Schriftsteller Immer die gleichen VögelSeite 2/2

ZEIT online: Um vom Alkohol wegzukommen, nimmt sich manch einer viel vor. Aber ein Sprichwort sagt: Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.

Kaminer: Solange man nur rumsitzt und nichts tut, passiert auch nichts. Wenn man aber anfängt aktiv zu sein, folgt auf jede Bewegung eine Gegenbewegung. Manchmal arbeitet man sich dadurch aber auch sehr schnell in Richtung Hölle vor.

ZEIT online: Folgendes Sprichwort könnte demnach eine Abkürzung zur Hölle sein: Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Kaminer: Das finde ich gut. Das hört sich für mich sehr undeutsch an. In Deutschland gibt es immer dieses Sicherheitsdenken, das ist auch eine Eigenart wie Gemütlichkeit. Man denkt sehr viel darüber nach, was möglicherweise übermorgen passieren könnte. Dieses Sprichwort zeigt auf die Gegenwart, nicht auf übermorgen.

ZEIT online: Im Hier und Jetzt ist "Jeder seines Glückes Schmied".

Kaminer: Das hat auch was mit Weihnachten zu tun. Wenn Eltern ihren Kindern etwas schenken, und diese das Geschenk nicht mögen, sagen die Eltern: Das hat aber der Weihnachtsmann gebracht. Dann sind nicht die Eltern Schuld am Unglück ihrer Kinder, sondern der Weihnachtsmann. Ein Schmied würde so etwas sicherlich nie tun.

ZEIT online: Zum Schluss: Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Kaminer: Das sehen andere Leute aber ganz anders. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Nur der Vogel, der vorne fliegt, wird abgeschossen.

Das Interview führte Simone Miesner.

Weitere Lesungen: 14.01.2008 um 19.30 Uhr Donaukurier Verlagsgesellschaft, Staufenbergstraße 2A in Ingolstadt; 19.01.2008 um 20.00 Uhr Reithalle in der Heßstrasse in München
Mehr Informationen unter www.russendisko.de

 
Leser-Kommentare
    • plamen
    • 05.01.2008 um 11:18 Uhr

    ob W.K. auch ein judisches Sprichwort kennt?

  1. Was hat das mit irgendwas zu tun?
    Ging es in dem Interview nicht um russische und deutsche Sprichwörter?
    Chinesische wurden auch genannt. Ich verstehe die Frage nicht.

  2. Sprichwörter sind Erklärungen oder Ratgeber für unterschiedliche Lebenssituationen. Lernt man z.B. ein Paar mit vielen Ähnlichkeiten kennen, so sagt ein Sprichwort gleich und gleich gesellt sich gern. Sind die deutschen nun also Seelenverwandte? Lernt man dagegen ein Paar mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften kennen, so sagt ein anderes Sprichwort Gegensätze ziehen sich an. Herrscht in Deutschland also ein clash of characters? Die Empirie zeigt, dass die Menschen dazu tendieren sich Seelenverwandte als Partner zu wählen.Und falls sie heute etwas nicht besorgen konnten, morgen ist auch noch ein Tag.

  3. Genau! Für Sprüche gibt es Gegensprüche! Und die erwähnte Empirie läßt vermuten, daß Wladimir Kaminer aus dem "Schwaben Rußlands" kommt und ein "Preuße Russlands" ist, der sich hier als Einäugiger gleichgesellt. Vielleicht würde man schon in Polen über ihn behaupten "Der ist so deutsch!"... schon weil er ohne Unterwäsche in die Sauna geht, aber die Saunaachse reicht von Hammerfest über Rotterdam bis nach Klagenfurt und Bozen. Unterschiede sind vorhanden, aber wie der swarte Piet, marginal und schon zwischen dem Eichsfeld und dem Erzgebirge auszumachen (hier locker=weniger deutsch...da weniger entspannt=mehr deutsch). Ich bitte um Ermittelung der undeutschesten Region in Deutschland (München...so Norditalienisch, Berlin...so lazy) und der Deutschesten (Sorben...gemütlich, Schwarzwald...wie Elsaß). Nachdem im Schrebergarten das Universum für die Kolumne entdeckt wurde, muß das doch auch im Fanclub von Lok Leipzig möglich sein (der eine ganz andere Gemütlichkeit als einer von Ajax Amsterdam vorweist).

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