Kunst Der russische SisyphusSeite 2/2
Auf dem Schreibtisch seines kleinen Büros liegt der Brief einer jungen Deutschen, die für die Museumskasse gespendet hat. Gerührt dreht Samodurow an seiner Brille und zeigt eine Karte, auf der die Senderin mit Mann und Baby in die Kamera lacht. „Sie hat bei uns einen Vortrag darüber gehalten, wie Nationalsozialismus an deutschen Schulen vermittelt wird.“ Selbst eine kranke russische Rentnerin zweigt 1000 Rubel ab, als sie von der finanziellen Krise erfährt. Rund 6000 Dollar sind bisher durch Freunde des Museums zusammengekommen. Die monatlichen Auslagen sind fünfmal so hoch.
Man könnte Samodurow einen russischen Sisyphus nennen. Obgleich Gegner ihm immer wieder zusetzen – aufgeben will er nicht. 2003 verwüsten orthodoxe Nationalisten die Ausstellung Achtung Religion! , aber am Ende stehen nicht die Krawallmacher, sondern die Kuratoren vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft fordert Gefängnis für Samodurow, letztlich bleibt es bei einer Geldstrafe. Nun läuft wieder ein Ermittlungsverfahren - weil der Direktor im vergangen Jahr „Verbotene Kunst“ ausgestellt hat. Werke, die der inneren Zensur russischer Museen zum Opfer gefallen waren. Wer auf Leitern stieg, konnte die Bilder durch winzige Gucklöcher betrachten. Eine originelle Idee, aber auch eine Vorsichtsmaßnahme.
Noch Anfang Dezember schien es, als ob das Sacharow-Zentrum gerade mal drei Monate des neuen Jahres überleben würde. Nun gibt es einen Hoffnungsschimmer – aus Europa. Weil das Europäische Parlament jedes Jahr den „Sacharow-Preis für geistige Freiheit“ verleiht, könnte dem Museum zeitweise eine neue Aufgabe zukommen: Auszeichnung und Preisträger in Russland bekannter zu machen. Noch ist die auf wenige Monate befristete Förderung nicht garantiert, aber Samodurow weiß: „Das ist nur eine erste Hilfe für den Patienten, das Überleben ist noch nicht gesichert.“
Ein Geschenk von Rainer Hildebrandt, dem Gründer des Hauses am Checkpoint Charlie, macht dem Direktor Mut: Bis heute steht ein Stück Berliner Mauer vor seinem Moskauer Museum. Auch ein Sacharow-Porträt an der Hauswand erinnert an die russisch-deutsche Geschichte. Es ist die exakte Kopie einer Malerei auf der Berliner Mauer. Darunter steht auf Russisch nur ein Wort: Danke.
- Datum 09.01.2008 - 11:45 Uhr
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Vielen Dank für diesen Artikel. Das Saharov Zentrum in Moskau ist eins der letzten Enklaven in den noch Putinkritik möglich ist, ohne gleich auf die Barikaden gehen zu müssen. Sie haben viele wichtige Aktivitäten des Museums genannt, dazu kommen die Valenbergausstellung, Ende der Putinära Ausstellung und viele viele weitere.Alle die dem Museum helfen wollen sind herzlich dazu aufgerufen. Eine Spende für dieses Museum ändert was an dieser Welt! Ich habe hierhin von der Homepage des Museums: http://www.sakharov-cente... die Kontodaten des Museums kopiert:NameФОНД АНДРЕЯ САХАРОВАAccount detailsSBERBANK, S.W.I.F.T. SABR RU MM, Lefortovskoye Branch 6901, Moscow, RussiaAccount number40703840938120200679(man findet diese auch unter http://www.sakharov-cente... )Wer nicht direkt das Geld überweisen will ist herzlich dazu eingeladen sich hier zu melden: www.dejarus.blogspot.com
... ist dazu verdonnert ihren Schrecken zu wiederholen!Wieso schafft es Schröder eigentlich nicht Putin zu erklären, dass das ertragen und zulassen von Kritik, nicht nur eine demokratische, sondern eine zivilisatorische Errungenschaft ist? Jeder, der Kritik an der eigenen Person mit Gewalt unterdrückt, anstatt mit Argumenten und Worten oder Humor und Gelassenheit darauf zu reagieren ist auf dem völlig falschen Weg!Dieses verhalten Putins ist erschreckend. Auch für uns alle, weil dieser Mann über den Gashahn unserer Heizungen verfügt!PS. Bush und Putin verfügen gemeinsam über ca 26 000 Atomwaffen. Zwei ganz entzückende Mitmenschen haben diesen Planeten in der Hand!Nasdrowje!
Vom Hund, bekommst du keinen Speck.Das, ist die Russische Realität.
Es ist falsch, sich den dunkeln Seiten seiner Vergangenheit nicht stellen zu wollen, das ist wahr. Und es zutiefst undemokratisch diejehnigen zu gängeln und gar vor Gericht zu stellen, die sich diesen Seiten stellen wollen. Jedoch ist es bei uns nicht viel anders, lediglich mit umgedrehten Vorzeichen. Wenn bei uns die Art, wie die Geschichte des Nationalsozialismus vermittelt wird, als leuchtendes Beispiel angepriesen wird, so kann ich darüber nur laut lachen. Wir haben zu diesem Thema eines der schärfsten Gesinnungsgesetze weltweit. Schon das "konkludente Verharmlosen nationalsozialistischer Verbrechen" kann vor den Richter führen, jedes Jahr haben wir 12.000 Verfahren wegen Volksverhetzung. Diese Gummiparagraphen machen eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit unseren dunklen Seiten überhaupt nicht mehr möglich. Anstelle eines aufgeklärten Antitotalitarismus haben wir einen von oben verordneten und strafrechtlich geschützten Antifaschismus bekommen. Der deutsche Weg atmet daher denselben totalitären Geist wie der russische. Und wie dort traut sich kaum jemand, dies beim Namen zu nennen (es sei denn in Foren wie diesen). Dazu ein Bespiel (nur ein einziges von hunderten): Vor ca. einem Jahr haben Berliner Polizeischüler im Unterricht mit einem Überlebenden der Shoa protestiert. Sie könnten das Thema nicht mehr hören, es würde missbraucht werden - so riefen sie. Das Ding wurde zu einem landesweiten "Skandal" hochgeblasen und vor Angst zitternde Polizeiführer versicherten der Presse ihre volle demokratische Loyalität. Man werde "Konsequenzen für die beteiligten Schüler genau prüfen". Daraufhin ermittelte der Staatsanwalt wegen Volksverhetzung, es wurde die Entlassung der Schüler erwogen. Anstatt den Widerspruch 16-jähriger Azubis als Chance zu begreifen, sind wir so tief in unserer Antifa-Religion gefangen, daß wir uns dazu herablassen nach dem Gesinnungsstrafrecht zu rufen. In Zukunft werden die Schüler also mit Angst und mit zugekniffenem Mund dasitzen und schweigen - so wie der Rest der Republik. Es gibt einen alten Spruch aus der Bibel, der in die Kritik an Russland zu diesem Thema gut illustriert: "Was aber siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, doch den Balken in deinem Auge nimmst du nicht wahr". Ich wünsche allen kritischen Geistern, in Russland wie auch in Deutschland, ein gesundes und schönes neues Jahr 2008. Hie wie dort gibt es davon leider zuwenige.
Toller Kommentar! Sieht man ja auch an der aktuellen Situation, die meisten haben jetzt ne braune Brille auf, dadurch werden einige Themen leider vollkommen tabuisiert. Hannes
Ein gelungener Kommentar. Gruss antenne1
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