KeniaAn der Schwelle zum Bürgerkrieg

Nach der manipulierten Präsidentschaftswahl sind in Kenia gewaltsame Stammeskonflikte ausgebrochen. Die Zahl der Toten steigt täglich. von Alexander Glodzinski

Nairobi. Eine Woche nach den Präsidentschaftswahlen im ostafrikanischen Kenia verhärten sich die Fronten zwischen der offiziell bestätigten Regierung von Präsident Mwai Kibakis und dem oppositionellen Orange Democratic Movement (ODM) unter Raila Odinga. Im ganzen Land brennen Häuser, Geschäfte und Tankstellen. Nachbarn werden zu Feinden. Die Unruhen weiten sich zu ernsthaften Stammeskämpfen aus: Luo und Luhya gegen Armee und Polizei; die Oppositionsanhänger liefern sich blutige Gefechte mit Angehörigen der Kikuyu, dem Stamm von Präsident Kibaki und seiner Partei der nationalen Einheit (PNU). Das Volk ist tief gespalten entlang ethnischer Grenzen.

In der Nacht zu Mittwoch kamen Jugendliche über die Brücke am Mathare River und töteten fünf Menschen – einfach so. Mit Pangas taten sie das, jenen gruseligen Macheten, die an Sindbads Krummsäbel erinnern, und unwillkürlich Bilder vom Völkermord in Ruanda hervorrufen. Dann setzten sie eine Grundschule in Brand und zogen sich zurück. Diesmal waren es Kikuyu, die sich aus Rache an ihren ermordeten Stammesbrüdern von Huruma ins benachbarte Slum-Viertel Mathare North schlichen und dort die Jugendlichen vom Stamm der Luo töteten. Die Kikuyu und die Luo sind die beiden größten Volksgruppen Kenias.

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Die Szenen sind austauschbar, sie spielen sich in jenen Landesteilen ab, in denen die verfeindeten Volksgruppen der Kikuyu und die des Oppositionsbündnisses aus Luo, Luhya und Kalenjin nah beieinander leben. Unterschiedlichen Quellen zufolge haben die Unruhen bislang zwischen 178 und 300 Menschen das Leben gekostet. Kenia ist seit der Wahl paralysiert, die Bevölkerung panisch. Mindestens 75.000 Menschen sind auf der Flucht im eigenen Land. Die Stimmung zwischen den Anhängern beider Parteien eskaliert.

200 fanatische Jugendliche setzten am Dienstag in Eldoret, im Westen Kenias, eine Kirche in Brand. Mindestens 35 Menschen, die sich dort hin geflüchtet hatten, verbrannten, unter ihnen viele Frauen, Kinder und Säuglinge. Was ihnen zum Verhängnis wurde: die Brandstifter verdächtigten sie, Anhänger von Präsident Kibaki gewesen zu sein, schreibt die lokale Zeitung The Standard . In Westkenia, bei Mombasa und in den Slums von Nairobi haben Anwohner Straßensperren errichtet. Wer sich nicht ausweisen oder in der Stammessprache antworten kann, dem drohen Gewalt und Folter.

Die Zahl der Toten steigt täglich. Ein Sprecher der Regierung hat Odinga "ethnische Säuberungen" vorgeworfen. Woraufhin Odinga Präsident Kibaki des "Völkermordes" beschuldigte. Mit Kibaki werde er sich erst dann an einen Tisch setzen, wenn dieser seine Wahlniederlage eingestehe, sagte er der BBC. Für Donnerstag hat die Opposition landesweite Demonstrationen angekündigt: Mombasa, Kisumu, Eldoret, Kakamega, Nakuru - in allen größeren Städten des Landes sollen ODM-Anhänger zusammenkommen. In Nairobi allein erwartet ODM eine Million Menschen. Die Polizei bestätigte eine Anordnung der Regierung, nach der jegliche Demonstration verboten ist. Ein starkes Polizeiaufgebot und massiver Militäreinsatz sollen das Verbot durchsetzen. Das Land steht an der Schwelle zum Bürgerkrieg.

Der diplomatische Druck auf die beiden Kontrahenten nimmt unterdessen zu. In einer gemeinsamen Erklärung forderten Großbritannien und die USA beide Seiten auf, sich auf einen Kompromiss zu einigen und dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten. Zudem wird der Vorsitzende der Afrikanischen Union, der ghanaische Präsident John Kufour, in Kenia erwartet. Die USA, die Europäische Union und die Vereinten Nationen unterstützen den Vorstoß der Afrikaner, eine Vermittlungsrolle zu übernehmen.

Am Dienstag hatte der Leiter der EU-Wahlbeobachter, der Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff, von erheblichen Unregelmäßigkeiten bei der Präsidentenwahl gesprochen. Vor laufenden Kameras präsentiert er Beweise für Unstimmigkeiten und Wahlfälschung. In einzelnen Wahlkreisen sei die Zahlen um bis zu 25.000 Stimmen für Präsident Kibaki nach oben korrigiert worden, Wahlbeobachter seien vom Auszählungsprozess ausgeschlossen worden, wichtige Dokumente seien verschwunden. In einigen Regionen lag die Wahlbeteiligung angeblich bei über 90 Prozent. Kurzum, die Wahlen haben nicht die erwünschten internationalen Standards erreicht.

Leserkommentare
  1. und westlichen Klischees."Dabei galt Kenia nach der ersten erfolgreichen Machtübergabe im Jahr 2002 als Musterbeispiel für die afrikanische Demokratisierung. Ausgelassen hatten die Kenianer Kibaki als Nachfolger von Daniel Arap Moi gefeiert. Er wollte gegen Korruption und Klanstrukturen hart durchgreifen."Soweit Alles richtig. Aber Glodzinski verschweigt, daß Kibaki und Odinga ZUSAMMEN in einer sog. Regenbogenkoalition die Wahlen gewannen: Kibaki sollte Präsident werden, Odinga Premierminister, nach britischem Vorbild, dazu sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden, die die Macht des Präsidenten zugunsten des Premiers beschnitt. So sollte eine multiethnische Ballance geschaffen werden. Kibaki tat das Gegenteil: Sein Verfassungsentwurf vergrößerte sogar seine Macht und wurde von den Kenianern in einer Volksabstimmung zurückgewiesen. Ferner ließ er alles Korruptionsgeld und Staatsmacht seinen Kikuyu zufließen.Nur so wird es verständlich, daß alle Kenianer (außer den Kikuyu) Odinga unterstützten und sich betrogen sehen. Daher kommt nun Plan B: Auch Afrikaner bekommen mit, daß ethische Säuberung funktioniert, und -- siehe Jugoslawien -- man zur Belohnung seinen eigenen Staat bekommt. Insofern ist es Augenwischerei zu schreiben: "200 fanatische Jugendliche setzten am Dienstag in Eldoret, im Westen Kenias, eine Kirche in Brand. Mindestens 35 Menschen, die sich dort hin geflüchtet hatten, verbrannten, unter ihnen viele Frauen, Kinder und Säuglinge. Was ihnen zum Verhängnis wurde: die Brandstifter verdächtigten sie, Anhänger von Präsident Kibaki gewesen zu sein"Nein. Sondern Kikuyu. Und die Angreifer waren Kalenjin. Eine Karte der Stammesgebiete:http://news.bbc.co.uk/2/h...Eldoret ist weit im Westen, im Stammland der Kalenjin.Die Stammeszugehörigkeit ist das einzige soziale Netz, das die Menschen dort haben. Ob Hartz IV besser ist?"Mit Pangas taten sie das, jenen gruseligen Macheten, die an Sindbads Krummsäbel erinnern, und unwillkürlich Bilder vom Völkermord in Ruanda hervorrufen." <= TouristenkitschEine Machte gehört in jeden Haushalt, ist bei der Gartenarbeit unentbehrlich und wird beim Hühnerschlachten zum Köpfen benutzt.Bei vielen Afrikanern ist die "Hausschweinisierung des Menschen" (Konrad Lorenz) noch nicht in dem Grad erfolgt, wie bei uns. Aber wir meinen, Andersartige mit unseren Maßstäben messen zu müssen.Nur "Der Westen" ist an einem Erhalt des Staates Kenia interessiert, die meisten Luo, Luyha, Kamba, Kalenjin, uvm. sehen das inzwischen anders. Und die Somali und Massai interessieren sich seit jeher nur für ihre Herden und Weidegründe und verteidigen diese gegen jeden. Heutzutage mit der Kalashnikov.Dieser Kommentar faßt Meinungen zusammen, die ich die letzten Tage aus Gesprächen mit Kenianern gewonnen habe und gründet auf eigenen Erfahrungen. Um Nairobi mache ich gerne einen großen Bogen und gerade Kikuyu können einen wegen einer Armbanduhr killen. Da kenne ich nettere Gegenden im Tropischen Afrika mit freundlicheren Menschen ;)______________________________________
    Meine Nr.1 Politdokumentation 2007:
    John Pilger's "War on Democracy"
    http://youtube.com/result...

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