Kenia : An der Schwelle zum Bürgerkrieg

Nach der manipulierten Präsidentschaftswahl sind in Kenia gewaltsame Stammeskonflikte ausgebrochen. Die Zahl der Toten steigt täglich.

Nairobi. Eine Woche nach den Präsidentschaftswahlen im ostafrikanischen Kenia verhärten sich die Fronten zwischen der offiziell bestätigten Regierung von Präsident Mwai Kibakis und dem oppositionellen Orange Democratic Movement (ODM) unter Raila Odinga. Im ganzen Land brennen Häuser, Geschäfte und Tankstellen. Nachbarn werden zu Feinden. Die Unruhen weiten sich zu ernsthaften Stammeskämpfen aus: Luo und Luhya gegen Armee und Polizei; die Oppositionsanhänger liefern sich blutige Gefechte mit Angehörigen der Kikuyu, dem Stamm von Präsident Kibaki und seiner Partei der nationalen Einheit (PNU). Das Volk ist tief gespalten entlang ethnischer Grenzen.

In der Nacht zu Mittwoch kamen Jugendliche über die Brücke am Mathare River und töteten fünf Menschen – einfach so. Mit Pangas taten sie das, jenen gruseligen Macheten, die an Sindbads Krummsäbel erinnern, und unwillkürlich Bilder vom Völkermord in Ruanda hervorrufen. Dann setzten sie eine Grundschule in Brand und zogen sich zurück. Diesmal waren es Kikuyu, die sich aus Rache an ihren ermordeten Stammesbrüdern von Huruma ins benachbarte Slum-Viertel Mathare North schlichen und dort die Jugendlichen vom Stamm der Luo töteten. Die Kikuyu und die Luo sind die beiden größten Volksgruppen Kenias.

Die Szenen sind austauschbar, sie spielen sich in jenen Landesteilen ab, in denen die verfeindeten Volksgruppen der Kikuyu und die des Oppositionsbündnisses aus Luo, Luhya und Kalenjin nah beieinander leben. Unterschiedlichen Quellen zufolge haben die Unruhen bislang zwischen 178 und 300 Menschen das Leben gekostet. Kenia ist seit der Wahl paralysiert, die Bevölkerung panisch. Mindestens 75.000 Menschen sind auf der Flucht im eigenen Land. Die Stimmung zwischen den Anhängern beider Parteien eskaliert.

200 fanatische Jugendliche setzten am Dienstag in Eldoret, im Westen Kenias, eine Kirche in Brand. Mindestens 35 Menschen, die sich dort hin geflüchtet hatten, verbrannten, unter ihnen viele Frauen, Kinder und Säuglinge. Was ihnen zum Verhängnis wurde: die Brandstifter verdächtigten sie, Anhänger von Präsident Kibaki gewesen zu sein, schreibt die lokale Zeitung The Standard . In Westkenia, bei Mombasa und in den Slums von Nairobi haben Anwohner Straßensperren errichtet. Wer sich nicht ausweisen oder in der Stammessprache antworten kann, dem drohen Gewalt und Folter.

Die Zahl der Toten steigt täglich. Ein Sprecher der Regierung hat Odinga "ethnische Säuberungen" vorgeworfen. Woraufhin Odinga Präsident Kibaki des "Völkermordes" beschuldigte. Mit Kibaki werde er sich erst dann an einen Tisch setzen, wenn dieser seine Wahlniederlage eingestehe, sagte er der BBC. Für Donnerstag hat die Opposition landesweite Demonstrationen angekündigt: Mombasa, Kisumu, Eldoret, Kakamega, Nakuru - in allen größeren Städten des Landes sollen ODM-Anhänger zusammenkommen. In Nairobi allein erwartet ODM eine Million Menschen. Die Polizei bestätigte eine Anordnung der Regierung, nach der jegliche Demonstration verboten ist. Ein starkes Polizeiaufgebot und massiver Militäreinsatz sollen das Verbot durchsetzen. Das Land steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg.

Der diplomatische Druck auf die beiden Kontrahenten nimmt unterdessen zu. In einer gemeinsamen Erklärung forderten Großbritannien und die USA beide Seiten auf, sich auf einen Kompromiss zu einigen und dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten. Zudem wird der Vorsitzende der Afrikanischen Union, der ghanaische Präsident John Kufour, in Kenia erwartet. Die USA, die Europäische Union und die Vereinten Nationen unterstützen den Vorstoß der Afrikaner, eine Vermittlungsrolle zu übernehmen.

Am Dienstag hatte der Leiter der EU-Wahlbeobachter, der Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff, von erheblichen Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentenwahl gesprochen. Vor laufenden Kameras präsentiert er Beweise für Unstimmigkeiten und Wahlfälschung. In einzelnen Wahlkreisen sei die Zahlen um bis zu 25.000 Stimmen für Präsident Kibaki nach oben korrigiert worden, Wahlbeobachter seien vom Auszählungsprozess ausgeschlossen worden, wichtige Dokumente seien verschwunden. In einigen Regionen lag die Wahlbeteiligung angeblich bei über 90 Prozent. Kurzum, die Wahlen haben nicht die erwünschten internationalen Standards erreicht.

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