Manche Ausstellungen eröffnet er mit Angst. Etwa die Bilder des Briten John Keane zur Geiseltragödie im Musical Nord-Ost , Texte zu politischen Gefangenen der Gegenwart oder einen Plakatwettbewerb über „Das Ende der Epoche Putin“. Doch meist wagt es Juri Samodurow trotzdem. Der gelernte Geologe leitet das Moskauer Sacharow-Zentrum. Groß gewachsen, Halbglatze, markante Brille. Selten wird er laut, stets klingt seine Stimme etwas heiser, und wenn es nichts zu lachen gibt, versucht er es mit Galgenhumor. In diesen Tagen braucht er ihn. Dem Moskauer Museum und gesellschaftlichen Bildungszentrum, das an den Kernphysiker und Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow erinnert, droht die Schließung. Das Geld ist aus.

In dem kleinen Gebäude unweit des Kursker Bahnhofs diskutieren Intellektuelle an Runden Tischen über Fremdenfeindlichkeit oder den Aufbau der russischen Zivilgesellschaft. Es gibt Konferenzen, Seminare und eine Bibliothek mit Bänden zur sowjetischen Geschichte, aber auch über den Krieg in Tschetschenien. „Wir beschäftigen uns nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch mit der Gegenwart und Zukunft“, sagt Samodurow. Seit der Gründung 1996 wird das nicht-staatliche Museum überwiegend aus dem Ausland finanziert - von Organisationen und Stiftungen, allen voran vom US-amerikanischen Sacharow-Fonds. Doch nun versiegen die Quellen. „Die westlichen Zuschussgeber wenden sich von Russland ab“, sagt Samodurow nachdenklich. „Sie finden, dass Unterhaltskosten und Gehälter aus russischen Mitteln bezahlt werden sollen.“ Doch das gestaltet sich schwierig.

Denn in der russischen Gegenwart steht die Vergangenheit nicht hoch im Kurs. „Die jungen Leute wissen heute sehr wenig über Geschichte und die Figur Sacharow. Das merke ich, wenn ich Studenten Fragen stelle“, sagt Tamara Jakowlewa, eine energische Dame mit kurzen Haaren, die manchmal ganze Schulklassen durch das Museum führt. Vorbei an Vitrinen mit Dissidentenliteratur, vergilbten Briefen und verbotenen Radioempfängern. „Der Staat möchte nicht, dass wir uns mit den dunklen Seiten der Vergangenheit beschäftigen. Russland soll als gutes und siegreiches Land gelten.“

Der Dissident Sacharow, der die erste Wasserstoffbombe mit entwickelte, aber auch für Abrüstung und Menschenrechte kämpfte, spielt im neuen Russland keine Rolle. Vergeblich hat Samodurow versucht, russische Geldhähne anzuzapfen. Keine Firma wollte helfen, kein Geschäftsmann signalisierte Interesse. „Es ist so schwer, weil wir ein politisches Museum sind“, sagt der 56-Jährige. Ein Transparent auf der Fassade dient als stummer Protest gegen die Gewalt in Tschetschenien. „'Der Krieg ist zu Ende.' Was nun?“ steht in schwarzen Lettern auf weißem Tuch. „Leute, die unserem Museum Geld geben, müssen Unannehmlichkeiten befürchten.“ Zu den Förderern gehörte etwa der in Sibirien inhaftierte Michael Chodorkowski.

„Es gibt ein Putin-Russland und ein Sacharow-Russland“, sagt Samodurow nüchtern. „In Putins Russland wird Demokratie nur imitiert. Sacharows Russland aber steht für ein unabhängiges Parlament, politische Konkurrenz und freie Medien.“

Die Misere des Museums sei ein „guter Gradmesser“ für die Schwierigkeiten Russlands, die eigene Vergangenheit kritisch zu betrachten. „Stalin wird heute überwiegend als erfolgreicher Manager betrachtet“, meint Samodurow. Das zeigen Fernsehproduktionen, aber auch neue Schulbücher, die sowjetische Geschichte beschönigen und Putins Politik positiv bewerten.