Italien Müll bis zu den Hängen des Vesuvs

Neapel versinkt unter Bergen von Abfall. Regierungschef Romano Prodi hat nun die Armee eingesetzt, um die Abfälle zu räumen. Ein endloses Thema, das nicht nur mit der Mafia zu tun hat

Soldaten als Müllmänner, die stinkende Abfällsäcke von den Schulhöfen räumen, damit die Kinder von Neapel und Caserta nach den Weihnachtsferien wieder unterrichtet werden können. Steinehagel gegen Polizisten von wütenden Anwohnern, die keine Mülldeponie in ihrem Viertel wollen. Blockierte Straßen und Bahngleise. Und Müll, Müll, Müll: Neapel versinkt seit Wochen unter Müllbergen auf den Straßen. Mittlerweile stapeln sich in ganz Kampanien rund 100.000 Tonnen Abfall, berichteten Medien.

Müll unter dem Archäologischen Museum von Neapel – nur ein Stichwort: Alexanderschlacht-Mosaik und die schönsten Fresken aus Pompeji – Müll auf den Hängen des Vesuv, im Hafen von Pozzuoli, wo die Fähren nach Ischia und Procida auslaufen. Und Heerscharen von Ratten, auch am helllichten Tag mitten auf der monumentalen Piazza di Plebiscito, im Herzen der Altstadt. Es sind Bilder wie aus einem Inferno. Und das Schlimmste ist: Sie sind überhaupt nicht neu.

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Der Müll umwuchert Neapel seit mehr als zehn Jahren. Dies hat allerdings spürbare Gesundheitsfolgen: Mehr Krebsfälle, mehr kranke Säuglinge sind hier zu zählen als im übrigen Italien. Der neuerliche “Müllnotstand”, wie ihn die italienischen Medien nennen, ist nun schon zum zweiten Mal innerhalb von sechs Monaten eingetreten. Es ist fast sicher, dass er gelöst wird wie in all’ den Jahren zuvor: Der Müll wird auf den Zug gepackt und für teures Steuerzahlergeld nach Nordrhein-Westfalen geschickt. In Süditalien gibt es seit Jahrzehnten Müllverbrennungsanlagen, die aber nie in Betrieb genommen worden sind. Der Müll ist ein Geschäft, an dem viele verdienen – außer den Bürgern natürlich, und am Ende verdienen auch die Deutschen. “Die Deutschen gewinnen aus unserem Müll sogar Strom!”, klagen die Italiener. “Und wir zahlen noch dafür!”

Leser-Kommentare
  1. Es ist eine Schande nicht nur für Italien, sondern für ganz Europa, das die Gegend in und um Neapel in Müll versinkt. Die Ursachen sind Korruption, Mißwirtschaft und die allgegenwärtige Mafia, ohne die in Italien nichts läuft. Gott sei Dank sind die neuen EU-Staaten und die Beitrittskandidaten Kroatien und Türkei weit entfernt.

  2. @ Elysium1980 : Ich denke, Sie meinen es ähnlich. Ich möchte es dennoch eindeutiger sagen : Der Süden Italiens ist - nicht erst seit gestern - ein Schandfleck in Europa !Süditalien liegt geographisch am Rande Europas und grenzt durch wenig Wasser getrennt an Nordafrika. Demographisch, kulturell und politisch ist Süditalien Nordafrika zuzuzählen. Jeder Reisende erkennt sofort die zwillingshaften Ähnlichkeiten zwischen den Städten Neapel und Tunis (Tunesien), Algier (Algerien) und Casablanca (Marokko). Ähnlichkeiten in der Baustruktur und des Lebensstils seiner Einwohner, samt Arbeit (oder auch nicht), Ernährung, Schule (oder auch nicht) , organisierter Kriminalität, usw.Bitte nicht falsch verstehen : wer es mag, wer es romantisch findet, hat jedes Recht zu sagen : "Neapel sehen - und sterben !"Andererseits muß es erlaubt sein zu sagen, daß Dänen, Belgier, Deutsche, Franzosen und andere Zentraleuropäer untereinander viel gemein haben. Und wenig bis nichts gemein haben mit Süditalien hinsichtlich kultureller und politischer Werte.Neapels Müllszenario zeigt die Grenzen des kulturell Verträglichen für die EU-Erweiterung auf. Und ist damit ein Wegweiser für zukünftige EU-Innen- und Außenpolitik.

  3. Da geht leider ziemlich viel schief in  Süditalien, und politischer Entscheidungswillen ist in der Lokalpolitik auch nicht gerade vorhanden. Ein bißchen weiter oben, in Rom,  wird um die Sitzplätze in der Regierung gehandelt. Gebessert hat sich da schon was, aber zu tun ist noch viel um den Anschluß an Europa nicht endgültig zu verlieren.  

    • Anonym
    • 08.01.2008 um 16:41 Uhr

    Wie sehr auch die Medien in Europa die OMON für ihr hartes auftretten beim Marsch der Nicheinverstandenen kritisiert haben wundert mich das die Medien nich das harte durchgreifen von Prodi kritiesieren. Gestern im TV habe ich gesehen wie die italentische Armee Menschenmassen mit den Stöcken geschlagen hat. Fazit: Russland ist genau so demokratisch wie der Rest der Welt. Und ich stimme vollkommen dem Satz von Putin zu "Demokratie ist nur ein Wort nicht die Tat.." Das ist wahr! 

    • jayse
    • 08.01.2008 um 17:49 Uhr

    Ersteinmal finde ich es furchtbar ganz Sueditalien als Schandfleck Europas zu bezeichnen, wenn es in diesem Artikel jawohl ausschliesslich nur um Neapel und Umgebung geht. Haben Sie schon mal Sueditalien bereist, sich mit den Leuten unterhalten, die Kultur kennen gelernt??
    Der Sueden Italiens, ist eine der schoensten Ecken Europas und seine Bewohner sind eine der herzlichsten und einladensten Bevoelkerungsgruppen hier. Ja, der Sueden Italiens ist nicht nur vertraeumte Straende, wundervolle Landschaften und tolles Essen. Ja, der Sueden Italiens hat Probleme mit organisiertem Verbrechen, starker Demokratieverweigerung und Zweifel an der eigenen REgierung unter der Bevoelkerung. Und trotzdem kommen jaehrlich abertausende von Touristen aus allen Teilen der Welt um genau diesen Teil Europas zu bereisen.
    Einer Bevoelkerung, die jahrzehntelang von der eigenen Regierung in Rom im Stich gelassen wurde, kann man nicht vorwerfen, dass sie sich dem staatlichen Einfluss entzieht, wenn es der Pate aus dem eigenen Dorf, doch besser schafft der kranken Grossmutter Medikamente zu besorgen als das staatliche Sozialsystem. Man sagt in Italien: der Norden arbeitet, die Mitte denkt und der Sueden lebt. Genau, die Menschen in und um Neapel wollen leben, das ist ihr oberstes Ziel. Ueberleben in einem korrupten System, welches in einem "demokratischen" Staat existiert.
    Rom und dessen unfaehige Politiker koennte man als Schandfleck Europas bezeichnen, wuerden die nicht in wundervollen Palaesten residieren. Schande ueber die, die einen Teil ihres Landes derart verkommen lassen. Die Frage ist: Will Italien ueberhaupt ein von der Mafia befreites Sueditalien???

  4. www.sudnews.net zeigt ein interview mit andrea camillieri zum thema.

  5. ... wurde jeder Vorstoß in Richtung Verpackungsrücknahme, Mülltrennung oder Dosenpfand mit einem riesigen Lamento begleitet.Wir wissen gar nicht, wie gut wir es haben!_______________________________________Trittin als Kanzler!

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