„Zu welchem Thema haben Sie Ihre Meinung geändert und warum?“ Diese Frage hat die Edge Foundation führenden Wissenschaftlern und Denkern gestellt - und überraschende Antworten bekommen. Die Organisation ist ein informeller Zusammenschluss von Intellektuellen, die gemeinsam Antworten auf Fragen finden wollen, welche die Gesellschaft bewegen. Zu jedem Jahreswechsel stellt ihr Koordinator, der Verleger John Brockman, die Mitglieder vor eine knifflige Aufgabe. „Was ist Ihre gefährlichste Idee?“, „Was glauben Sie, ist wahr, obwohl Sie es nicht beweisen können?“, waren Fragen der vergangenen Jahre. Die Antworten sind auf der Internetseite www.edge.org nachzulesen.

Die Frage in diesem Jahr lautete:
Wenn Denken Ihre Meinung verändert, dann ist das Philosophie.
Wenn Gott Ihre Meinung verändert,
dann ist das Glaube.
Wenn Fakten Ihre Meinung verändern,
dann ist das Wissenschaft.
Zu welchem Thema haben Sie Ihre Meinung geändert und warum?


Mehr als 120 Wissenschaftler haben sich die Köpfe über diese kleine Frage zerbrochen und festgestellt, dass sie mindestens einmal etwas, von dem sie felsenfest überzeugt waren, revidieren mussten. Vielleicht liegt es daran, dass sie Wissenschaftler sind. Denn ein Wissenschaftler, der in seiner Karriere nicht wenigstens einmal seine Meinung ändere, sei engstirnig, festgefahren, unflexibel und dogmatisch, schreibt Richard Dawkins , Evolutionsbiologe und Autor des Bestsellers Der Gotteswahn . Darin würden sich die Angehörigen dieser Berufssparte grundlegend von Politikern unterscheiden, die Angst vor dem Vorwurf haben, ein Fähnchen im Wind zu sein, wenn sie ihre Meinung ändern.

Die Antworten der Intellektuellen sind persönlich, manchmal sehr fachspezifisch, aber auch politisch. Sie decken ein weites Feld dessen ab, was die Menschen beschäftigt: Die Klimaveränderung, den Unterschied zwischen Mann und Frau, aber auch die Frage nach der Existenz Gottes.

Craig Venter: Die Erde retten
Der Gen-Pionier Craig Venter glaubte jahrelang, dass sich erst zukünftige Generationen darüber Gedanken machen müssen, wie sie das Problem der schwindenden natürlichen Energie-Ressourcen lösen. Er glaubte, dass es letztlich nur um die abnehmenden Ölreserven gehe - und nicht um den CO2-Ausstoß. Diese Vorstellung musste er revidieren, die Zunahme der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre sei unwiderlegbar, schreibt der Forscher. Seine Antwort ist zugleich ein Appell: „Unser Planet ist in einer Krise und wir müssen alle unsere intellektuellen Kräfte mobilisieren, um ihn zu retten.“

Helena Cronin: Dumme Männer, kluge Männer
Helena Cronin, eine Evolutionstheoretikerin an der London School of Economics widmete sich der Frage, warum Männer scheinbar erfolgreicher im Beruf sind und vertrat die These, dass die unterschiedlichen Begabungen der beiden Geschlechter angeboren seien. Männer seien konkurrenzfähiger, risikobereiter und zielstrebiger. Mit diesen Fähigkeiten seien sie den Frauen überlegen, die eher sozialkompetent sind und mehr reden. Diese Meinung hat sie grundlegend geändert: Talente, Geschmäcker und das Temperament reichten nicht aus, um zu erklären, warum Männer erfolgreicher sind als Frauen, schreibt die Wissenschaftlerin. Ihre neue These: Nehme man eine Normalverteilung an, sei es ganz einfach so, dass die Frauen eher durchschnittlich sind, während die Männer die Extreme besiedeln. „ More dumbbels but more Nobels “, also entweder extrem blöd, oder extrem intelligent sei das männliche Geschlecht, so resümiert sie ihre Erkenntnis.

Leon Lederman: Wissenschaftler in die Politik!
Der Physik-Nobelpreisträger Leon Max Lederman macht sich Gedanken darüber, welche Aufgaben ein Forscher hat. Er kommt zu dem Schluss: Nicht mehr nur der Forschung und der Lehre sollte sich ein Wissenschaftler widmen, sondern auch in der Politik wünscht er sich die denkende Elite: „Ein Kongress, der von Anwälten und Wirtschaftswissenschaftlern dominiert ist, macht keinen Sinn im 21. Jahrhundert, in dem es fast immer um wissenschaftliche und technologische Fragen geht.“

Patrick Bateson: Nun doch gottlos
Manchmal kann ein einziges Gespräch eine Meinung grundlegend ändern. So passierte es dem Verhaltensforscher Patrick Bateson von der University of Cambridge. Seit jeher sagte er, er sei ein Agnostiker, also jemand, der die Existenz von Gott weder bejahen noch verneinen könne. Der Ausdruck „Atheismus“ sei ihm immer zu aggressiv gewesen. Bis er bei einem Dinner neben eine überzeugte Kreationismus-Anhängerin gesetzt wurde. Das Gespräch mit seiner Tischnachbarin hat bei dem Wissenschaftler Spuren hinterlassen. Die Engstirnigkeit seiner Gesprächspartnerin hat ihn dazu gebracht, sich heute Atheist zu nennen.

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