ZEIT online: Nach Finnland, Frankreich und den USA plant nun auch Großbritannien den Bau neuer Kernkraftwerke. Verpasst Deutschland einen neuen Boom der Atomenergie?

Lutz Mez: Es gibt keinen Boom. Die Wiederkehr der Kernenergie wird bereits seit 25 Jahren immer wieder angekündigt. Schon die Pläne von Ronald Reagan, der die Renaissance der Atomkraft bereits 1981 in Aussicht stellte, konnten nicht realisiert werden. In den USA ging 1996 lediglich der Reaktor Watts Bar-1, das teuerste Kernkraftwerk aller Zeiten, nach 23 Jahren Bauzeit ans Netz. Neuerdings wird der Reaktor Watts Bar-2, für den der Startschuss im Dezember 1972 fiel, wieder als im Bau befindlich gezählt. Das ist allerdings das einzige Bauprojekt in den USA.

ZEIT online: Finnland und Frankreich planen aber den Bau neuer Kernkraftwerke. Das klingt nicht nach dem Ende der Kernenergie.

Mez: Was Politiker sagen, die die Werke nicht bauen und finanzieren müssen, ist das eine. Was die Betreiber machen, das andere. Laut der Datenbank der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA sind derzeit weltweit 34 Kernkraftwerke im Bau. An elf von ihnen wird allerdings schon seit über 18 Jahren gebaut. An Atucha-2 in Argentinien wird seit 1981 gearbeitet, vier der sieben russischen Projekte wurden ebenfalls in den achtziger Jahren begonnen und sind bis heute nicht fertiggestellt. Das AKW Busheer in Iran wurde sogar 1975 begonnen. Wer da von einem Boom spricht, kennt die Bauprojekte offenbar nicht. Da sind eine Reihe Bauruinen darunter.

ZEIT online: Soll das heißen, dass die Leute, die den Boom beschwören, nicht wissen, wovon Sie reden?

Mez: Die Zahlen sprechen doch für sich: In den Jahren 1989 bis 2007 ist die Zahl der Reaktoren weltweit nicht einmal um einen Reaktor pro Jahr gestiegen, nämlich von 423 auf 439. 2002 gab es 444 Reaktoren, heute sind es sogar fünf weniger.

ZEIT online: Aber sollen nicht bald Kraftwerke fertig werden?

Mez: Die Internationale Atomenergie-Behörde (IAEA) nennt für Europa derzeit zwei Reaktorblöcke, die sich im Bau befinden. Olkiluoto-3 in Finnland gilt als das Vorzeigeprojekt, im August 2005 wurde mit dem Bau begonnen, 2009 sollte es ans Netz gehen. Bereits jetzt hat es so viele Pannen gegeben, dass mit einer Inbetriebnahme frühestens 2012 gerechnet wird. Seit Dezember 2007 wird offiziell ein weiterer Reaktor in Flamanville gebaut. Auch dieser Reaktor soll angeblich 2012 ans Netz gehen. Aber der französische Atomstrom deckt nur 18 Prozent der in Frankreich verbrauchten Endenergie ab. Da sieht man die begrenzten Möglichkeiten dieser Technik.

ZEIT online: Und die Aktivitäten in China oder Indien zählen für Sie gar nicht?

Mez: Na ja, hier wurde viel beschlossen, aber bisher wenig realisiert. In Indien sind beispielsweise 17 kleine Reaktoren in Betrieb, die 2,6 Prozent des Strombedarfs des Landes decken. Die elf Atomkraftwerke in China erzeugen derzeit 1,9 Prozent des Stroms im Land, fünf weitere sind im Bau. Was man nicht vergessen darf: Kernkraftwerke sind die teuersten Energieanlagen, die es gibt. Es gibt kaum noch eine Bank in der Welt, die diese Projekte finanziert.

ZEIT online: Die Länder, die Kernkraftwerke planen, begründen das damit, dass man mit dieser sauberen Energie die bis 2020 gesteckten Klimaschutz-Ziele erreichen will. Müssten da nicht eigentlich noch viel mehr Kernkraftwerke gebaut werden?

Mez: Im aktuellen Kampf gegen die globale Erwärmung kann die Kernkraft nicht helfen. Zum einen, weil es nur eine Halbwahrheit ist, dass Kernkraftwerke keinen Kohlendioxid-Ausstoß verursachen. Je nachdem wo das Uran abgebaut und angereichert wird, stoßen Atomkraftwerke halb so viel Kohlendioxid aus wie ein modernes Gaskraftwerk. Zum anderen kämen die Reaktoren zu spät. Heute beträgt die Lead-time, also die Zeit von der Planung bis zur kommerziellen Inbetriebnahme eines Kernkraftwerks, bis zu 17 Jahre.

ZEIT online: In Deutschland mehren sich die Stimmen, ebenfalls wieder Kernkraftwerke zu bauen. Viele tun so, als wäre das gar kein Problem.

Mez: Wenn Sie in Deutschland ein Kernkraftwerk bauen wollten, müssten sie erst mal die öffentliche Meinung umkehren. Die Mehrheit der Menschen will nämlich nach wie vor keine Atomkraftwerke. Das Atomausstiegsgesetz müsste man auch ändern. Dazu brauchten die Befürworter eine Mehrheit im Bundestag. Außerdem: Warum sollte ich mir den Stress antun, ein Kernkraftwerk zu bauen, wenn der benötigte Strom und die Wärme in Gaskraftwerken oder mit erneuerbaren Energietechnologien viel umweltfreundlicher erzeugt werden kann? Denken sie nur an die komplizierten Genehmigungsverfahren für Atomkraftwerke und an die ungeklärte Frage, was mit dem Atommüll passieren soll.

ZEIT online: In Deutschland gibt es doch viel Erfahrung. Da müsste es doch ein Leichtes sein, ein Atomkraftwerk zu bauen.

Mez: Tja, da muss man eigentlich nur nach Finnland gucken. Der Olkiluoto-3 war als Schaustück geplant, doch dann ging vieles schief. Nach 30 Monaten Bauzeit ist das Projekt bereits 24 Monate im Verzug. Und Mehrkosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro sind entstanden – die Hälfte der vereinbarten Kaufsumme. Wer soll das bezahlen? Es fehlt an Fachleuten, teilweise gibt es noch nicht mal genug qualifiziertes Personal, um die nötigen Anträge zu stellen. Auf der Baustelle müssen über 2400 unterschiedliche Firmen und Unternehmen koordiniert werden. Das ist der reine Horror.

ZEIT online: Warum bauen Unternehmen denn überhaupt Atomkernkraftwerke?

Mez: Weil ein Atomkraftwerk für den Betreiber sehr profitabel sein kann. Margen von 25 Prozent sind da keine Seltenheit. Bei den Erneuerbaren Energien liegt die Rendite gerade mal bei zehn Prozent.

Das Gespräch führte Nicola Kuhrt.