Meinung

Erschrocken

Jens Jessen antwortet auf Leserzuschriften zu seiner Videokolumne "Atmosphäre der Intoleranz"

Am Freitag um 23 Uhr 53 schrieb mir ein gewisser Charlie Brown: „Aus Anlass Ihres ebenso dummen wie hasserfülten Videokommentars zur Ausländergewalt wünsche ich Ihnen von Herzen, dass Sie bald Opfer eines Überfalls durch Ihre Lieblinge werden, Sie charakterloser Wurm!“

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Es ist sinnlos, mit Rechthaberei auf solche Wutausbrüche zu reagieren. Aber die Menge der Zuschriften hat mich doch erschrocken, die ganz augenscheinlich meinen Kommentar nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollten oder nur auf eine Gelegenheit zum Losschlagen warteten. (Lesen Sie eine Auswahl der Zuschriften und Kommentare hier.) Keineswegs habe ich, wie mir die meisten unterstellen, die an der Münchener Gewalttat beteiligten Ausländer zu rechtfertigen versucht. Die Pointe bestand ja gerade darin, dass es sich um bekannte Intensivtäter handelte, die für die Masse der hier lebenden ausländischen Jugendlichen gerade nicht repräsentativ sein können: umso fragwürdiger, dass an den Münchner Vorfall eine Ausländerdebatte geknüpft wurde.

Übrigens bin ich auch keineswegs, wie manche argwöhnten, unvertraut mit den Verhältnissen in öffentlichen Verkehrsmitteln; ich fahre stets spätabends mit der U-Bahn heim; nur dass ich freilich niemals pöbelnde ausländische Jugendliche erlebt habe. Kurzum, die Liste dessen, was mir irrtümlich unterstellt wurde, könnte länger als der Kommentar selbst werden, was ich allerdings auch als Hinweis darauf nehme, dass ich mich unklar ausgedrückt habe. Ich gebe zu, dass mich die Schlammschlacht des Wahlkampfes, die das Ausländerthema perfide instrumentalisiert, zutiefst erregt hat.

Und ich beharre allerdings darauf, dass Deutschland ein Spießer-Problem hat. Und dass in diesem Land mit unerbetenen und zudringlichen Ermahnungen, Ratschlägen, Besserwissereien und scheelen Blicken jeder Ausländer schlechte Erfahrungen macht, auch Briten, Franzosen oder Österreicher. Nachbarn in Deutschland können eine Hilfe sein, aber auch eine Zumutung. Dies kann natürlich, um es nochmals deutlich zu sagen, niemals eine Rechtfertigung von Gewalt sein, es kann aber eine Erklärung sein für einen Fonds von Gereiztheit, an dem eben nicht nur sich abschottende Ausländermilieus, sondern auch die missgünstige deutsche Mehrheitsgesellschaft ihren Anteil hat.

Wenn es überhaupt stimmt, dass es eine latente oder sogar virulente Gewaltbereitschaft unter ausländischen Jugendlichen gibt, die die ihrer deutschen Generationsgenossen übersteigt, dann lohnt es sich, die Ursachen zu verstehen; aber dieses Verstehen heißt nicht zugleich rechtfertigen.

Ob dies eine Position ist, die typisch für die 68er-Generation ist, wie einige Zuschriften meinen, weiß ich nicht; ganz einfach, weil ich dieser Generation nicht angehöre. In diesem Zusammenhang haben einige Briefe auch die bohrende Frage nach dem Lenin-Bild an der Wand meines Arbeitszimmers aufgeworfen. Offen gestanden, verbinden die meisten sogar den Verdacht damit, in mir einen finsteren Altkommunisten vor sich zu haben.

Es schmeichelt mir zwar, dass die Nutzer unserer Internetseite über die politische Bildung verfügen, Lenin auch auf einem schlechten Öldruck spontan zu identifizieren. Aber – liebe Freunde! Ich muss Sie doch enttäuschen. Lenin hängt dort nicht als Ikone, sondern als Trophäe. Das Bild stammt aus der Parteileitung der Universität Leipzig, allwo es einige tapfere Studenten in der Wendezeit geplündert haben, als sie nach Stasi-Spitzelakten suchten. Eine von ihnen hat es mir später in Anerkennung meiner publizistischen Unterstützung der Stasi-Enttarnungen geschenkt. Ich blicke mit Genugtuung auf diesen Lenin, wegen der Tapferkeit der Leipziger Studenten, aber auch deswegen, weil er jetzt bei mir hängt, also bei einem Angehörigen jener Klassen, die Lenin zu den sterbenden zählte und denen er beim Sterben ja dann auch erfolgreich geholfen hat.

Ich sage das, obwohl es wenig ritterlich ist, sich noch einmal ausdrücklich von einer Sache zu distanzieren, die ohnehin verloren hat. Indes, wer weiß. Der Kommunismus ist tot, aber der Bolschewismus, einmal ganz allgemein als Terror der Mehrheit begriffen, unabhängig davon, auf welcher Seite des politischen Spektrums er sich organisiert, scheint mir unsterblich. Wir haben nicht alle Zuschriften veröffentlicht. In einigen artikuliert sich just jener Mob, der auch schon der Oktoberrevolution zum Sieg über die Minderheit verholfen hat.

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Leser-Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Jesse,Ihre "Klarstellung", dass deutsches Spießertum keinen von ausländischen Schlägern verordneten und besorgten Krankenhausaufenthalt rechtfertigt, nimmt der Perfidie Ihres Videobeitrages leider nichts. Wenn ich Sie richtig verstehe, erscheint Ihnen das Problem deutschen Spießertums - auch in Ihrer Erklärung - nach wie vor ein schlimmerer gesellschaftlicher Tatbestand zu sein, als die Tatsache, dass wir in Deutschland eine Gesellschaft zugelassen haben, in der sich Einheimische zunehmend davor hüten müssen, ausländischen Jungendlichen im öffentlichen Raum zu begegnen.Man verzeiht einem Feuilletonchef viel, aber soviel Realitätsblindheit, wie sie sich sowohl in Ihrem Videobeitrag als auch in Ihrer Erklärung zu äussern scheint, geht wirklich zu weit. Jemand der eine so wichtige Funktion in einer liberalen Zeitung innehat, sollte die Anstrengung auf sich nehmen können, die Realität ausserhalb seiner Schreibstube ohne Vorlieben wahrzunehmen.

  2. ... man ja von Glück reden, das Ihnen kein amerikanischer GI, gar von jüdischen Eltern, ein schlechtes Portrait vom östereichischen Migranten nach der Erstürmung des Obersazberges überlassen hat.

  3. Sehen Sie, Herr Jessen: Mir geht es mit dem von Ihnen unterstellten allgegenwärtigen Spießertum genau wie Ihnen angeblich mit der Ausländerkriminalität. Ich habe es so gut wie noch nie erlebt. Die wenigen Male, wo ich von älteren Damen oder Herren Zurechtweisungen erhalten habe, kann ich an einer Hand im Laufe meiner Kindheit abzählen - und da waren diese Ermahnungen wohl auch nicht immer ungerechtfertigt.

    Noch nie habe ich dagegen erlebt, dass ältere Damen oder Herren (oder auch sonst jemand) jugendliche Ausländer ermahnt hätten. So Dumm ist heute wirklich niemand mehr. Egal ob beim nächtlichen Gegröle auf der Straße, bei der Massenrotzerei oder leichteren Sachbeschädigungen - jeder geht schnell und unauffällig an den entsprechenden Gruppen vorbei.

    Spießertum, wie Sie ihn beschreiben, kenne ich nur aus der linksintelektuell angehauchten Lehrerschaft aus meiner Schulzeit.

  4. Zeitschriften, die schreiben, was die Leser hören wollen, gibt es genug. Auch die "Zeit" ist dessen manchmal verdächtig. Aber als Mainstream-Medium kann man sie bestimmt nicht bezeichnen. Den Mob so direkt aufzuscheuchen, kann sehr lästig sein, machmal wohl auch am Ziel vorbeigehen. Aber : nicht erschrecken, weitermachen!Vielleicht wird demnächst ein Journalist vom intoleranten Mob verprügelt, weil er behauptet hat, dieser wäre gewalttätig.

    • 15.01.2008 um 13:31 Uhr
    • robrob

    Es entspricht leider auch meiner Erfahrung, dass sich in den hiesigen Foren so manch einer rumtreibt, bei dem bei Kombination der Worte "Ausländer" und "Kriminalität" die Klappe fällt - und zwar derart, dass Argumente nichts mehr zählen. Schon alleine der Hinweis darauf, dass die Behauptungen, die Koch und Co. aufgestelt haben weder durch die kriminologische Forschung noch die tagtägliche Berufserfahrung gedeckt werden, ist ausreichend, um sich heftigste Hasstiraden zuzuziehen, die ansonsten nur dem eigentlichen Hassobjekt, nämlich dem Ausländer als solchem, zugedacht sind. Selbstredend werden um Differenzierung bemühte Kommentare regelmäßig mit einem Bewertungsstern niedergemacht.
    Auch hier wird also der Sturm geerntet, den BILD und Kochs gemeinsam enfacht haben. Soo weit ist es inzwischen gekommen, dass jeder, der Kochs "Schwarz-Weiss-Ideologie" mit Tatsachen infrage stellt, als "68er" diffamiert wird und sich genötigt sieht, klarzustellen, dass er ja gar nicht verharmlosen wollte. Umgekehrt müssten sich die ganzen blinden Ausländerhasser hier mal fragen lassen, ob sie das NPD-Parteibuch eigentlich schon in der Tasche haben und wie sie eigentlich davon ausgehen können, dass ihre neofaschistischen Positionen auch nur ansatzweise der Mehrheitsmeinung entsprechen, nur weil sie hier im Forum offenbar lauter schreien können als die (leider schweigende) Mehrheit, die sich noch für eine SACHLICHE Diskussion über das Problem "Jugendgewalt" (ob mit oder ohne Ausländer) interessiert und sich über Lösungsansätze austauschen möchte.
    So, und jetzt gebt ihn mir, den einen Bewertungsstern für "schlecht", weil es Euch nicht passt, dass Euer Weltbild infrage gestellt wird!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Sehr richtig!!   Zaphod Beeblebrox

    Ich kann Ihre Erfahrungen nur bestätigen. Allerdings ist dies
    beileibe nicht nur auf die Zeit -Foren oder auf das besagte Thema
    beschränkt, man möge sich nur einmal beim Stern umsehen. Ich kann auch
    dem hierzu gehörenden Artikel des Verfassers über die Art und die Form
    der Beiträge in Internet-Foren nur beipflichten. Es regiert die
    Unsachlichkeit. Es muss für Journalisten eine ernüchternde Erfahrung
    sein, wenn sie in einem Artikel einen Sachverhalt überzeugend und gut
    recherchiert widerlegen oder bestätigen und dann erleben, wie in den
    Foren nicht etwa kontrovers diskutiert wird, sondern ein Wust aus
    persönlichen Angriffen und Haßtiraden ausbricht. Aber nicht entmutigen
    lassen: es gibt auch konstruktive Wortmeldungen. Wenn diese seltener
    sind, liegt dies sicher nur daran, dass ein empörter kleiner Rassist
    seinem Hasskrampf eher Luft macht, als jemand, der einen Artikel liest
    und sich "genau, richtig" denkt.

  5. Lieber LMueller,

    was Sie schildern, ist doch alles schon längst passiert. Eine ganze Reihe von Islamkritikern, die behauptet haben Islam bedeutet gar nicht Frieden, wurden als Reaktion umgebracht (z.B. van Gogh, Fortuyn), oder mussten Morddrohungen über sich ergehen lassen (z.B. Giordano). Über ihre Version des verprügelten linksliberalen Journalisten, die sie als Horrorvision beschreiben, können echte Gesellschaftskritiker nur müde lächeln.

  6. Unsinn. Sie verweigern die Realität. Warum? www.faz.net/s/Rub5A6DAB00...

  7. Erstaunlich! Ich hielt diesen Video-Beitrag allen ernstes für eine Provokation und nicht mehr. Ich konnte und kann mir ehrlich gesagt auch im Moment nicht vorstellen, wie jemand derlei ernst meinen kann. Zu weit jenseits ist das Gesagte von Gut und Böse... Ich würde gerne den Kommentar des Herrn Jessen hören, hätte es ich bei dem Rentner um einen Ausländer, am besten um einen Schwarzen oder einen Juden gehandelt, und die Täter wären polizeibekannte Rechte mit 20-40 Vorstrafen. Ob dort auch kulturelle Eigenheiten des Opfers als Rechtfertigung angeführt würden? Was ist mit Problemen überall auf der Welt, Herr Jessen, die Migration, egal woher und egal wohin, so mit sich bringt? Sind es in in England, in Holland, in Schweden, um mal ein paar der wohl liberalsten Länder der Welt zu nennen, auch die Spiessbürger und Rentner, die für die Probleme ursächlich sind?

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