MusikgeschichteOma bringt die Platten mit

Sex, Drugs und Rock'n'Roll gab es auch in der DDR. Wie die Musiker eine Geheimsprache entwickelten und ihre Fans 40 Jahre lang an der Partei vorbeihörten, erzählt das Buch "Als ich fortging" von Antje Rössler

Fortgehen oder bleiben? Eine existenzielle Frage im Arbeiter- und Bauernstaat, besonders unter Musikern. Sie konnten ihr Publikum ja nicht mit in den Westen nehmen. „Ost-Musiker sind wie die Sonne, sie gehen im Osten auf und im Westen unter“, stellte einst Frank Hille fest, der inzwischen verstorbene Schlagzeuger der Ostberliner Band Pankow. "Als ich fortging..." – die Zeile entstammt einem Lied der Leipziger Gruppe Karussell – ist mithin ein passender Titel für Das große DDR-Rock-Buch . Auch wenn es vorrangig von denen erzählt, die nicht fortgingen. Bei aller Eigenständigkeit hat sich schließlich der Ostrock immer an der Jugendkultur des Westens orientiert.

Das Buch gibt einen Einblick in die verschiedenen Milieus der ostdeutschen Rockszene. Die Autoren Christian Hentschel und Peter Matzke, beide Mitte der sechziger Jahre geboren, waren früher selbst Fans von City, Silly oder Pankow. Dass das Thema ihnen am Herzen liegt, ist deutlich zu spüren. Trotzdem halten sie die gebotene Distanz zum Gegenstand ein; Ostalgie ist den beiden nicht vorzuwerfen.

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Sex, Drugs und Rock’n’Roll, das funktionierte hinter der Mauer ganz gut, auch wenn Drogen durch billigen Alkohol ersetzt wurden. Der Musikbetrieb nach Planwirtschaft war allerdings reichlich skurril: Jeder Musiker musste regelmäßig vor eine Einstufungskommission treten, die seinen Stundenlohn festlegte. Ein weiteres bürokratisches Ungetüm war die an der Parteispitze beschlossene 60:40-Regel. Bei Konzerten und Tanzveranstaltungen mussten 60 Prozent aller aufgeführten Stücke von Komponisten aus dem Ostblock stammen. Häufig ignorierten Musiker und Kontrolleure die Vorschrift in stillschweigendem Einverständnis, da sonst kaum Gäste gekommen wären.

Der Umgang mit den Staatsorganen war den meisten Musiker eine heikle Gratwanderung. Die Zensurschere hatten sie ohnehin stets im Kopf: Anglizismen, Kraftausdrücke und Szene-Jargon waren nicht erwünscht. Da galt es, mit Andeutungen zu jonglieren. Immer stellte sich die Frage, welches Maß an Kritik man sich leisten konnte, ohne mit Auftrittsverbot bestraft zu werden. So verwundert es nicht, dass sich der Ostrock gerade durch deutschen, meist lyrische und anspruchsvolle Texte auszeichnet.

Die Musikszene des kleinen Landes bot eine überraschende Vielfalt. Jede westliche Strömung hatte ihren Ost-Ableger, Folk oder Punk gab es hier ebenso wie die Neue Deutsche Welle. Anekdotenreich und in flottem Stil schildern die beiden Autoren die einzelnen Subkulturen. Da waren etwa die „Kunden“, wie sich die DDR-Hippies bezeichneten. Sie tranken viel und galten als Bürger-Schrecks, besonders weil sie mit ihren „Plumps“ genannten Sit-Ins brave DDR-Volksfeste sprengten. Es kam freilich auch auf das richtige Outfit an. Nur war es schwierig, Jeans und Parka ohne einen freundlichen Spender im Westen zu beschaffen. „Gerade so (wenn auch mitleidig) akzeptiert wurden bei Kunden ohne Geld und Westverwandtschaft Malerlatzhosen als Levi's-Ersatz sowie eine bestimmte halblange alte Rinds-Lederjacke, genannt 'Thälmann-Jacke'“, berichten die Autoren.

Dass neben den Musikern auch die Fans in den Blickpunkt rücken, ist eine Stärke des DDR-Rock-Buches. Vielen Jugendlichen in der DDR war ihr Musikgeschmack gleichbedeutend mit einer Weltanschauung. Kein Wunder, mussten sie doch die westreisende Oma zum Plattenschmuggel überreden und für einen Kassettenrecorder den Monatslohn der Eltern hinblättern. Und wer weiß, wie genau die Regierung mithört, der achtet selbst auf feinste Zwischentöne in seiner Lieblingsmusik.

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