Kanonbildung Die Meinung sei mit euch!

Bestenlisten dienen Kulturverwirrten zur Orientierung. Ist "Revolver" von den Beatles wirklich die bedeutendste Platte aller Zeiten? Ein kanonkritischer Blick über die Musiklandschaft

Stark ist, wer eine Meinung hat. Stärker ist, wer sie öffentlich sagt. Am stärksten ist, wer mit anderen im Kanon singt.
Kanon, Kanones (pl.) – die Griechen, Sumerer und Babylonier benannten mit diesem Begriff das Gültige und Erhaltenswerte ihrer Kultur. Sie einigten sich auf das, was sie ihren Nachfahren überantworten wollten, auf eine Tradition. In der Postmoderne mögen gewisse kulturelle Traditionen bedeutungslos geworden sein, nicht aber die Kanones. Es gibt heute unzählige, mit jedem Jahr werden es mehr, weil die Zeitgenossen die Übersicht verlieren. Zu schwierig lässt sich fassen, welche Werke aus dem ständig wachsenden Angebot wirklich wertvoll sind. Die Umherirrenden suchen nach einem Konsens. Und der Markt reagiert auf ihre Nachfrage: Man denke an Dietrich Schwanitz’ Bestseller Bildung – Alles, was man wissen muss oder nehme als aktuelles Beispiel den Bildungskanon der ZEIT, der "das Wissen dieser Welt" zusammenfassen will. Die Kulturbeflissenen in der Mediengesellschaft finden mit Hilfe von Listen die besten Bücher, Weine und Gemälde. Und was ist mit der Musik?

Besonders zum Jahresende erinnert man sich des Vergangenen und wagt einen Blick in die Zukunft. Was waren die wichtigsten Platten 2007 ? Welche von ihnen schaffen es in die Liste der 100 besten Platten aller Zeiten? Was bringt das nächste Jahr?

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Diese Prophezeiung legt die BBC in Expertenhand. Seit 2003 dürfen ausgewählte britische Musikkritiker ihren Tipp abgeben, welche zehn Bands im kommenden Jahr zu den erfolgreichsten Neuentdeckungen der Popwelt gehören werden. Die Jury lag bisher meist richtig. Joss Stone, 50 Cent, die Scissor Sisters, Franz Ferdinand, die Klaxons und Mika wurden dem BBC-Publikum empfohlen, als sie noch kleine Lichter waren. Mittlerweile füllen sie große Hallen, auf der Insel wie auf dem Kontinent.

Gerade hat das englische Orakel seine Weissagung für 2008 verkündet: Die neunzehnjährige Adele aus London soll mit sanftem Soulgesang zur Gitarre die Musikbranche aufwirbeln. Die Unterstützung der BBC und der 124 Jurymitglieder ist dem jungen Talent gewiss. Ein Vertrauensvorschuss, den ihre Plattenfirma und Vermarkter nutzen können. Adele wird ohne große Anstrengungen der PR-Abteilung in Radio, Fernsehen und allen wichtigen Musikzeitschriften auftauchen. Durch ihre mediale Dauerpräsenz wird sie wohl tatsächlich erfolgreich sein, und die Prophezeiung erfüllt sich selbst.

Denn das Publikum verlässt sich auf das Urteil der Kenner, es giert nach Eindeutigkeit. Die starke Meinung anderer zu übernehmen bringt mit wenig Aufwand maximales kulturelles Kapital. Das Individuum will sich einerseits unterscheiden und andererseits dazugehören. Den eigenen Geschmack auszubilden kostet jedoch Zeit und Mühe. So ist die Orientierung der Hörer an Bestenlisten, Charts und Kanones nur ökonomisch. Es wird gekauft, was in den Top Ten steht. Dabei ist es zunächst nachrangig, wie diese Listen entstanden sind.

Jede Subszene vertraut ihren eigenen – zumeist selbst ernannten – Experten. Und wer keiner Szene angehört, glaubt den Verkaufszahlen der Media Control GfK : Was alle mögen, kann so schlecht nicht sein. Viele Musikmagazine machen ihre Leser zur Jury. So erhalten die Redaktionen ein recht präzises Kundenprofil, auf das sie im folgenden Jahr hinschreiben können, und setzen sich zugleich den Heiligenschein der Basisdemokratie auf. Die Leser der Bravo haben Rhythm of Life von der Jungsgruppe US5 zum größten Hit 2007 gewählt. Die Spex -Anhänger nannten Kapitulation von Tocotronic ihr Lieblingslied, das Publikum des deutschen Rolling Stone kürte Bruce Springsteens Radio Nowhere zum Boss der Jahreslisten.

Leser-Kommentare
  1. Hervorragender Artikel, dem ich nur stimmen kann.Beethoven wäre auch nicht berühmt geworden, wenn der damalige Kaiser ihm, gemäß seinen Beratern, den Mund verboten und die Gelder entzogen hätte.Heute gibt es keine kritischen Zeitgeister mehr, die es in den Kanon schaffen - der Großmut hat schon lange aufgehört zu existieren.

  2. Darüber wer alles einen Platz im Kanon verdient hätte, läßt sich sicher lange streiten. Für mich ist vor allem der Anspruch problematisch, aus unterschiedlichsten und vielfältigsten Kunstwerken eine Hierarchie herzustellen. Es hat es etwas Unangemessenes, das Erleben und Empfinden unterschiedlicher Künstler, dass in der Kunst zum Ausdruck kommt, in ein Oben und Unten einteilen zu wollen.Jetzt zur Kunst fürs Volk - der Rockmusik. Ich bin diesen Bestenlisten über die 100 besten Rocksongs aller Zeiten trotzdem dankbar, weil sich oft unter diesen vielen Songs noch der ein oder andere findet, der rockt und meist vor meiner Zeit war.Also sehe ich die Listen eher als Empfehlungen denn als Ranglisten.

  3. "Wo sind die Musikerinnen, wo die schwarzen Größen aus Soul, Disco oder HipHop?"Jeder der selbst Rockmusik macht, weiß, dass es praktisch keine Musikerinnen in diesem Bereich gibt. Ja, es gibt viele Sängerinnen, aber an den Instrumenten sind Frauen eine extreme Ausnahme. Wenn man von den Sängerinnen absieht, sind sicher über 99 Prozent der Rockmusiker männlich. Deswegen verwundert nicht, dass die Frauen bei den großen Werken der Rockmusik fehlen. Wenn es um wirkliche Kunst geht, dann heißt dass für mich, die Künstler sind Komponist, Interpret und Texter in einem, wie es ja auch bei den Beatles oder Pink Floyd der Fall ist. Sängerinnen wie z.B. Tina Turner interpretieren nur Musik, die von anderen erdacht und gespielt wird. Modernere Künstlerinnen aus HipHop oder Pop sind ja nur Marionetten einer inzwischen allmächtigen Musikindustie.Die schwarzen Musiker fehlen mir tatsächlich auch, aber weniger aus den Bereichen HipHop oder Disco, das ist ja rein industriell gefertigte Massenware ohne künstlerischen Anspruch. Für mich gehört eher jemand wie Jimi Hendrix oder auch schwarze Bluesmusiker in diese Liste... 

  4. Guter Artikel. nur wem nutzt das? Hilfe zur Selbsterkenntnis? Dem Hörer von Musik einen Spiegel vorhalten? Wer kann sich nach an Dave Coleman im WDR erinnern, der fast schon wie ein Inquisitor über schlecht und gut bestimmte? Musik ist seit 28 Jahren ein wichtiger Bestandteil  meines Lebens. Ich bin immer noch Jean-Michel Jarre dankbar, das er mich zur Musik brachte und ich heute bei Beethoven gelandet bin. Eine weite Reise, die sich gelohnt hat.
    Übrigens habe ich noch nie eine Scheibe nach einer Chartliste gekauft.

  5. Eine Freundin von mir meinte letztens dass sie, wenn es um Musik geht die einem auch was bedeutet, immer auf die Oldies zurueckkommt: wenn man etwa Freddy Mercury oder Karen Carpenter singen hoert, dann zittert eben die ganze Seele. Robbie Williams etwa hat eine super Stimme, aber bis auf netten Popsongs bei denen man mit dem Kopf hin und herwippt gibt er nicht mehr her. Manchmal sind Lieder ja auch mit Lebenserinnerungen verknuepft (das erste mal verliebt etwa, oder als es im Betrieb bei einem neuen Direktor unertraglich wurde hoerten wir uns die Spencer Davis Group an "gotta get out of this place - and if this is the last thing I ever do..." Einen Tourguide in Nepal Pink Floyd singen zu hoeren hat auch was fuer sich.So hat Musik auf vielen Ebenen ihre Berechtigung. Nach dem Krieg outete sich mein Vater als Louis Armstrong Fan und mein Opa, der als alter SS-Mann noch immer rassistisch war, meinte nur "...und Du magst diese Neger- Musik?"Musik kann etwas wunderbar Emanzipatorisches und Befreiendes haben, und ist danneinfach mehr als nur kommerzielle Identitaetsbestaetigung marktorientierter Zielgruppen.

  6. Der Song "we´ve gotta get out of this place" ist NICHT von der Spencer Davis Group, sondern von den ANIMALS m. E. Burdon...nur für den fall, dass der song mal gesucht wird.

  7. Der Song sollte urspruenglich fuer die "Righteous Brothers" seinund dann wurder er von den Animals gespielthttp://en.wikipedia.org/w...anyway, ein toller Song zum Berufswechsel. Waere witzig zu wissen ob andere Leser/innen aehnlich bedeutungsvolle Songerlebnisse hatten

    • rabin
    • 29.01.2008 um 5:33 Uhr

    Beethoven wurde vom Kaiser nicht subventioniert. Durchgesetzt hat er sich wegen seiner Musik, nicht wegen der Unterstützung durch die Obrigkeit.  Ein Teil des Hoch-Adels unterstütze ihn, aber die Zahl der Menschen, die seine Musik gut fanden, war teilweise sehr hoch. Also sollte er als Beispiel ausfallen.

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