, während zur gleichen Zeit die Mitgliederzahl des DFB bereits die Millionengrenze knackte.

Anzeige

So kam es, dass im Sommer 1932, knapp ein Jahr vor der Zerschlagung sämtlicher Arbeiterorganisationen durch die Nationalsozialisten, der Arbeiterfußball bereits verloren hatte. 7.500 Zuschauer zog es ins Nürnberger Stadion, um das Endspiel der 13. Bundesmeisterschaft zu sehen. Es war das letzte Endspiel des ATSB und zugleich auch der allerletzte Beleg: Fußball war in der Arbeitersportbewegung ein zum Scheitern verurteiltes Spiel. Zum Vergleich: Mehr als 40.000 Zuschauer kamen, als im selben Jahr der FC Bayern München seine erste Meisterschaft im DFB feierte.

 
Leser-Kommentare
  1. Turnierveranstaltungen wie WM oder EM sind inzwischen sowas wie VIP Spiele,an Eintrittskarten zu gelangen gleicht einen Hürdenlauf und ein Internetanschluss dafür schon fast Voraussetzung,so gesehen hatte der Arbeiter Turn und Sportverein wohl die richtige Vorahnung wohin die Reise geht,von den heutigen Transverzahlungen und Spielergehältern mal ganz abgesehen.Wie meinte Hr.Hoenes "wir reissen uns für euch den A.... auf" und wir blechen genug dafür oder?

  2. Da hat die Sozialdemokratie einmal mehr aufgrund ideologischer Vorbehalte eine gesellschaftliche Entwicklung verschlafen.

    • Whitey
    • 04.01.2008 um 11:22 Uhr

    Da würde ich mal sagen..., dass hätte ich so nie gedacht. Dem Fußball hängt einfach der Geruch des Proletariats an, zumindest dachte ich das immer, und mit mir wahrscheinlich eine ganze Menge mehr Fußballanhänger. Spannend wäre es zu sehen, was der Nationalsozialismus aus dem Fußball dann gemacht hat....Auf jeden Fall ein Superartikel, Lars...

  3. Der Nationalsozialismus wird dann das Klischee vom Fußball als Arbeitersport propagandiert haben, das bis heute so gerne geglaubt wird :-)

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Neu auf ZEIT ONLINE
    1. Grüne Gentechnik Transgener Mais erstmals anfällig für Schädlinge
    2. Naturkatastrophe Weiteres Beben nach Erdstößen in Norditalien
    3. Gartengestaltung Der neue Geist im Grünen
    4. Bürgerkrieg EU-Staaten weisen syrische Botschafter aus
    5. Finanzmärkte Schwarz-Gelb will Blitzgeschäfte an der Börse regulieren
  • Neu im Ressort
    1. Anzeige
    2. Anzeige
    3. Zeit online sport auf twitter
    4. Anzeige
    Service