Zeitgeschichte Verzerrte Wahrnehmung
Wer immer sich heute über „die“ 68er echauffiert oder lustig macht, vergisst, wie die gesellschaftlichen Zustände damals waren
Plötzlich sind die 68er an allem schuld: an der Bildungsmisere, dem demographischen Wandel, dem angeblich gescheiterten Versuch, Ausländer in unsere Gesellschaft zu integrieren, am Werteverfall und obendrein an der Öko-Bilanz - wegen des Protests gegen die saubere Atomenergie. Natürlich wird mit zweierlei Maß gemessen: Wenn CSU-Generalsekretär Söder die bürgerliche Einrichtung der Ehe als Erfolgsmodell bezeichnet, die rot-grüne Multikulti-Gesellschaft hingegen als gescheitert darstellt, möchte man doch gern fragen: Ist etwa jeder zweite bis dritte Ausländer in Deutschland an seiner Integration gescheitert?
Man kann sich nur wundern, dass gerade jüngere Menschen (Söder ist Jahrgang 1967) nicht bedenken, gegen welche Art von Verkrustungen in der Gesellschaft damals rebelliert wurde. Ein typischer junger deutscher Jonas- oder Leo-Normalverbraucher, der sich heute über WGs und Schlabberkordhosen lustig macht, wäre am vorherrschenden rigiden sozialen Klima damals zerbrochen. Im Rückblick wird die Uniformität der Gesellschaft in den Fünfziger und Sechziger Jahren, ihr Obrigkeitsglaube und auch bisweilen ihr braunes Fundament, unterschätzt und die Radikalität der meisten 68er überschätzt. Denn in unserer Wahrnehmung verzerrt sich die Sicht auf 68, weil sie von unserer sensationalistischen Beschäftigung mit der RAF überlagert ist.
Wir sinnieren mehr über ein paar Durchgeknallte als über die millionenfachen Anhänger einer internationalen Bewegung, die so unterschiedliche Dinge unterstützt hat wie die Ablehnung des Vietnamkriegs, die resolutere Verfolgung von NS-Straftätern, die Frauenbewegung, die Abkehr vom fordistischen Arbeitssystem zugunsten einer größeren Eigenverantwortlichkeit der Arbeitnehmer und die Stärkung des Umweltschutzes.
Viel Kritik an den 68ern ist oberflächlich und hält sich an bizarren Details auf (WGs mit ausgehängten Klotüren) anstatt den Blick auf Wesentliches zu richten: Ohne 68 kein Willi Brandt und ohne Brandt keine progressive Ostpolitik und keine spätere Versöhnung Europas.
Hans Magnus Enzensberger, einer der wenigen Intellektuellen, die ihre von 68 geprägte Vergangenheit kritisch reflektieren können, ohne sich kokett-masochistisch in Selbstverteuflungen zu ergehen, sagte einmal, erst mit 68 sei die Bundesrepublik wirklich demokratisch geworden und erst nach 68 sei so etwas wie ziviler Ungehorsam möglich gewesen. Hinter den zwei Worten ziviler Ungehorsam verbergen sich Welten: Rechte von Frauen, Ehepartnern, Kindern, von Schülern und Azubis, von Patienten und Häftlingen, Kranken und Alten. Sie alle haben seit 68 ein viel größeres Maß an rechtlichem Rückhalt, an sozialer Akzeptanz und somit auch an Respekt vor sich selbst erhalten können.
Wer immer sich heute über die 68er echauffiert oder lustig macht, vergisst, wie die gesellschaftlichen Zustände damals waren: Uni-Dekane wurden mit Spektabilität angeredet, Pfarrers Wort besaß in manchen Gegenden gottgleiche Macht, Politiker hatten recht, auch wenn sie braun waren, Frauen im Minirock waren noch nicht girliehaft-süß, sondern von beängstigend sexueller Eigenständigkeit. Schwullesbisches Leben wurde mit 68 überhaupt erst entfernt in die Nähe sozialer Akzeptanz gerückt: Erst ab 1969 wurde der § 175 (sexuelle Handlungen zwischen Männern als Strafbestand) schrittweise reformiert.
Die Familie haben die 68er nicht als Auslaufmodell begriffen, wie gern unterstellt wird (selbst Rockstars haben damals mehrheitlich geheiratet und Familien gegründet); zugunsten verschiedener Lebensmodelle wurde lediglich ihre absolute Monopolstellung geschmälert. Infolge von 68 wurden die Weichen für ein Scheidungsrecht, das nicht mehr der Schuldfrage nachgeht, sondern lediglich den Zerrüttungsgrad konstatiert, gestellt.
Und 68 hat die Kunst um Werke bereichert, die längst Ikonen geworden sind. Jahrhundertgemälde wie Whos Afraid of Red, Yellow and Blue (Barnett Newman) zeigen auf höchstem Niveau, was 68 at its best war: Spielerisch, provokant, voller Verve für die Freiheit des Einzelnen, nicht für die Macht der Farbe, der Fahnen, der Ideologien, der Doktrin, sondern der des Menschen, der sich über die Kunst selbst erfährt. Kaum etwas verkörpert die Hoffnung, das Positive dieser Ära mehr als dieses Werk.
Viele der heutigen Anti-68-Reden erscheinen historisch wenig fundiert. Wir blicken aus der Gegenwart auf eine Zeit, die komplett anders war. All dies schreibt ein Mensch, der 1968 nicht auf den Barrikaden stand, sondern geboren wurde: In Anerkennung der Rechte, die diese ältere Generation uns Wohlstandskindern erkämpft hat.
So wie wir uns vielleicht mal vor unseren Kindern rechtfertigen müssen, warum wir mehr oder weniger tatenlos zugesehen haben, als der Kosovo-Krieg ausbrach, wie ein Genozid in Ruanda und die Massaker in Darfur Millionen Menschen das Leben kosteten, so gibt es Dinge, für die sich die ältere Generation rechtfertigen muss wenn man an die Auswüchse von 68 denkt. Wenn aber etwas über die Zukunft sicher ist, dann: Auch wir werden das Recht auf Irrtum gern einmal in Anspruch nehmen.
- Datum 11.01.2008 - 10:41 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 10.1.2008
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das stimmt. Aber da die Menschen vor 68 nicht reihenweise Selbstmord begangen haben, weil sie an "den rigiden Zeitumständen zerbrochen" sind, ist doch anzunehmen, dass sich auch die meisten Zeitgenossen mit vor-68er-Umständen arrangieren könnten, wenn sie es müssten. (Das macht die vor-68er-Umstände nicht automatisch sympathischer. Aber es hilft, die Maßstäbe zu behalten.)
angesichts des Medienrummels und die Zustimmung fuer einen Herrn Koch in Leserbriefen, ist dieser Artikel Balsam auf die Seele. Ohne die 68ziger waere Deutschland heute auch hier in China kein geachtetes Mitglied der Voelkergemeinschaft, zudem geachtet fuer Anstoesse, fuer Antworten fuer eine menschlichere Gesellschaft der Zukunft. Dass einige noch in den Kellerloechern sitzen und auf den Endsieg hoffen, scheint, leider, ein weitverbreitestes Phaenomen in Voelkern zu sein. Es gibt viele Staaten, die ein Deutsches 68 noetig haben, hoffen wir, dass es kommt, und tun wir alles, dass die anderen in ihren Loechern bleiben.
Ich gesehe den 68ern gerne zu möglicherweise zu "ihrer Zeit" eine gewisse Berechtigung gehabt zu haben in ihrem Wirken. Heute dagegen versuchen sie immer noch mit den Rezepten von damals auf die Zustände von heute und die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren und sind damit ebenso ein Hindernis geworden wie die Generation vor ihnen.
Als einer der 68er-Generation bin ich immer wieder erstaunt, wie oberflächlich über diese Zeit diskutiert wird. Vorurteile und Klischees ersetzen zumeist die historische Analyse. Im allgemeinen Bewusstsein sind lediglich die Studentenproteste, Wgs, freie Liebe und RAF. Dabei hat es "die 68-Generation" nie gegeben. Nur sehr wenige haben in WGs gelebt und die freie Liebe war ein Versuch, der an den eigenen Ängsten und Erwartungen scheitern musste.
Die 68er waren eine Rebellion gegen die Spießigkeit, das Duckmäusertum und die Obrigkeitsgläubigkeit der damals älteren Generation. Man muss sich nur einmal Filme oder Werbespots aus den 50er Jahren ansehen, um zu verstehen, wogegen es ging. Wer weiss heute noch, dass damals Homosexualität bestraft wurde, dass die Eltern wegen "Kuppelei" angezeigt werden konnten, wenn die Freundin über Nacht blieb, dass man als Unverheirate weder gemeinsam im Hotelzimmer noch auf dem Campingplatz im Zelt übernachten durfte, dass "Ratgeben" in Illustrierten jungen Frauen dazu rieten den Freund aufzugeben, wenn dieser kein Auto hatte.
Der "Geist" der 68-Jahre war idealistisch, zukunftsorientiert und optimistisch - ganz im Gegensatz zur heute vorherrschenden Endzeitstimmung. Trotz Vietnamkrieg war er war auch nicht antiamerikanisch-ganz im Gegenteil. Amerika gehörten noch immer viele Sympathien- nicht zuletzt durch die dortige Protestkultur und Bürgerrechtsbewegung. Easy Rider war auch bei uns ein Kultfilm. Aber man begann auch die hässlichen Seiten von Amerika zu sehen und der Gegensatz zwischen dem schönen Schein und der Realität wurde bewusst.
Wenn man der 68-Bewegung einen Vorwurf machen will, dann bestimmt den einer zu starken Theoriegläubigkeit. Die Protagonisten entfremdeten sich zunehmend der Wirklichkeit, die partout nicht so war, wie man es glauben wollte. Der Rückzug in die Esoterik oder die schreckliche Verblendung über die menschenverachtende Praxis der RAF eine allgemeine Revolution zu entfachen war daher vorauszusehen. Die Veränderung des sozialen und politischen Bewußtseins jedoch, die Emanzipation der Frauen und der Jugend, die Befreiung des täglichen Lebens von den Zwängen überholter Moralvorstellungen ist jedoch ohne die 68er schlichtweg nicht vorstellbar. Es war eine Zeit grosser Ideale und hoher Erwartungen - wahrscheinlich zu hoher Erwartungen.
Die armen 68er!Da werden sie an ihren "Lebensleistungen" gemessen, ganz so, wie sie es gnaden- und verständnislos an ihrer Elterngeneration durchexerziert hatten, und jetzt finden sie das sowas von gemein!Dabei: was haben sie denn eigentlich "geleistet"? Daß sie das Trauma überstanden hatten, daß die Weihnachtsgeschenke in der Zeit des Wirtschaftswunders von Jahr zu Jahr immer größer und bunter wurden?Daß ihnen ihre Eltern und Großelterngeneration einen Wiederaufbau und eine Wirtschaftsleistung vorlegten, so daß sie, als sie selber flügge wurden, sich ins gemachte Nest einer strahlend neuen Infrastruktur, hervorragend ausgestattete Universitäten, einer sicheren Berufs- und Lebensperspektive begeben konnten, wenn sie nur wollten....??Und seit wann weiß eine Frau Tanja Dückers irgend etwas über die Lebens- und Zeitumstände um und vor 68???????Die war da ja noch gar nicht geboren.....Jaja, wenn man den Mythen seiner Eltern glaubt ..... wird man bundesrepublikanisch schon irgendwie seeeeeeeeelig....
Vieles an der Rebellion finde ich noch heute gut: Women's Lib, sexuelle Rebellion, kein blindes Vertrauen in die Obrigkeit etc.
Ihr Moralabsolutismus geht mir schon immer auf die Nerven
Und ihre "Edle-Wilde-Romantik" auch
Auch ihre logisch völlig lächerliche Kritik an der Aufklärung ("Dialektik der Aufklärung"). Wenn die 68er und ihre Vorsinger "Aufklärung" richtig verstanden hätten, hätten sie bemerken müssen, das die Aufklärung Selbstkritik eingebaut hat. Das kapieren die heute z.T. noch nicht.
Geht ja auch nicht. Wenigdenker sind unflexibel und wenn sie sich auf ein Schlagwort eingeschworen haben, geben sie es nicht so schnell auf, auch wenn es noch so bescheuert ist.So werden weiterhin Menschen rumlaufen und den Phantom68ern jede Schuld aufladen, die einige Gedankengänge erfordert. Das die omnipotent dargestellten 68er ein Phantom sind, weiß man mit etwas Bildung bezüglich dieser Zeit. Es war eine Randbewegung die zu mehr Sex und politischem Bewusstsein geführt hat.Leider zeigt sich durch das gehäufte auftreten, dass das politsche Bewusstsein immer geringer wird. Schlagwortpolitik ist mangels Bildung immer populärer geworden und Politiker können sich ihrer Wählerschaft anpassen. Deutschland wird diese Kulturschande hoffentlich bald überwinden, zumal es nur eine Mode sein kann, dumme Verwendung von Schlagwörtern als politische kompetenz auszulegen.
Zu hohe Erwartungen? Nein. Jugend sollte immer hohe Erwartungen haben, sonst kann man Jugend nicht Jugend nennen. Die "Erwachsenen" damals wie heute hatten und haben ihr Leben gelebt.Es ist das Recht der Jugend die Art und Weise des Zusammenlebens in Frage zu stellen und mehr zu wollen.Auch heute wieder, diese Verlogenheit der Systeme der Väter, die sich wieder umgedreht haben und alles laufen ließen und lassen. Seien wir doch ehrlich, wir die Linken, was auch immer das ist, haben uns nach dem Zusammenbruch des Ostblocks zurückgezogen. Nicht unbedingt in die Esoterikzirkel, jedoch verweigern wir uns der Jugend, Tag für Tag.Fragen die heute gestellt werden müssen, werden nicht gestellt, also gibt es auch keine Antworten. Gut wir haben "viel" damals erreicht, aber war das ein Grund, sich 1990 beleidigt zurück zu ziehen?
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