Schweiz Die Leichtigkeit des Gehens an zwei Stöcken
Nordic Walking ist auch im Winter eine empfehlenswerte Sportart - besonders in der bezaubernden Landschaft des Engadins
Wir geben es zu: Als eingefleischte Bergsteiger und Wanderer haben auch wir schon gelächelt, wenn sich irgendwo unterwegs Nordic Walker mit einem markanten Tock-Tock ihrer Stöcke bemerkbar machten. Bis zu dem Tag, als wir selbst mit zwei solchen überraschend kurzen Stöcken der Nordic-Walking-Variante von Langlaufstöcken und unseren Trekkingschuhen zu einer Tour aufbrachen. Im Winter war das, im Engadin, einem der bekanntesten Feriengebiete der Schweiz. In der kalten Jahreszeit kommen die Kontraste zwischen den gefrorenen Seen und verschneiten Tälern und den hohen Gipfeln und weiten Hängen besonders gut zur Geltung.
Die Täler Morteratsch und Roseg sind Juwelen des Engadins: Sie liegen am Fuß seiner bekanntesten Gipfel der Palü- und Berninagruppe und verzaubern mit ihren malerischen Ausblicken, die sich dem Besucher eröffnen, wenn er aus den lichten Gebirgswäldern tritt. Wir wanderten in Begleitung von Yvonne Carisch, einer zierlichen, zähen Frau, die Interessierte in die Kunst des Nordic Walking einweist, auf verschneiten Wegen vom Dorf Pontresina nach Morteratsch.
Yvonne, die Expertin, belehrte uns und unsere Vorurteile bald eines Besseren. Das Nordic Walking wird leider oft belächelt zu Unrecht. Denn es ist ein ideales Sommer- und Ausgleichstraining für Langläufer, aber auch im Winter die perfekte Bewegungsform, und auch für Leute geeignet, die sich schon länger nicht mehr sportlich betätigt haben. Der ganze Körper wird aktiviert, die Knie- und Fußgelenke werden durch den Oberkörpereinsatz entlastet. Nordic Walking bringt jedem etwas, ob Einsteiger oder Hochleistungssportler, man kann flach oder steil gehen, das Tempo variieren, den Krafteinsatz der Arme individuell dosieren und verschiedene, auch komplizierte Schrittformen und Bewegungen einbauen.
Die richtige Haltung des Oberkörpers ist wichtig, erklärt Yvonne, die Rotation der Schultern, die Bewegung der Stöcke, das Abstoßen mit den Armen, die Koordination der Beinbewegung und das saubere Abrollen der Füße. Wir machen nach, sie korrigiert sanft, wir versuchen, in eine runde, regelmäßige Bewegung hineinzufinden. Mit Blick auf die Palügruppe laufen wir auf Morteratsch zu. Der Berg mit den drei Gipfeln und seine Trabanten leuchten mit ihren schneeweißen, verschneiten Gletschern und Hängen im Winterlicht.
Eine gute Stunde später spüren wir, wie gut die Bewegung läuft: Hinten ausholen, nicht zu schnelle, gut greifende Schritte, alles wird federnd, eine runde, fließende Harmonie, und wir spüren die Leichtigkeit des Gehens an diesem Tag voller Licht und Raum. So soll es sein. Beim Rückweg auf einem Höhenweg auf der der Sonne stark ausgesetzten Seite des Tals ist der Frühling trotz des Schnees schon zu spüren: Der warme Duft der Lärchen begleitet uns zurück ins Dorf und auf die Sonnenterrasse, wo wir uns zufrieden mit einem Stück Kuchen niederlassen.
Am nächsten Morgen ist es ist empfindlich kühl, als wir auf unserer zweiten Tour von Pontresina durch den noch im Schatten liegenden, engen Taleingang des Val Roseg gehen. Zu unserer eigenen Überraschung haben wir am Vortag einige offenbar brach liegende Muskelgruppen aktiviert (so ganz ohne ist Nordic Walking also doch nicht!), jetzt ächzen und murren sie etwas, bevor sie wieder schön aufgewärmt sind. Wir kommen zügig voran, und der kräftige Stockeinsatz, der beim Tempomachen hilft, macht richtig Spaß. Yvonne hat recht gehabt: Richtiges Nordic Walking ist nicht Gehen mit Stöcken, sondern eine eigene Disziplin, die eine seriöse Einführung aber keine Vorkenntnisse oder besondere sportliche Begabung voraussetzt.
Auf knapp 2000 Metern Höhe öffnet sich das Val Roseg. Die Gipfel von Scerscen, Roseg, Dschimels, La Sella, Glüschaint und wie sie alle heißen, gleißen im strahlenden Sonnenschein der Talabschluss des Roseg begeistert immer wieder von Neuem. Und so gehen wir noch ein Stück weiter, beschwingt, der Schnee knirscht unter den Füßen, der Atem fließt, der ganze Körper ist in Bewegung. Dann legen wir unsere Stöcke zur Seite, setzen uns auf einen schneefreien Fleck und vergessen für einen langen Augenblick die Welt um uns herum.
INFORMATION
Anreise:
Das Engadin kann von Deutschland aus mit dem Pkw auf gut ausgebauten Alpenstraßen erreicht werden: Zürich Pontresina 200 km, 3 Std. (über Chur, Julierpass und St. Moritz); Basel Pontresina 290 km, 4 Std. (über Zürich, Chur, Julierpass und St. Moritz), München Pontresina 360 km, 4 Std. (über Bregenz, Chur, Julierpass und St. Moritz).
Mit dem Zug ins Engadin: (von Hamburg 10 bis 12 Stunden Fahrt über Zürich, Chur, Samedan). Siehe
www.sbb.ch
Allgemeines:
Tourismusorganisation Engadin St. Moritz, Via Serlas 23, CH-7500 St. Moritz, Tel. 0041/818300800,
info@estm.ch
,
www.engadin.stmoritz.ch
.
Engadin St. Moritz, St. Moritz Tourist Information, Via Maistra 12, CH-7500 St. Moritz, Tel. 0041/818373333,
stmoritz@estm.ch
,
www.stmoritz.ch
.
Übernachtung:
Pontresina bietet Übernachtungsmöglichkeiten in allen Kategorien, vom Fünfsternehotel bis zur einfachen Pension (siehe
www.engadin.stmoritz.ch
, Pontresina). Drei Tipps:
Hotel Saratz: In Pontresina selbst, kürzlich als zweitbestes Ferienhotel der Schweiz ausgezeichnet, 1865 aus einem Engadiner Bauernhaus zur Pension Saratz ausgebaut, in der Belle Époque zum First-Class-Hotel erweitert und vor wenigen Jahren sehr gekonnt renoviert und durch einen Neubau ergänzt. Tel. 0041/81 839 40 00,
www.saratz.ch
.
Landhotel Meierei: Das sehr ruhig gelegene Landhotel Meierei in St. Moritz (vom Hotel eine Viertelstunde Autofahrt nach Pontresina) bietet Nordic-Walking-Pakete an (geführtes Nordic Walking, Stöcke, drei Übernachtungen mit Halbpension usw.); das Hotel liegt an Winterwanderwegen, die sich perfekt für Nordic Walking eignen; Tel. 0041/81 833 20 60,
www.hotel-meierei.ch
.
Hotel Laudinella: Das Kulturhotel Laudinella in St. Moritz (vom Hotel eine Viertelstunde Autofahrt nach Pontresina) feierte 2007 sein 50-jähriges Bestehen und wartet mit einem besonders vielfältigen Kultur- und Kursprogramm auf. Im Winter bietet der ausgezeichnet geführte, gut gelegene und dynamische Betrieb auch sportlichen Gästen einiges: Hotelgäste können sich direkt an der Rezeption für diverse Touren anmelden. Hotel Laudinella, 7500 St. Moritz, Tel. 081 836 00 00,
info@laudinella.ch
,
www.laudinella.ch
.
Nordic-Walking-Touren: En Moviment, Yvonne Carisch und Susanne Schiesser, Tolais, CH-7504 Pontresina, Tel. 0041/81 834 57 52, flyingcycles@bluewin.ch , www.flyingcycles.ch .
Nordic Camps: Das Langlaufzentrum Pontresina organisiert Nordic Camps an den 3, 4 oder 7 Tage dauernden Kursen kann jeweils für den nächsten Tag eine Sportart gewählt werden (Langlauf, Skating oder klassisch, Schneeschuhtour oder Nordic Walking). Das Langlaufzentrum bietet zudem auch geführte Schneeschuh-Schnupper- oder Tagestouren an. Langlaufzentrum beim Bahnhof, CH-7504 Pontresina, Tel. 0041/81 842 68 44.
Ausrüstung:
Stöcke: Nordic-Walking-Stöcke gleichen Langlaufstöcken, werden aber deutlich kürzer gewählt; um die komplexe Bewegung richtig auszuführen, sind perfekt angepasste Stöcke sehr wichtig! Die Anbieter vermieten und verkaufen geeignete Stöcke.
Bekleidung: Schichtenprinzip, wie beim Langlaufen oder Joggen im Winter.
Schuhe: Für das Nordic Walking gibt es eigene Schuhmodelle; geeignet sind aber auch stabile niedrige Trekking- oder Trailschuhe, die gut abrollen.
- Datum 08.12.2008 - 11:39 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 16.01.2008
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Liebe Zeit - Leser! So schön die Natur im Engadin auch sein mag, Sie ist es auch ohne Nordic Walking! Denn das Gehen mit Stöcken ( Nordic Walking ) wird leider romantisch verklärt, wenn behauptet wird, daß der Stockeinsatz die Gelenke entlastet! Das Gegenteil ist der Fall, wie in allen wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde. Auch der raumgreifenden ( lange ) Schritt beim Nordic Walking führt zu verstärkten Absenkung des Körperschwerpunktes, welches aus biomechanischer Sicht ungünstig ist!Sicherlich ist Nordic Walking besser, als zu Hause ( vor dem Fernseher ) zu sitzen, aber es geht bei Weitem besser und effektiver. Skilanglauf, Wandern etc. sind besonders geeignet, die "müden Knochen" schonend und sinnvoll zu aktivieren. Und das Engadin wirkt auch für sich allein...
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