Überwachung
"Datenschutz ist antiquiert"
Daten werden zwangsläufig überall gesammelt, sagt der Zukunftsforscher Bernd Flessner. Wir sollten deswegen nicht aufhören, gegen die "Observosphäre" zu kämpfen – aber auch lernen, mit ihr zu leben.
ZEIT online: Herr Flessner, nach Ihrer Meinung ist die Sammlung und Kontrolle unserer Daten eine unvermeidliche Folge der technologischen Evolution. Demnach wären die Beschwerden beim Bundesverfassungsgericht gegen die Vorratsdatenspeicherung sinnlos?
Bernd Flessner: Sie sind ein hoffnungsloses Unterfangen, weil so viele Konzerne und Institutionen mittlerweile Daten sammeln, dass das nicht mehr kontrollierbar ist. Man kann sich auch kaum einen Datenschutz vorstellen, der technisch in der Lage wäre, eine Speicherung zu verhindern. Die Datensammelei wird auf jeden Fall weitergehen.
ZEIT online: Ist diese Entwicklung denn so gesetzmäßig?
Bernd Flessner: Ja. Und es gibt viele Autoren, die das so oder so ähnlich sehen, nicht nur Philosophen, sondern auch IT-Fachleute. Wie zum Beispiel Raymond Kurzweil vom MIT, der gesagt hat, in dem Moment, wo wir die ganze Welt mit Chips ausstatten, findet Speicherung einfach statt. Wir haben eine Erfassungstechnologie entwickelt, mit der natürlich auch erfasst wird. Jedes Stück Butter wird mit einem Chip ausgestattet werden und daher werden wir auch wissen, wer es kauft und wann er wieder eines braucht.
ZEIT online: Kann man etwas dagegen tun?
Bernd Flessner: Schwierige Frage. Kann man etwas dagegen tun, dass die Weiterentwicklung des Autos ein Panzer ist? Wahrscheinlich nicht.
ZEIT online: Sind Datenschützer somit die Dinosaurier des technologischen Zeitalters?
Flessner: Sie sind hoffnungslos antiquiert. Sie bestätigen die These von Günther Anders von der Antiquiertheit des Menschen . Datenschutz ist ein aussterbendes Genre.
ZEIT online: Wir sollten also besser lernen, mit Überwachung zu leben?
Flessner: Ja. Denn sie findet auf jeden Fall statt. Wir sollten lernen, in einer Welt, in der die Observosphäre ein Teil der Technosphäre ist, zu leben und zu überleben. Einen Big Brother wird es auf keinen Fall geben, aber dafür sehr viele davon: Big Brothers are watching you, müsste es korrekt heißen. Und zu den Überwachern wird auch der Nachbar zählen. Wir alle werden uns in irgendeiner Form an dieser Observosphäre beteiligen, werden diese Technologie im Kleinen nutzen können.
ZEIT online: Wie lebt man damit?
Flessner: Man muss nach technologischen Antworten suchen. Viele tun das schon und haben einfach zwei Rechner auf dem Tisch: einen, mit dem man ins Internet gehen kann und in den jeder schauen darf. Und einen zweiten, an den niemand herankommt und auf dem die wirklich wichtigen Dinge sind. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.
Vielen Dingen wird man aber auch schutzlos ausgeliefert sein. Wenn es erst RFID-Chips an jedem Produkt gibt und wir nicht mehr zur Kasse müssen, sondern Scanner die Chips lesen und das Geld abbuchen, weiß jede Bank und jedes Finanzamt, was wir wo einkaufen. Wichtig dabei ist, dass es keine Trennung gibt zwischen staatlicher und privater Datensammlung. Wie bei der Vorratsdatenspeicherung, wo Provider angewiesen sind, Daten für den Staat zu sammeln.
ZEIT online: Wie lebt es sich mit dieser Überzeugung?
Flessner: Ich empfinde das als sehr negativ, da ich der Ansicht bin, dass damit ein großer Teil der Bürgerrechte verloren geht. Die Freiheit der Privatheit und Anonymität verschwindet. Aus dem freien Bürger wird ein permanent observierter und der darf sich dann eigentlich nicht mehr Bürger nennen.
ZEIT online: Bedeutet das nicht das Ende der Demokratie?
Flessner: Es ist auf jeden Fall einer ihrer vielen Totengräber. Demokratie wird zu einem Auslaufmodell. Und diejenigen, die eine solche Obersvosphäre schaffen, arbeiten an ihrem Untergang mit. Egal, wie sie das begründen, ob durch die Jagd auf Terroristen oder damit, dass unser Leben dadurch so viel bequemer wird.
ZEIT online: Ist das nicht traurig?
Flessner: Ja.
ZEIT online: Und was tun wir nun dagegen?
Flessner: Wir sollten es auf jeden Fall nicht einfach hinnehmen. Wir sollten vor das Verfassungsgericht ziehen, wir sollten überall deutlich machen, dass dieser Prozess stattfindet und dass in ihm sehr viele Gefahren lauern. Vielen Menschen ist das noch gar nicht bewusst. Sie wissen nicht, dass diese Parallelwelt aus unseren Datenschatten durch uns gar nicht mehr kontrolliert wird.
Demokratie besteht nun aber einmal darin, dass Bürger möglichst viel kontrollieren von dem, was sie Staat nennen. Die Kontrolle staatlicher Organe entgleitet uns jedoch, wenn wir keine Kontrolle über unsere Daten mehr haben. Das muss man öffentlich sagen, was allein schon eine Menge Widerstand bedeutet. Überwachung ist antidemokratisch.
Bernd Flessner ist Medienwissenschaftler und Zukunftsforscher. Er lehrt an der Universität Erlangen-Nürnberg und schreibt Bücher und Essays.
Die Fragen stellte Kai Biermann.
- Datum 8.1.2008 - 13:09 Uhr
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"ZEIT online: Kann man etwas dagegen tun?Bernd Flessner: Schwierige Frage. Kann man etwas dagegen tun, dass die Weiterentwicklung des Autos ein Panzer ist? Wahrscheinlich nicht."Kann man jemanden ernst nehmen, der es fertigbringt, einen derart sinnfreien Satz zu sagen? Keine schwierige Frage.
Stimmt schon alles was Herr Flessner da sagt, und mir ist das schon seit der ersten Payback-Karte klar. Ich hab lieber auf das 1% Ersparniss gesch.....und wenn Leute glauben alles und jeden Pack Kaugummi mit ihrer Kreditkarte zahlen zu müssen und dazu noch ihr Payback-Kärtchen zücken müssen, mir egal.Aber zur Aufklärung: Wann, wo, was, und zu welchem Preis sie etwas kaufen, wird gespeichert und nie wieder gelöscht. Banktransfairdaten bleiben ewig, Versicherungen arbeiten genauso. Daten die einmal erhoben wurden bleiben für ewig! Man weiß ja nie wann man sie gegen (an ein für glaub ich leider nicht) verwenden kann.Und wenn Ihnen jemand erzählt: Ihre Daten wurden gelöscht glauben sie ihm nicht!Vordergründig mag das sogar stimmen, aber die Backups bleiben erhalten.Wäre ja auch viel zu schade um die ganze Arbeit gelle Herr SchäubleBevor ichs vergesse. Biometrische Personalausweise !! Wenn Sie das nächste mal an der Ampel stehen, schauen Sie nach oben und bitte lächeln !! Ich hör jetzt besser auf sonst bekomm ich noch ungebetenen Besuch ;-)
gab es immer schon, Bespitzelung ebenfalls. Wenn uns der Autor einerseits erklärt, wir müssen uns an die Bespitzelung einerseits gewöhnen, anderseits sagt, wir sollen vor den Gerichtshof ziehen, was nun?!?Hier und heute wären Philosophen gefragt, welche die Problematik mittels nachdenken lösen. Und nicht überwachungssüchtige Herrscher. Aber Menschen, welche die Welt erklären können sind nicht gefragt, Angstmacher aber sehr wohl, leider. Aber der Prozess gleicht dem einer Katze, die sich in den Schwanz beisst, weil wer wird die Überwacher überwachen? u.s.w..... . Viel Vergnügen in der Zukunft. :-)))
"in dem Moment, wo wir die ganze Welt mit Chips ausstatten, findet
Speicherung einfach statt. Wir haben eine Erfassungstechnologie
entwickelt, mit der natürlich auch erfasst wird. Jedes Stück Butter
wird mit einem Chip ausgestattet werden und daher werden wir auch
wissen, wer es kauft und wann er wieder eines braucht."Fragt denn niemand, warum "wir" das eigentlich machen? Ich bin nicht zu faul, an der Kasse meine Geldboerse zu zücken oder in der Schlange etwas zu warten. Sicher sind viele Menschen mittlerweile sozialscheu geworden und werden bereits nervoes, wenn fünf Leute an der Kasse "Schlange stehen". Es mag Bereiche geben, wo dieser Chip Sinn machen koennte, aber ich brauche nicht das automatische Abbuchen beim Verlassen des Supermarktes. Wieviel Aufwand erspart mir diese "tolle" Erfindung und wieviel Probleme bereitet sie mir? Wichtig: Vorallem die Probleme, die diese "tolle" Errungenschaft mit sich bringt, werden fuer mich intransparent sein. Das macht diese Sache nochmal "problematischer". Nein Danke, ich brauch das nicht, auch wenn ich sonst Fortschritten gegenueber offen eingestellt bin. Aber wo bitte liegt in dieser Sache wirklich der Fortschritt, das geniale, wofuer es sich lohnt, meine Privatssphaere aufzugeben? "[..]in dem Moment, wo wir die ganze Welt mit Chips ausstatten [..]"und wer ist dieses "wir"? soll es suggerieren, dass wir alle ja dabei und einverstanden sind, die Chips einzufuehren?Dieses "wir" sind die Hersteller und Nutzniesser dieser Technologie, diejenigen, die damit Geld verdienen oder es machtbringend benutzen können. Ich halte den Nutzen dieser Technologie fuer den Buerger für sehr unwichtig. Uns wird erzaehlt, wie toll man dann einkaufen kann, aber die echte Motivation liegt in einem ganz anderen Bereich. Einen echten Nutzen für den Bürger sehe ich nicht. Dafür aber intransparente Probleme und echten Nutzen für andere Interessensgruppen unserer Gesellschaft.Wann kommen die wirklich guten Erfindungen, die der Menscheit wirklich dienen. Im Sinne der Gleicheit und Freiheit. Und nicht im Sinne des Kapitals und des Machterhalts.
was jemand befaehigt, die Zukunft zu erforschen und wie man dabei vorgeht. Das Studium von "Experten"- Meinungen und Untersuchungen sagt ueber weitere moegliche Entwicklungen gar nichts aus. Es ist nicht viel mehr als die beruehmte Kristallkugel. Mein Tip ist so gut wie Ihrer.Im uebrigen ist durch das Sammeln von Milliarden Trivial-Daten bereits ein derartiger Datenmuell entstanden, dass kaum jemand etwas Vernuenftiges damit anfangen kann, es sei denn man ist bereits auf einer konkreten Spur. Selbst die sammelfreudigen Amerikaner haben kuerzlich zugegeben, dass ihre Trilliarden von Daten nicht zeit- und sachgemaess ausgewertet werden koennen. Computer koennen zwar nach allen moeglichen Kriterien sortieren, entscheiden muss aber immer noch der Mensch, und davon gibt es zu wenige fuer diesen Job.
"Kann man jemanden ernst nehmen, der es fertigbringt, einen derart sinnfreien Satz zu sagen? Keine schwierige Frage." Lieber Zorc, in Ihrem Übermut, evtl. auch ihrer reichlich unpassenden Anmaßung und Arroganz gegenüber dem Interviewten, muss man Ihnen entgegnen, dass die Angelegenheit - zumindest für Sie - eine wohl doch nicht so einfache Frage darstellt. Wenn ich mich nicht irre, spielt Herr FLessner auf die bereits stattfindende, offensichtlich sehr fragwürdige Entwicklung im Bereich der SUV's an. Das diese Kategorie von Fahrzeug im Stadtverkehr reichlich sinnfrei ist, hat den Siegeszug bis dato nicht stoppen können. Die SUV's als evolutionären Zwischenschritt vom Transportmittel zum Panzer zu beschreiben, ist vielleicht ein wenig ironisch, den Käufern gegenüber sogar sarkastisch, trifft aber die Sache mit einem knappen Satz auf den Punkt. Anders gesagt: Sie sollten sich solche Kommentare in Zukunft mal lieber per post it an die Stirn heften und sich hier nicht unnötig mit frechen Beleidigungen blamieren. Danke!
Leider etwas falsch.Datenbanken sind recht dumme Einrichtungen, die immer einer Interpretation bedürfen. Schauen sie sich nurmal das Adressbuch in ihrem Handy oder das Papier-pendant an, mal ehrlich: Wieviel davon ist falsch, veraltet oder unvollständig.Eine Recherche im Telefonbuch kann zwar lücken füllen, jedoch nicht alles heile machen. Umso mehr Fehler im Adressbuch sind, umso eher die Neigung, komplette Adressen zu löschen und neu anzufangen.Soll heissen, wenn man es drauf anlegt kann man sehr wohl seine Privatsphäre behalten. Niemand fordert schliesslich, das ich auf den Anmeldebögen der Werbeindustrie meine Adresse angebe und nicht die vom Abbruchgrundstück zwei Strassen weiter. Niemand kann mich auffordern, das ich dort meinen Namen eintrage und nicht "Micky Maus", "Heinrich Zille" oder "Albert Einstein". Wenn irgendwann mal 20% der Bundesbürger diese Art des zivilen ungehorsams durchziehen, können die Datenkraken ihre Datenbanken einstampfen.
Das Problem scheint mir das zu diesem Thema meist Politiker und Journalisten sprechen (und Entscheidungen treffen) die mit den neuen Medien schlicht nicht aufgewachsen sind, für die Internet "so eine Sache" ist und "das mit dem Internet" machen dann eh meist Mitarbeiter oder gar der Enkel. So verlassen die sich zum einen viel zu sehr auf einzelne "Experten" oder gar Lobbyisten und haben zum anderen eine vielleicht verständliche Berührungsangst. Aber es geht hier nicht um einen Datenkraken der den armen Bürger bedroht sondern die meisten Bürger geben absolut Freiwillig viel mehr Daten über sich Preis als die Vorratsdatenspeicherung auch nur annähernd beinhaltet - an die Privatwirtschaft freilich. Aber wieso ein demokratisch kontrollierter Staat schlechter mit Daten umgeht als Unternehmen die sehr egoistische (profitgetriebene) Interessen verfolgen und am Allgemeinwohl nur ein theoretisches Interesse haben ist eine Frage die ich mir schon lange stelle. Oder andersrum gesagt, sollten wir nicht viel eher acht geben das dieser Staat demokratisch bleibt und die Politik mehr in die Schranken weisen, wir als stolze Demokraten und souveräne Bürger? Und gleichzeitig klar in einem breiten gesellschaftlichen Konsens sagen, welche Daten in Zukunft preisgegeben werden sollen und welche aber unangetastet bleiben müssen - und zwar auf Dauer. Und man darf nicht kleinreden das die Datenspeicherung viele Vorteile bringt im Alltag - z.B. wenn man für alles im Leben nur noch eine kleine Scheckkarte braucht. Ob das Monatsabo für den Nahverkehr, das Einkaufen im Supermarkt, die Stechuhr vom Arbeitsplatz, das Öffnen des eigenen Autos,.. technisch schon lange kein Problem mehr und preisgünstig. Wenn dann geklärt ist wo die Grenzen dieses Systems und der Verwendung dessen Daten sind und - ganz wichtig - wenn der Bürger auch die Kontrolle über seine Daten behält (und auf Wunsch ganz einfach auf "Knopfdruck" alles unwiderruflich gelöscht werden kann von ihm) dann ist dagegen rein gar nichts zu sagen. Auch in Zukunft wird keiner gezwungen sein sowas zu nutzen, genauso wie nach wie vor überall Bargeld willkommen ist obwohl schon in den 80ern behauptet wurde die EC Karte würde den Tot des Bargelds bedeuten und gleichzeitig ein neues (natürlich "gefährliches", was auch sonst...) Monopol für den Geldverkehr schaffen bei den Kartenbetreibern. Nichts ist passiert, immer noch beschweren sich viele Leute eher das sie nicht überall mit Karte zahlen können. Ähnlich wird es mit diesen Technologien sein, wie werden in gefährlichkeit aber auch in nützlichkeit von vielen Menschen total überschätzt - einfach weil sie wenig Ahnung davon haben. Aber sie haben ihre Berechtigung und nur weil etwas "neu" und "anders" ist muss es noch lange nicht immer kritisch beäugt werden, mir ist sowieso nicht ganz klar wieso die Hippiegeneration die als Jugendliche so progressiv sein wollte nun so unglaublich Reaktionär ist und am liebsten die 80er wiederherstellen will. Die Technikfeindlichkeit die bei diesem Thema immer sofort mit hochkommt ist ja nur Ausdruck eines tiefen Mißtrauens gegen alles neue..
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