NachrufNationalheld ohne Pathos

Nur durch Zufall wurde Edmund Hillary zu einem der berühmtesten Bergsteiger aller Zeiten. Doch er wusste seinen Ruhm in positivem Sinne zu nutzen von Christine Kopp

„Plötzlich sah ich, dass es der letzte Buckel war: vor mir senkte sich der Grat mit geschwungener Wächte wieder abwärts, und in der Ferne sah ich den pastellfarbenen Hauch und die Lämmerwölkchen über dem tibetischen Hochland. (…) Ich winkte Tenzing heran. Noch ein paar Pickelschläge, noch ein paar müde Schritte, und wir standen auf dem Gipfel des Everest.“ So erzählt Edmund Hillary in seinem schmalen, im englischen Original 1955 erschienenen Buch Ich stand auf dem Everest von jenem historischen Moment, als er und Tenzing Norgay Sherpa am 29. Mai 1953 „eine halbe Stunde vor Mittag“ als erste Menschen den höchsten Punkt des höchsten Berges der Welt erreichten. Lakonische Worte ohne Pathos, ganz, wie es der etwas schroffen, aber immer bescheidenen und ehrlichen Art des 1919 geborenen Neuseeländers entsprach.

Nun ist Hillary gestorben. Ein Monolith aus der großen Zeit der Erstbesteigungen der vierzehn Achttausender ist tot. Sein Tod ist nicht nur für seine Familie, seine Freunde und sein Land, wo er den Status eines Nationalhelden hatte, ein herber Verlust. Sein Ableben wird auch viele Menschen aus dem Volk der Sherpa, die zu einem großen Teil in der nepalesischen Solu-Khumbu-Region an den Südhängen des Everest wohnen, persönlich treffen: Für die Entwicklung dieses Volks hat Edmund Hillary – von Beruf nach einem abgebrochenen Hochschulstudium wie sein Vater Bienenzüchter – Maßgebliches geleistet. Mit den Sherpas und ihrem Schicksal blieb er über ein halbes Jahrhundert lang eng verbunden. So ist bezeichnend, dass Hillary noch 2007, gesundheitlich bereits angeschlagen, nach Nepal reiste, um dort mit seiner alten Freundin Elizabeth Hawley in Kathmandu die Mitglieder der „SuperSherpas Everest Expedition“ zu treffen, die eine Auswahl der stärksten Bergsteiger aus der Gemeinschaft der Sherpas vereinte.

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Die Amerikanerin Elizabeth Hawley, die „Grand Old Lady“ der Expeditionschronik der Berge Nepals und selbst eine legendäre Figur in Bergsteigerkreisen, lernte Hillary 1953 nach seiner Everest-Besteigung kennen. Sie bezeichnete Hillary als eine der zwei Figuren – neben Reinhold Messner –, die sie am meisten beeindruckt haben, und als „feinste Persönlichkeit“, die sie je kennengelernt habe, mit sehr hohen ethischen Ansprüchen an sich selbst. Hawley wusste um die Schwierigkeit der hoch oben am Berg liegenden Felsstufe, durch deren Bewältigung Hillary 1953 den Schlüssel zum Gipfel fand – seither wird die kurze Passage „Hillary Step“ genannt. Sie erkannte aber auch, wie abrupt der Rollenwechsel für Hillary sein musste, der überraschend als Erster auf dem Gipfel stand – ein Jahr davor hatten Tenzing und der Schweizer Raymond Lambert wegen Problemen mit ihren Sauerstoffgeräten nur gute zweihundert Meter unter dem Gipfel umkehren müssen, und während der erfolgreichen Erstbesteigung selbst war Hillary eigentlich gar nicht für das Gipfelteam vorgesehen: „Da stand er nun und wurde vom einfachen kleinen Bienenzüchter zum internationalen Helden.“

In den Jahren nach der Erstbesteigung heiratete Hillary Louise Rose, mit der er drei Kinder bekam, und unternahm weitere Expeditionen. Darunter die berühmte in die Antarktis von 1957, aber auch solche nach Nepal, wo er Gipfel wie den Baruntse bestieg. Er kam aber nicht nur der Berge wegen, sondern brachte Landsleute mit, die bauen konnten. Auf Drängen der Nepali begannen Hillary und seine Freunde nach der großen Hillary-Himalaja-Expedition von 1960/1961 mit dem Bau von Schulen: „Die Scherpas haben in ihrem primitivem Ackerbau und der Weidewirtschaft außer in den Klöstern keinen Bedarf an Geistesarbeitern, und ein vollwertiges Bildungsprogramm könnte die Menschen leicht dazu verleiten, ihr Land zu verlassen und in dem von der Natur mehr begünstigten Tiefland ein weniger mühsames Leben zu führen. Doch ein bescheidenes, aufs Praktische gerichtetes Bildungsprogramm könnte sehr nützlich sein. Wenn die Scherpas in ihrer Sprache schreiben und lesen lernten, könnten sie mehr Anteil an den innenpolitischen Fragen nehmen und wären auch Verbesserungen in der Landwirtschaft, in ihrer Lebens- und Wohnweise mehr aufgeschlossen.“

So schreibt Hillary in einem Buch. Gesagt, getan: 1961 sicherte sich Hillary für den Bau einer ersten Schule im Sherpa-Dorf Khumjung, wenige Wandertage südlich des Everest, die finanzielle Unterstützung des Unternehmens World Book Encyclopedia. Die Schule wurde in unbürokratischer Art gebaut und ermöglicht bis heute Dutzenden von Sherpa-Kindern eine elementare Schulbildung. Dies war der Anfang des Himalayan Trust, einer von Hillary gegründeten Stiftung, die in der Folge Schulen, Brücken, Trinkwasserleitungen, Krankenhäuser und Flugpisten baute. Auch für einen Edmund Hillary war es nicht einfach, die nötigen Gelder aufzutreiben; die Aufgabe war zeitintensiv und nervenaufreibend.

Zu allem Unglück verlor er zudem 1975 seine Frau und seine Tochter bei einem Flugzeugabsturz in Nepal, als sie ihn beim Bau eines Krankenhauses in der Solu-Region besuchen wollten. In einem Brief an Elizabeth Hawley formulierte Hillary seine Trauer: „Alles könnte fast normal sein, wenn mir nur das Haus ohne Louise und Belinda nicht so leer vorkäme (…) und wenn ich nicht diesen unziemlichen Wunsch hätte, tot zu sein. Zweifellos werde ich irgendwann einmal wieder fröhlich sein können, aber das scheint noch eine Weile zu dauern.“ Mit dem Verlust seiner Frau und seiner Tochter verlor Hillary einen Teil seines Kampfgeists – dabei fragte er sich selbst, ob es diesen nicht sowieso immer nur in den Augen der Presse besessen hatte. 1984 wurde er von der neuseeländischen Regierung zum Hochkommissar für Indien und Nepal ernannt (was dem Rang eines Botschafters entsprach) – eine große Ehre. Und 1989 heiratete Hillary im Alter von 70 Jahren ein zweites Mal, und zwar die Witwe eines Bergsteigerfreundes, der ebenfalls bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen war.

Wer heute im Khumbu unterwegs ist, trifft immer wieder auf Einheimische, die mit großer Ehrfurcht von Edmund Hillary sprechen, dessen Schulen sie besucht haben: Die 26 Schulen des Himalayan Trust legten den Grundstein für die Karrieren von Hunderten von jungen Sherpas. Viele von ihnen arbeiten heute in der Tourismusbranche und sind dort als Lodgebesitzer, Trekkingführer oder in Reiseagenturen tätig. Andere haben Hillary-Stipendien erhalten und studiert. Die Täler Khumbu und Solu haben sich gerade auch wegen des Himalayan Trusts in den letzten fünfzig Jahren grundlegend verändert; bestand die allererste Klasse der Hillary Primary School in Khumjung aus 47 Schülern (von denen es dann drei bis zum Universitätsabschluss schafften), so verfügt die Region heute über eine im Himalaja einzigartige Anzahl von Schulen, Krankenhäusern und medizinischen Versorgungseinrichtungen.

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  • Schlagworte Nepal | Indien | Reinhold Messner | Vereinte Nationen | Großbritannien | Tibet
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