Der schreckliche Überfall auf einen Münchener U-Bahn-Gast durch einen 17-jährigen Griechen und einen 20-jährigen Türken hat eine ungeahnt heftige Diskussion ausgelöst: Einseitige, polemische, von Wahlkampf zeugende Parolen und Gegenparolen hier, sachliche, um Lösungen sozialer Probleme von jungen Straffälligen und namentlich Migranten bemühte Überlegungen dort. Da stellen Unionspolitiker fast unisono im Sinne des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch fest „Wir haben zu viele kriminelle junge Ausländer“ und fordern eine Verschärfung des Jugendstraf- und Abschieberechts. Da schallt es schrill zurück etwa von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, Koch sei ein Versager, denn 80 Prozent der jugendlichen Straftäter in Hessen würden wieder straffällig. Dieser Wert gilt indes für alle innerhalb von vier Jahren nach der Entlassung begangenen Straftaten in Deutschland, hat nichts mit Hessen oder allen Jugendstraftätern zu tun. Endlich wird aber auch über Missstände in der Integrationspolitik, über Gründe und Prävention von Jugendgewalt, über Trainingslager für orientierungslose, gewaltbereite junge Menschen, über Alternativen zu deren bloßer Wegschließung in Haftanstalten ernsthaft nachgedacht. Erfolgversprechende Modellprojekte aus verschiedenen Bundesländern werden erstmals öffentlich wahrgenommen.

Die Forderungen nach schärferen Sanktionen beruhen auf vier fragwürdigen Annahmen. Der Münchener Vorfall signalisiere eine neue Dimension brutaler Gewalt, wie es etwa die bayerische Justizministerin Beate Merk ausdrückt. Das wird seit geraumer Zeit auch bei ausländerfeindlichen Ausschreitungen behauptet. Tatsächlich kennen wir Brutalität von früher, als in den sechziger Jahren Hamburger Rocker-Gruppen oder später Skinhead-Cliquen ähnliche Gewaltmuster zeigten. "Schwule Ticken" nannten die das damals oder "Kanaken Ticken" oder "Plattmachen", wenn sie – durch die Gruppe geschützt und sich in ihr stark, sonst indes chancenlos am Rande der Gesellschaft fühlend – Schwächere, Wehrlose oder Ersatzfeinde gezielt provozierten, zusammenschlugen und die Opfer am Boden mit Stiefeln traktierten. Es sind immer wieder aufflackernde, im Erscheinungsbild variierende Gruppen, Formen und Symptome misslingender Eingliederung von Randständigen vor allem in Ballungsgebieten unserer unwirtlicher und anonymer werdenden Gesellschaft.

Die zweite Annahme lautet, Jugendgewalt gehe großenteils mit dem Ausländerstatus einher. Der Status In- oder Ausländer hat jedoch gar nichts mit Kriminalität zu tun. Der Kriminologe Klaus Boers fand in seinen Schülerbefragungen, dass sich deutsch- und türkisch-Stämmige überhaupt nicht im Delinquenzniveau unterschieden. Andererseits sind aber Gewaltmassierungen unter jungen Menschen in Großstadtcliquen nicht zu verkennen. In ihnen dominieren mitunter junge Männer aus Zuwanderermilieus unterer sozialer Schichten. Sie brauchen vorbeugend eine angemessene Integrationspolitik, letztlich möglicherweise auch harte Strafen. Frühere Fehler eines gewollten Nebeneinanders verschiedener kultureller und sprachlicher Welten in unserem Land müssen korrigiert werden. Die deutsche Sprache zu erlernen, ehe sie am allgemeinen Schulunterricht teilnehmen, ist für alle verbindlich. Die eingewanderten Familien müssen für unsere Vorstellungen von Gesellschaft, Bildung und Werten gewonnen werden.

Strafhärte und rigide Strafandrohungen könnten Gewalttäter abschrecken, so die dritte Annahme. Dass Prävention mehr bewirken kann als Repression, ist aber inzwischen eine Binsenweisheit. Ebenso, dass Strafe am wenigsten erreicht, oft sogar Rückfälligkeit fördert. Dennoch können wir auf sie nicht verzichten. Sie kann nach geltendem Recht ziemlich empfindlich ausfallen. Hartgesottene, in ihrer Fehlsozialisation gefestigte Menschen lassen sich aber nicht durch Strafen abschrecken. Wenn überhaupt schreckt schnelle und wirksame Verfolgung ab. Hinreichend präsente Polizei und technische Neuerungen sind also der sinnvollere Weg.

Außerdem sei das Jugendstrafrecht zu milde. Es ist jedoch nicht milde, sondern flexibler, erzieherischer, Jugendliche stärker fordernd und fördernd als das Erwachsenenstrafrecht. Seine Erfolge in dem einen Jahrhundert seiner Entwicklung können sich sehen lassen. Ganz in diesem Sinn ist ausgerechnet in dem von Koch regierten Land eines der fortschrittlichsten Jugendstrafvollzugsgesetze kürzlich verabschiedet worden.