Kenia Schlacht um Nairobi

In Kenia gärt der Zorn: Die Regierung verhindert einen friedlichen Protestmarsch von einer Million Anhängern der Opposition gegen Wahlfälschungen. Einwohner der Slums liefern sich daraufhin Straßenkämpfe mit der Polizei

Am Morgen sieht es so aus, als ob die Polizei in der Hauptstadt Nairobi nach Jahren chaotischer Erfahrungen die perfekte Formel gefunden hat. Eliteeinheiten sperren in langen Ketten den Uhuru-Park im Stadtzentrum ab. Die nagelneuen Uniformen glänzen in der tropischen Sonne. Mit ihren weinroten Helmen, unter denen leicht gebogene schwarze Schutzklappen hervorragen, den olivgrünen Sicherheitswesten, aufgesetzten Schulterklappen und langen Schlagstöcken erinnern sie an Samuraikämpfer, die sich entschlossen gegen einen Ansturm auf ihr Heiligtum zur Wehr setzen.

Mit einem Großaufgebot an Sicherheitskräften hat die Regierung auf die Protestankündigung von Oppositionsführer Raila Odinga reagiert. Im ganzen Land hatte Odinga eine Million seiner Anhänger aufgerufen, in die Stadtzentren zu marschieren, um auf friedliche Weise ihre Ablehnung der Regierung Mwai Kibakis auszudrücken. Nach dreitägiger Verzögerung war Kibaki am Sonntag erneut als Präsident vereidigt worden. Seitdem kommt das Land nicht zur Ruhe. Odinga und seine Anhänger des Orange Democratic Movement (ODM) sehen sich um die Präsidentschaft betrogen. Auch die Wahlbeobachter der EU sprechen von massiven Manipulationen während der Auszählung.

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Die befürchteten Gefechte in Nairobis Innenstadt bleiben jedoch aus. Die sonst so lauten und überfüllten Straßen sind wie leer gefegt. Mit Straßenblockaden hindern Polizisten Fahrzeuge und Fußgänger weiträumig daran, in die Nähe des Uhuru-Parks vorzudringen. Die Hundertschaften im Stadtzentrum sind ein Einschüchterungsversuch für jene, die es doch bis zum Versammlungspunkt schaffen. Im Park bleibt es ruhig, was aber nicht bedeutet, dass es keine Auseinandersetzungen gibt.

Aus den meisten Stadtvierteln, in denen Anhänger Odingas leben, machen sich schon am frühen Morgen Demonstranten in kleinen Gruppen auf den Weg. Ihr Plan ist simpel: Sie wollen sich auf bestimmten Schlüsselstraßen zu größeren Mengen zusammenschließen, und anschließend in Richtung Zentrum marschieren. Bei der Präsidentschaftswahl hat Odinga in Nairobi eine breite Mehrheit erhalten. Abgesehen von seinen Stammesbrüdern, den Luo, bekommt er große Unterstützung aus der Mittelschicht, die trotz Unruhen noch in der Lage ist Geld abzuheben, in besseren Stadtvierteln einzukaufen und am Abend die Entwicklung am Fernseher zu verfolgen.

Die Mehrheit seiner Anhänger lebt jedoch in den Armutsvierteln an den Rändern der Stadt. "Präsident des Volkes" nennen sie Odinga. In ihn hatten sie ihre Hoffnung gesetzt, endlich eine Verbesserung ihres Lebensstandards zu erreichen. Das Armutsniveau ist in Kenia mit 57 Prozent noch immer sehr hoch. Im benachbarten Uganda liegt es bei vergleichsweise niedrigen 35 Prozent. Und es sind vor allem die ärmsten Einwohner Kenias, die seit der Vereidigung Kibakis auf die Barrikaden steigen.

Zwei Faktoren sind es, die ihren Unmut besonders schüren. Zum einen haben die Menschen Hunger. Seit Beginn der Unruhen sind die Slums von dem Rest der Stadt abgeschnitten. Es gibt kaum Nachschub an Lebensmitteln, und wenn dann zu maßlos erhöhten Preisen. Die Stromversorgung wird in kontrollierten Aktionen abgeschnitten. Es gibt kein Gas zum Kochen, und die Wasservorräte gehen dem Ende zu.

Zum anderen sind die Bewohner der Slums auf tägliches Einkommen von Kleinstgeschäften angewiesen. Sie putzen Schuhe, machen Botengänge, verkaufen Souvenirs, und verdienen oft weniger als einen Euro am Tag. Die anhaltenden Ausschreitungen in der Stadt und die Ungewissheit über den weiteren Verlauf der politischen Kämpfe machen viele dieser Einkommenswege unmöglich. Die Menschen sind erschöpft, viele haben seit Tagen nichts gegessen. Sie sind gefangen wie Ratten in ihrem Käfig.

Zur Anatomie eines Aufstands gehört jedoch noch ein weiterer Schritt. Ein kleiner Funke, der die explosive Stimmung in den Armutsvierteln entzündet, und die unübersichtliche politische Konfrontation in den Ausnahmezustand drängt. Odinga und die Opposition können nicht darauf verzichten, die Agitation aufrecht zu erhalten. Täglich sind es neue Vorwürfe, die sie gegen Kibaki und die Wahlkommission erheben. Sie wollen nicht zulassen, dass sich die Menschen mit der Wahlentscheidung abfinden. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das schon jetzt mehr als 300 Kenianer mit dem Leben bezahlt haben.

Im Westen des Landes herrschen die heftigsten Kämpfe seit den Mau-Mau-Aufständen. Stammeskämpfe drohen die Bevölkerung zu entzweien und Kenia in bürgerkriegsähnliche Zustände zu reißen. In Eldoret ziehen Luo durch die Viertel und markieren die Häuser der Kikuyu, dem Stamm Kibakis. Jugendliche bewachen mit Macheten bewaffnet die Zugänge zu den Slumgebieten. Wer sich nicht ausweisen oder in der Stammessprache antworten kann, dem droht Folter. Am Mittwoch wurden sechs Menschen gevierteilt. Am Tag zuvor wurden 20 Frauen in ein Krankenhaus eingeliefert, allesamt Opfer von Massenvergewaltigungen. Die Wut schwelt und droht beim kleinsten Anlass in grausame Gewaltakte auszuarten.

Der für Donnerstag angekündigte Sternmarsch sollte den Oppositions-Anhängern ein Forum bieten, ihren friedlichen Protest zu zeigen. Doch unweit der Wellblechviertel blockieren Polizeitrupps den Durchgang. Es brechen die ersten Gefechte aus. Steine fliegen, Autoreifen brennen, die Polizisten antworten mit Tränengas.

Die Strategie der Einsatzführung scheint aufzugehen: An keiner Stelle kommen die Demonstranten wirklich in die Nähe des Versammlungsortes. Die Brennpunkte haben sich an die Außengrenzen verlagert. An der Ngong Road, eine Hauptstraße, die parallel zu Nairobis Riesenslum Kibera verläuft, treffen Hunderte von Jugendlichen zusammen. In Straßen füllender Front marschieren sie, Kriegslieder singend. „Ohne Raila kein Frieden.“ Immer wieder rufen sie seinen Namen, dabei halten sie seine Wahlplakate und selbst gemalte Schilder in die Höhe.

Doch die Stimmung ist alles andere als friedlich. Viele der Protestler haben sich schon am Morgen Schlachten mit Polizisten geliefert, sind große Umwege gelaufen, um weiter in Richtung Innenstadt zu marschieren. Die Straße ist übersät mit zertrampelten Früchten. Zerquetschte Bananen, aufgeplatzte Ananas und Orangenschalen zeugen von blinder Zerstörungswut. Das Holzgerüst eines Früchteshops am Rande der Straße ist niedergerissen. Brennende Autoreifen verdunkeln den Himmel. Der tobende Mob zerreißt die Zapfsäulen einer kleinen Tankstelle in Stücke, bevor sie die Reste in Flammen setzen. Der Benzingott meinte es gut und hat an diesem Tag keinen Nachschub geliefert. Die Nachbarhäuser bleiben von einer Explosion und dem Wahnsinn der Straßen verschont.

Aus den Rauchschwaden tauchen zwei dunkelgrüne Laster auf, voll besetzt mit Spezialkräften der Polizei. Mit einem lauten Knall fliegen die ersten Tränengassalven in Richtung der Randalierer. In kürzester Zeit löst sich die Gruppe auf, die Jugendlichen rennen in alle Richtungen davon.

Am Rand des Uhurs-Parks haben sich Scharen von Journalisten versammelt. Alle erwarten die Ankunft Odingas, der sich kurz zuvor aus seinem Büro auf den Weg gemacht hat. Doch es bleibt ruhig. Umgeben von einer aufgebrachten Schar seiner Anhänger wird die Protestführung von der Polizei gestoppt. Für das einfache Volk gibt es an diesem Tag kein Durchkommen in die Innenstadt. Die Stimmung ist erhitzt, wilde Diskussionen finden auf offener Straße statt.

Nach scheinbar endlosen Beratungen entscheidet sich die Oppositionsführung, die Demonstrationen auf den 8. Januar zu verschieben. Nairobi bleibt vorerst in der Hand der Regierung. Noch immer hat Odinga keine Möglichkeit erhalten, offen zu seinen Anhängern zu sprechen. Es wirkt wie eine weitere Niederlage, mit der sich die Kenianer nicht abfinden wollen. Zum symbolhaften Protest setzen drei Parlamentsmitglieder, drei Anführer des zivilen Ungehorsams, ihren Marsch fort. Bis auch sie einen Kilometer vor dem Uhuru-Park, der Gedenkstätte kenianischer Freiheitskämpfer, umkehren müssen.

 
Leser-Kommentare
  1. als ZEIT-Korrespondenten. A.G. arbeitet wohl als Student an einem Projekt der GTZ mit. http://www.innovations-re...Nach eigener Erfahrung braucht es eher ein Jahrzehnt als ein Jahr, um ein fremdes Land mit anderesartiger Kultur zu verstehen.Jedenfalls wünschte ich mir, statt anschaulicher Schilderungen von Greueltaten, die nur wieder das Klischee vom schwarzen Wilden befeuern, mehr Hintergrundinformation darüber, WARUM die Kenianer so wütend sind!?Bis 2002 lebten diese unter einer typisch afrikanischen -- vom Westen tolerierten -- Pseudodemokratie eines Diktators (Moi).2002 sollte mit der Wahl Kibakis UND Odingas alles anders werden. In einer sog. Regenbogenkoalition sollte Kibaki Präsident werden UND Odinga Premierminister nach britischem Vorbild. Dazu sollte eine neue Verfassung ausgearbeitet werden, die die Macht des Präsidenten zugunsten des neuen Premiers beschnitt. So sollte eine multiethnische Balance geschaffen werden. Kibaki tat das Gegenteil: Sein Verfassungsentwurf vergrößerte sogar seine Macht und wurde von den Kenianern in einer Volksabstimmung zurückgewiesen. Ferner ließ er alles Korruptionsgeld und Staatsmacht seinen Kikuyu zufließen.58% der Kenianer haben Kibakis Verfassung abgelehnt. Und nun sollen sie ihn gewählt haben? Hey, sie haben gleichzeitig alle korrupten Abgeordneten abgewählt!Der Artikel trägt die martialische Überschrift "Schacht um Nairobi". Kampf um Demokratie währe treffender. Vorbild für viele Afrikaner waren übrigens die DDR-Montagsdemonstrationen und Odinga hat in Magdeburg studiert. (Wie gesagt, Hintergrundwissen schadet nicht ;)Für die Kenianer geht es um Demokratie oder Diktatur. Sein oder Nichtsein. Sie befürchten, daß sich für Jahrzehnte die Zellentüre hinter ihnen schließt. Daher sind sie zum Äußerten bereit.Auch für Plan B -- ethnische Säuberung -- hier angerissen: http://kommentare.zeit.de...______________________________________
    Meine Nr.1 Politdokumentation 2007:
    John Pilger's "War on Democracy"
    http://youtube.com/result...

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