Kenia Im Park der Flüchtlinge

Seit Beginn der Unruhen in Kenia sind 255.000 Menschen geflohen. Im Jamhuripark, Nairobis größtem Flüchtlingscamp, versuchen Hilfsorganisationen die Grundversorgung der Flüchtlinge zu gewährleisten. Deren Rückkehr bleibt ungewiss

Nairobi. Die Schatten erwachen zum Leben. Weiße Jeeps mit rotem Kreuz und rotem Halbmond fahren durch das knallgelbe Eingangstor auf den Sportplatz. Die Sonne steht senkrecht und brennt erbarmungslos. Der Rasen ist ausgeblichen, zertrampelt von den bloßen Füßen Tausender, die seit zwei Wochen Zuflucht suchen auf dem Gelände des Jamhuriparks im Westen Nairobis, vor den Toren Kiberas, dem größten Slum Ostafrikas. Regungslos verharren einige Männer im Schutze der Zuschauertribüne. Auf dem Platz zerren Hilfsarbeiter vom Roten Kreuz prallgefüllte Säcke von der Ladefläche, entleeren die Kleidungsspenden auf wachsende Haufen. Ein kleiner Raum am Rande der Arena dient als Kirche, aus Fenstern und Türen schallt laute, fröhliche Musik.

Mit langsamen Schritten tritt Elizabeth Kuto auf die Baracken zu, die seit einigen Tagen von der Regierung zur Verfügung gestellt werden. In den Händen hält sie ihr Hab und Gut, einen lilafarbenen Eimer, in dem eine dunkelblaue, raue Wolldecke zu sehen ist, und eine weiße Tüte mit Kleidung, zwei Plastikschüsseln, Kleinigkeiten, Überreste. "In Eldoret hatte ich ein Geschäft. Als ich aus meinem Dorf zurückkehrte, war es niedergebrannt", sagt die 57-Jährige. Sie suchte Hilfe in der Gemeindekirche, doch der Pastor sagte, in Nairobi könne man sie besser behandeln. Die Augäpfel liegen tief in ihren Höhlen, das braune Tuch hat sie sich eng um die dünnen Schultern gewickelt. Bis es ihr besser geht, will sie in dem Camp bleiben. Einen Schlafplatz sucht sie in den länglichen Gebäuden, auf den Steinplatten, irgendwo zwischen den spärlichen Gegenständen fremder Menschen.

Die Verteilung der Hilfsgüter ist interessanter als die Sonntagspredigt. Aus allen Richtungen strömen die Menschen herbei und zeichnen schlangenförmige, dichte Reihen auf das Feld. Wahllos greifen die Helfer mit den roten Westen in die bunten Klamottenberge. Eine junge Mutter inspiziert ihre Ausbeute, hält sich lachend die XXL-Version einer britischen Golfhose an die Taille, eine andere prüft kritisch den Sitz ihres neuen BHs über dem blauen T-Shirt. Kinder stürmen heran, als ein Mitarbeiter Stofftiere und Spielzeug aus einer braunen Papptüte hervorholt. Viel zu wenige für die 620 registrierten Kinder, die sich bis Sonntag auf Nairobis größtem Flüchtlingscamp eingefunden haben. An Disziplin ist nicht zu denken. Mit einem abgeschnittenen Gartenschlauch verscheucht ein Regierungssoldat den aufgeregten Jugendmob.

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Der Park ist Unterschlupf für jene, die keine Wahl mehr haben. Unruhen, Plünderungen, ethnisch motivierte Übergriffe haben seit den umstrittenen Präsidentschaftswahlen am 27. Dezember 2007 zu chaotischen Zuständen in vielen Regionen Kenias geführt. Besonders betroffen sind die Kikuyu vom Stamm des wiedergewählten Präsidenten Mwai Kibaki. Stammeskonflikte schienen das Land zu spalten. Massenhaft flohen Menschen aus den westlichen Provinzen des Landes und aus dem Rift Valley, den Hochburgen der Oppositionspartei Orange Democratic Movement Raila Odingas, der selbst ein Luo ist und sich "Präsident des Volkes" nennt.

Tiefe Gräben offenbaren sich in der kenianischen Gesellschaft, historische Ungerechtigkeiten, Fragen von Besitz und Abhängigkeit, die seit der Verkündung der Wahlergebnisse am 30. Dezember ein Ventil fanden und vielerorts in blinde Gewalt und Zerstörungswut umgeschlagen sind. Längst hat sich der politische Streit zwischen Kibaki und Odinga, zwischen Machtelite und Opposition, zu einem Kampf zwischen Arm und Reich entwickelt.

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