Das meterhohe Raumschifflogo "Fairydust" des Chaos Computer Clubs (CCC) steht wie verloren auf dem windigen Vorplatz der Kongresshalle am Berliner Alexanderplatz. Im Inneren des Baus ist der Eindruck nicht anders: die wenigen hackertypischen Frisuren und T-Shirt-Aufschriften wirken fast deplaziert. Statt Chaos und wilden Outfits bestimmen Powerpoint und die praktische Mischung aus Outdoorjacken und Jeans das Bild. Keine schrille Musik, keine lauten Plakate, keine bunten Typen. Arbeitsatmosphäre. Zum 24. Mal versammelten sich die Hacker des CCC vom 27. bis zum 30. Dezember zu ihrem traditionellen Kongress und es scheint, als habe sich in den vergangenen Jahren in dem Verein einiges geändert.

Sicher, überall lungern Computer, Kabel und irgendwelche Antennen rum und die Dichte der Club-Mate-Trinker und Laptop-Besitzer ist höher als irgendwo sonst im Land. Trotzdem, der Gesamteindruck der Veranstaltung ist der geradezu nachdrücklicher Normalität. Sie könnte problemlos als Parteitag der Grünen durchgehen. Der CCC, laut Selbstbeschreibung eine "intergalaktische Vereinigung von Datenreisenden", ist in der Realität gelandet. Der einsame Zettel am Fenster, der behauptet, die Welt "da draußen" sei nur eine Simulation, wirkt wie ein sehnsuchtsvoller Ruf nach der guten alten Zeit.

Einst war der Haufen ein Bürgerschreck und in den Augen von Bundespostlern und Normalverbrauchern ähnlich schlimm wie Kommune eins oder RAF. Der 1981 im Umfeld der Kommune und der taz gegründete Club wollte zwar immer schon die "guten Hacker" repräsentieren, vor allem aufklären und vor Gefahren und Sicherheitslücken warnen. In der öffentlichen Wahrnehmung aber lag die Betonung auf Hacker. Gut konnte das nicht sein. Die Mitglieder beförderten dieses Böse-Buben-Image gern und lange. Das aber, so könnte ein Fazit des 24c3 lauten, wie der Kongress von den Veranstaltern genannt wird, ist vorbei. Man will andere Wege probieren, lieb sein.

Noch vor wenigen Jahren war die Identität der meisten Clubmitglieder besser gehütet, als die der Beamten des Bundesnachrichtendienstes. Tarnbezeichnungen erfreuten sich großer Beliebtheit. Noch heute gibt es ein paar, die zusammenzucken und hektisch über ihre Schulter blicken, wenn man sie mit ihrem Klarnamen anspricht. Doch die Mehrzahl hat damit längst kein Problem mehr und betrachtet ihren Spitznamen eher als Markenzeichen denn als Schutz. Lange gab es außerdem für alle, die etwas vom CCC wollten, lediglich eine E-Mail-Adresse und die lapidare Ankündigung, man solle nicht unbedingt mit einer Antwort rechnen. Heute kann, wer will, ein ganzes Rudel Handynummern anrufen und wird sofort bedient.

Es sind dies nur Kleinigkeiten, doch es gibt viele davon. Der Umgang mit den Medien beispielsweise. Intern wird die Presse noch immer gern als lästig und unnötig angesehen und man brüstet sich, sie nicht ernst zu nehmen. Sprecherin Constanze Kurz beispielsweise sagte vor hunderten Fans in der Kongresshalle, es reiche den Journalisten in der Regel, "wenn wir ein bisschen rumeiern" – und bekam dafür Lacher und Applaus. Gleichzeitig aber hat sich der Umgang mit Journalisten trotz erheblicher Kritik aus den eigenen Reihen vollständig geändert.

Bei den ersten Kongressen in den achtziger Jahren mussten sie noch mehr als doppelt so viel Eintritt zahlen wie die übrigen Besucher, machten sie doch schließlich "die Informationen des CCC zu Geld", wie es damals hieß. Inzwischen kommen Pressevertreter nicht nur umsonst rein, sie durften in diesem Jahr auch an allen Schlangen vorbei stürmen, um "mit höchster Priorität" eingelassen zu werden, wie einer der Ordner sagte. Und sie mussten zum ersten Mal kein Schild mit dem auffälligen Aufdruck "Presse" mehr tragen, um für den scheuen Hacker schon von weitem erkennbar zu sein.

 

"Die Paranoia geht zurück", sagt padeluun, Künstler und Gründer des Vereins zur Förderung des öffentlichen bewegten und unbewegten Datenverkehrs (Foebud). Er war selbst lange Jahre im CCC aktiv, bevor er aus seiner Ortsgruppe den Foebud e.V. formte, der heute so etwas wie der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Arm des Clubs ist. Oder der, wie padeluun es ausdrückt, "bei der Empörungsbewirtschaftung eine andere Zielgruppe anspricht" als der Chaosclub. Der Pragmatismus, der sich in dieser Äußerung zeigt, ist es, der langsam auch in den Reihen der Hacker Anhänger findet.

Schon immer bestand der CCC aus zwei Gruppen, aus den Bastlern und aus den Politikern. Und schon immer war die Strategie schizophren oder, netter formuliert, zweigleisig. Einerseits wollte man die kriminelle Szene anziehen und ihr ein Forum bieten, andererseits sollte mit den durch sie gewonnenen Informationen Gutes bewirkt und die Öffentlichkeit informiert werden. Lange hatten die klandestinen Bastler die Oberhand und es gab nur wenige, die wie Gründungsmitglied Wau Holland öffentlich agierten. Inzwischen aber scheinen die Politiker die Linie zu bestimmen. "Wir werden lauter", sagt Constanze Kurz dazu, die sich dieser Gruppe zurechnet.

Kurz ist selbst sichtbares Zeichen dieser Veränderung. Sie ist keine Hackerin und hat nie versucht, BTX-Modems selbst zu löten. Sie achtet auf ihr Äußeres, hat Informatik studiert, arbeitet derzeit an ihrer Promotion und ist vor allem eine Frau. Dass sie zu einer der Stimmen des CCC wurde, ist in einem dermaßen männlich dominierten Umfeld durchaus ungewöhnlich. Der Club ist längst kein Freizeitverein für Linux-Fanatiker, Verschwörungstheoretiker und Kriminelle mehr, sondern eine klassische NGO, eine Non Governmental Organisation mit politischen Zielen. Man könnte von Professionalisierung sprechen, wenn der Begriff im Zusammenhang mit dem CCC nicht so unpassend wäre. Schließlich gibt es noch immer keine echte Führung, keine ordentliche Struktur, eine erratische Themenauswahl und keinen einzigen hauptamtlichen und für seine Mühe entlohnten Mitarbeiter.

"Dass der CCC sich solchen Dingen verweigert, ist der Grund, dass er überhaupt noch funktioniert und als eine Art Gehirnzelle aktiv ist", sagt padeluun. Und auch die Pragmatikerin Kurz glaubt, dass ein bezahlter Chef nicht wünschenswert wäre, obwohl sie zugibt, dass man ihn nötig hätte. "Wir brauchen eine Vollzeitstelle", sagt sie, zu viel sei inzwischen zu tun, als dass es mit Freizeitaktivisten so gut gemacht werden könnte, wie es notwendig wäre. Trotzdem gibt sie sich keiner Illusion hin: Von Führungsfiguren habe der Chaosclub "die Schnauze voll". Dafür sei die Angst vor finanziellen Interessen und Abhängigkeiten zu groß. Noch zumindest.

Trotz seiner seltsamen Struktur hat der CCC Erfolg. Er ist heute nicht nur in Deutschland eine der wichtigsten Stimmen bei Themen wie Datensicherheit, Bürgerrechte und Technikfolgenabschätzung – sowohl für die Öffentlichkeit als auch für die Politik. Dazu gehört, dass er eine eigene Radiosendung im öffentlich-rechtlichen Rundfunk hat, auf Platz 663 der Lobbyistenliste des Bundestages steht und seine Mitglieder immer wieder als Experten in Ausschüsse und zu Beratungen von Wirtschaft und Parteien geladen werden.

Dieser Wandel führt zu einem erheblichen Problem: Früher äußerte sich der Verein zu Dingen, von denen er nichts verstand einfach nicht. Das ist heute anders. Im Bemühen, im Gespräch zu bleiben spricht man auch gern mal in Mikrofone, wenn es eigentlich nichts zu sagen gibt. Und ein einstündiger Vortrag zum Bundestrojaner beispielsweise trägt in trauriger Wahrhaftigkeit den Untertitel: "Die Wahrheit haben wir auch nicht, aber gute Mythen".

 

"Der CCC ist im Augenblick zu populistisch, er sollte zu mehr Systematik zurückfinden und sich auf Fakten konzentrieren", sagt Klaus Brunnstein. Der emeritierte Informatikprofessor ist das, was gern als ein Papst bezeichnet wird. Ihm verdankt Deutschland das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung und er ist Präsident der unter Schirmherrschaft der Unesco gegründeten Informatik-Organisation International Federation for Information Processing .

Die Fakten seien schon deprimierend genug, schreibt dagegen Felix von Leitner, einer der Autoren des Bundestrojaner-Vortrags, in seinem Blog. "Da müssen wir nicht noch einen Depri-Vortrag drauf setzen."

Genau diese Einstellung aber hält Brunnstein für problematisch. Populismus sei eine wirksame Waffe, sagt er, und der Verein habe in den vergangenen Jahren auch dank ihrer enorm an Prestige gewonnen. Allerdings müsse man aufpassen, nicht zu sehr ins Schwimmen zu geraten und dürfe sich nicht an seinen Erfolgen berauschen. Außerdem müsse in populistischen Äußerungen immer ein harter Kern aus Fakten existieren. Beim Thema Bundestrojaner beispielsweise sei der Verein "nicht genügend kompetent", sagt Brunnstein. In einem Vortrag dazu von der Gefahr überwachbarer Hörgeräte oder manipulierbarer Herzschrittmacher zu sprechen, sei doch "Pipifax", das lenke nur vom eigentlichen Problem ab.

Frank Rieger, seit mehr als fünfzehn Jahren Mitglied und Teil des diffusen Führungszirkels, sagt dazu lakonisch, Innenminister Wolfgang Schäuble habe nicht das alleinige Recht auf Populismus, warum solle der CCC das nicht auch dürfen. Im Übrigen habe man es geschafft, dem Thema digitale Bürgerrechte so viel Aufmerksamkeit zu verschaffen, dass es sogar für Parteien Relevanz habe und in deren Programme aufgenommen werde. Es gibt einige, die ihm zustimmen. Beispielsweise Tom Twiddlebit, einer der Gründer. In einer während der Konferenz verlesenen E-Mail beglückwünschte er den Club zu seiner neuen, politischeren Linie.

Nicht alle finden den Kurs bedingungslos gut. Es gibt erste Hackergruppen, die sich vom CCC abwenden und wieder tiefer in den Untergrund tauchen. Denn nicht jeder ist damit einverstanden, wie weit sich der Verein mit Politik und Wirtschaft eingelassen hat. Allein die Tatsache, dass man intern darüber diskutiert, wie stark man sich von Parteien für deren Ziele einbinden lassen will und darf, wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Mit Politikern redete man einfach nicht.

Auch die Art, wie man öffentliche Aufmerksamkeit erregt, hat sich geändert. Früher war der Chaosclub bekannt für die Dinge, die seine Mitglieder taten. Nasa-Hack, Kontenräumung bei der Hamburger Sparkasse, KGB-Hack – sämtlich illegal, Aufsehen erregend und große Schritte auf dem Weg zu mehr Sicherheit im Umgang mit Computern. Heute wird der Club für die Dinge wahrgenommen, die andere tun, – vor allem der Gesetzgeber, – und die er lediglich kommentierte: Bundestrojaner, Vorratsdatenspeicherung, biometrische Pässe - bis die Stadt Hamburg vor einiger Zeit auf die Idee kam, für die anstehende Bürgerschaftswahl einen elektronischen Wahlstift zu verwenden. Da, vor wenigen Monaten, konnte der CCC zeigen, dass dieser Stift keineswegs sicher ist und sich durch ihn Wahlergebnisse manipulieren lassen. Geradezu ein Glücksfall für den Verein, auf den man nicht wenig stolz ist.

 

"Wir glauben, dass Computer für manche Dinge nicht die richtige Lösung sind, dass sie in manchen Bereichen nichts zu suchen haben", sagt Tim Pritlove, viele Jahre Organisator des Kongresses. Wahlen seien einer dieser Bereiche. Es war nicht die einzige Aussage dieser Art und wohl das erste Mal, dass die technikverliebten Nerds des CCC vor ihren eigenen Spielzeugen warnten. Aus der Tatsache, bestimmte Dinge gut zu verstehen, erwachse eben Verantwortung, sagt Pritlove.

Inzwischen will man diese auch wahrnehmen und lernt gerade, dass das gar nicht so einfach ist. Constanze Kurz zum Beispiel beklagt die mangelnde „Durchschlagskraft“ des CCC. Auch Frank Rieger bemängelt, dass die Themen und Warnungen zwar wahrgenommen würden, sich aber trotzdem nichts ändere und Gesetze wie das zur Vorratsdatenspeicherung wider besseren Wissens beschlossen würden.

Der CCC habe nicht begriffen, dass man mit Parlamentariern auf einer „tiefenpsychologischen Ebene“ arbeiten müsse, sagt Foebud-Chef padeluun. "Hier hat noch keiner verstanden, wie wichtig Sektempfänge sind." Man müsse eben noch viel mehr Aufklärung betreiben, die Öffentlichkeit suchen, die Lobbyisten knacken.

Mehr Nähe zur Politik aber möchte man im Chaos Club derzeit auf keinen Fall. Man sei, was Parteien angehe, "arg desillusioniert", sagt Rieger. "Es ärgert uns, wenn sie auf unsere Themen aufspringen, weil sich nicht wirklich dahinter stehen und nur an Wählerstimmen interessiert sind", sagt Constanze Kurz. Es ist die alte Paranoia, die Angst vor der Welt da draußen. Ganz überwunden ist sie noch nicht.