Argentinien Avantgarde auf buntem Karton

Bücher aus Müll? In Buenos Aires druckt eine Gruppe junger Künstler lateinamerikanische Literatur auf alte Pappe – eine Reportage

November in Buenos Aires, argentinischer Sommer. Es ist heiß im südlichen Einwandererviertel La Boca, berühmt für den gleichnamigen Fußballverein in dem ehedem Diego Maradona groß wurde. In diesem heruntergekommenen Stadtteil huschen Kakerlaken über die Tresen der Straßencafés. Ein alter Mann hat wie selbstverständlich sein Lager am Straßenrand aufgeschlagen; in seinem Bett schläft er am helllichten Tag mit einer ramponierten Kinderpuppe im Arm.

Plötzlich tut sich in der Straße Brandsen eine kleine Farboase auf. Zwischen einem Kiosk und einer Pizzeria werden die Rollläden einer Werkstatt hochgezogen. Ein Laden: No hay cuchillo sin rosas - Kein Messer ohne Rosen, Eloísa Cartonera heißt das Projekt, das sich dahinter verbirgt. Ein Kunstprojekt mit sozialem Anliegen. Hier arbeiten Autoren, Künstler und die sozial Schwächsten der argentinischen Gesellschaft an einem Werkstatttisch, schneiden, bemalen und bekleben Pappe aus zweiter Hand und bedrucken Papier. Das Endprodukt ist lateinamerikanische Literatur zwischen zwei bunten Buchdeckeln aus Karton.

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In der Werkstatt wartet ein in Argentinien sogenanntes quilombo - ein Chaos - aus Karton, Papier und Farben. Regale hängen an den Wänden, vollgestellt mit meterlangen Buchreihen, ein Farbenmeer aus bunten Kartondeckeln. Eine Druckermaschine steht etwas verloren inmitten der Unordnung. Ein Radio tönt, in der Mitte des Raumes stehen zwei Tische voller Farbspritzer. Miriam wischt den Boden und grinst. Sie grinst die ganze Zeit.

Früher war Miriam eine Cartonera , eine der Kartonsammler von Buenos Aires. Abends ziehen sie durch die Straßen der Stadt und sammeln auf Leiterwägen Papier, Karton - letztlich alles was wiederverwertet werden kann, um es dann in Recyclingfabriken zu Kilopreisen zu verkaufen. Männer wie Frauen, Kinder und Jugendliche, manchmal ganze Familien inklusive der Großeltern. Sie schlachten die Müllsäcke aus, die abends vor die Häuser gestellt werden. Das Ergebnis sind allabendliche Müllexplosionen auf den Straßen. Die Zahl der Cartoneros , die jede Nacht aus den ärmeren Außenbezirken in die Hauptstadt kommen, wird irgendwo zwischen 40.000 und 100.000 geschätzt. Besonders nach der argentinischen Wirtschaftskrise 2001, stieg ihre Zahl rapide.

Miriam ist seit einem Monat jeden Tag in der Werkstatt. Sie ist 23, groß und rund, mit einem strahlenden Lächeln. „Aus aller Welt kommen die Journalisten, machen Fotos und wollen uns kennenlernen“, erzählt sie stolz und drückt ihren Pinsel in himmelblaue Farbe. Beim Bemalen der Buchdeckel gibt es keine Regel. Jeder soll seinen eigenen künstlerischen Ausdruck entdecken, der sich dann in den langen, farbenprächtigen Buchreihen wiederfindet.

Die Werkstatt war eine Idee des argentinischen Schriftstellers Washington Cucurto. Er ist 34 und verbrachte seine Jugend als Santiago Vega in den Armenvierteln der Provinz. Jung kam er nach Buenos Aires, schlug sich durch, füllte Supermarktregale auf, ehe er einen Kreis junger Literaten traf. Dort wurde er zu Washington Cucurto und teilt seither Literaturkritiker in zwei Lager: Manchen ist er ein Kultautor, ein Teil der Avantgarde, anderen indes zu vulgär, ein Schandfleck der argentinischen Literatur. Er und der bildende Künstler Javier Barilaro gründeten 2003 die Verlagskooperative Eloísa Cartonera .

Leser-Kommentare
    • Ojo
    • 04.01.2008 um 14:26 Uhr

    Ein interessanter und optimistisch stimmender Artikel!Hier noch ein weiterführerender Link:http://www.youtube.com/wa...Es handelt sich um eine kurze Doku über Cartoneros in Buenos Aires - Eloísa Cartonera kommt auch vor!

  1. Laut offizieller Satistik gibt es in Buenos Aires keine 40.000 bis 100.000 Cartoneros, sondern nur noch ca. 8.000.
    Und das mit den Kakerlaken, die über die Tresen der Straßencafés huschen, z.B. in der Calle Brandsen, ist etwas übertrieben (was nicht heißen soll, daß es nicht vorkommt) - sonst würde ich dort bestimmt nicht mehr essen gehen.
    Aber ansonsten - ein netter Artikel.
     
     

    • marip
    • 07.01.2008 um 12:57 Uhr

    lieber peter schoenau,ich danke ihnen fuer ihr lob und ihre hinweise.laut meiner rechercheergebnisse, die sich aus unterschiedlichsten quellen speisen, kommen taeglich aus der provinz 40 000 - 100 000 cartoneros in die stadt buenos aires. diese zahlen habe ich mir am ende meiner arbeit noch einmal bestaetigen lassen. ich weiss nicht woher ihre zahl stammt, aber es wuerde mich sehr interessieren, ich lerne gerne dazu.bezueglich "kakerlaken ueber tresen": ich weiss nicht wie lange sie schon in argentinien sind oder waren, doch in den bezirken in denen ich mich immer wieder fuer mehrere monate bewege (und das ist die innenstadt, sowie ein, zwei angrenzende bezirke) ist es nichts ungewoehnliches, dass diese munteren tierchen das alltagsbild von buenos aires schmuecken. man sieht sie staendig und ueberall, noch dazu im sommer. und, man sieht sie auch und staendig in bars und restaurants. und, man sieht sie auch, dann und wann, auf tischen und tresen, wo sie allerdings meist nicht lange ueberleben. diese zusatzinformtion in meinem artikel sollte nicht abwertend klingen, sondern schlicht eine tatsache beschreiben, die just an diesem nachmittag sich in der brandsen genau so zugetragen hat. vielen dank fuer ihren kommentardie autorinkathrin schadt

  2. Hallo Frau Schadt,
    habe Ihre Ergänzung gelesen. Also, meine Zahlen stammen aus der "La Nación" (ich weiß allerdings nicht mehr die Ausgabe). Das waren angeblich amtliche Zahlen der Stadtverwaltung, was allerdings nicht unbedingt viel heißen muß. Mir kam die Zahl im übrigen auch etwas niedrig vor.
    Gruß
    Peter Schönau
     

  3. Soy Gustavo Zaninelli, argentino, y quería comunicarlos que me parece muy interesante que periodistas europeos muestren a mi país con sus diversas realidades y no solo una “<?xml:namespace prefix =" st1" ns =" "urn:schemas-microsoft-com:office:smarttags"" />Patagonia for export”, tan de moda en el siglo actual. Mis felicitaciones y respectos a la periodista y a la revista. Gustavo Zaninelli – periodista y fotógrafo
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    Ich heiße Gustavo Zaninelli, Argentinier, und würde gerne an dieser Stelle anmerken, dass es mir sehr interessant erscheint, dass europäische Journalisten die unterschiedlichen Realitäten meines Landes aufzeigen und nicht nur ein „Export-Patagonien“, so wie das heutzutage normalerweise der Fall ist. Meinen Glückwunsch und meinen Respekt an die Journalistin dieser Beiträge, sowie an die Zeitung selbst. Gustavo Zaninelli – Journalist und Fotograf

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