Schriftsteller Immer die gleichen Vögel
Von der Russendisko in den Schrebergarten: Wladimir Kaminer beobachtet deutsche Eigenarten mit russischer Gründlichkeit. Im Interview geht er deutschen Sprichwörtern auf den Grund.
Wladimir Kaminer ist derzeit auf Lesereise durch Deutschland. In seinem zuletzt erschienenen Buch Mein Leben im Schrebergarten beobachtet er in der Kleingärtnerkolonie "Berliner Hütten" deutsches Brauchtum zwischen Gemüsebeet und Rosenstrauch. Doch nicht nur im Parzellenalltag findet sich Seltsames. Für ZEIT online schaut Kaminer über den Zaun deutscher Sprichwörter und Redewendungen.
ZEIT online: In Ihrem kürzlich erschienenen Buch betrachten Sie die deutsche Laubenpieper-Seele - haben Sie jetzt genug von deutschen Eigentümlichkeiten?
Wladimir Kaminer: Das hat weniger mit dem Land als mit der Lebenshaltung des Beobachters zu tun. Wenn ihm die Welt langweilig vorkommt, dann hat er ausgelebt. Das ist das grausame Schicksal, das nicht wenigen alten Menschen, vor allem Männern, zustößt. Sie langweilen sich und wollen nichts mehr sehen, nicht mal das Fernsehprogramm. Mein Vater sagt ständig: „Was nun, was jetzt, was soll ich noch tun in diesem Leben?“ Meine Mutter sagt dann immer: „Schau doch ein bisschen Fernsehen.“ Das hält er dann fünf Minuten aus, bevor er wieder fragt „Und was soll ich jetzt machen?“. Das ist furchtbar.
ZEIT online: Sie beobachten die Menschen, weil Ihnen sonst langweilig wäre?
Kaminer: Natürlich ist mir oft langweilig. Aber dafür gibt es ja die deutschen Eigenarten. Es sind nicht viele, aber die drei oder vier sind dafür überpräsentiert. Gerade war dieses deutsche Gemütlichkeitsfest (Anm. der Redaktion: Weihnachten) , das bei uns Russen nicht so eine Tradition hat. Mir ist diese Gemütlichkeit irgendwie nicht bekömmlich. Sie ist wahrscheinlich die einzige Tugend, mit der ich nicht klarkomme. Ich finde Gemütlichkeit langweilig. Immer die gleichen Vögel essen.
ZEIT online:
Wäre das in einem anderen Land anders? In Holland zum Beispiel.
Kaminer: Ja ja, ganz anders. Das wäre noch ein Stück abgedrehter. So wie die Hamburger abgedrehter sind als die Berliner, sind die Holländer noch ein Stück abgedrehter als die Hamburger. Die Holländer mit ihrem schwarzen Piet, der unartige Kinder mit der Rute bestraft. Obwohl ich glaube, das Piet früher dazu da war, böse Kinder gleich mit in die ehemaligen holländischen Kolonien zu nehmen. Aber das weiß ich nicht genau. (Anmerk. der Redaktion: Der schwarze Piet ist der holländische Knecht Ruprecht. Er hat ein schwarz geschminktes Gesicht)
ZEIT online: Wo wir gerade bei unterschiedlichen Bräuchen sind: Diese zeigen sich oft in Sprichwörtern und Redensarten. Was glauben Sie, bedeutet dieser deutsche Klassiker: Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben?
Kaminer: Ein russisches Sprichwort sagt: Ein Bier am frühen Morgen ist der erste Schritt ins Unbekannte.
ZEIT online: Um vom Alkohol wegzukommen, nimmt sich manch einer viel vor. Aber ein Sprichwort sagt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.
Kaminer: Solange man nur rumsitzt und nichts tut, passiert auch nichts. Wenn man aber anfängt aktiv zu sein, folgt auf jede Bewegung eine Gegenbewegung. Manchmal arbeitet man sich dadurch aber auch sehr schnell in Richtung Hölle vor.
ZEIT online: Folgendes Sprichwort könnte demnach eine Abkürzung zur Hölle sein: Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.
Kaminer: Das finde ich gut. Das hört sich für mich sehr undeutsch an. In Deutschland gibt es immer dieses Sicherheitsdenken, das ist auch eine Eigenart wie Gemütlichkeit. Man denkt sehr viel darüber nach, was möglicherweise übermorgen passieren könnte. Dieses Sprichwort zeigt auf die Gegenwart, nicht auf übermorgen.
ZEIT online: Im Hier und Jetzt ist "Jeder seines Glückes Schmied".
Kaminer: Das hat auch was mit Weihnachten zu tun. Wenn Eltern ihren Kindern etwas schenken, und diese das Geschenk nicht mögen, sagen die Eltern: Das hat aber der Weihnachtsmann gebracht. Dann sind nicht die Eltern Schuld am Unglück ihrer Kinder, sondern der Weihnachtsmann. Ein Schmied würde so etwas sicherlich nie tun.
ZEIT online: Zum Schluss: Der frühe Vogel fängt den Wurm.
Kaminer:
Das sehen andere Leute aber ganz anders. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Nur der Vogel, der vorne fliegt, wird abgeschossen.
Das Interview führte Simone Miesner.
Weitere Lesungen: 14.01.2008 um 19.30 Uhr Donaukurier Verlagsgesellschaft, Staufenbergstraße 2A in Ingolstadt; 19.01.2008 um 20.00 Uhr Reithalle in der Heßstrasse in München
Mehr Informationen unter
www.russendisko.de
- Datum 11.01.2008 - 10:23 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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ob W.K. auch ein judisches Sprichwort kennt?
Was hat das mit irgendwas zu tun?
Ging es in dem Interview nicht um russische und deutsche Sprichwörter?
Chinesische wurden auch genannt. Ich verstehe die Frage nicht.
Sprichwörter sind Erklärungen oder Ratgeber für unterschiedliche Lebenssituationen. Lernt man z.B. ein Paar mit vielen Ähnlichkeiten kennen, so sagt ein Sprichwort gleich und gleich gesellt sich gern. Sind die deutschen nun also Seelenverwandte? Lernt man dagegen ein Paar mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften kennen, so sagt ein anderes Sprichwort Gegensätze ziehen sich an. Herrscht in Deutschland also ein clash of characters? Die Empirie zeigt, dass die Menschen dazu tendieren sich Seelenverwandte als Partner zu wählen.Und falls sie heute etwas nicht besorgen konnten, morgen ist auch noch ein Tag.
Genau! Für Sprüche gibt es Gegensprüche! Und die erwähnte Empirie läßt vermuten, daß Wladimir Kaminer aus dem "Schwaben Rußlands" kommt und ein "Preuße Russlands" ist, der sich hier als Einäugiger gleichgesellt. Vielleicht würde man schon in Polen über ihn behaupten "Der ist so deutsch!"... schon weil er ohne Unterwäsche in die Sauna geht, aber die Saunaachse reicht von Hammerfest über Rotterdam bis nach Klagenfurt und Bozen. Unterschiede sind vorhanden, aber wie der swarte Piet, marginal und schon zwischen dem Eichsfeld und dem Erzgebirge auszumachen (hier locker=weniger deutsch...da weniger entspannt=mehr deutsch). Ich bitte um Ermittelung der undeutschesten Region in Deutschland (München...so Norditalienisch, Berlin...so lazy) und der Deutschesten (Sorben...gemütlich, Schwarzwald...wie Elsaß). Nachdem im Schrebergarten das Universum für die Kolumne entdeckt wurde, muß das doch auch im Fanclub von Lok Leipzig möglich sein (der eine ganz andere Gemütlichkeit als einer von Ajax Amsterdam vorweist).
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