Es ist doch nur Fußball! – so scheint es auf den ersten Blick. Doch was der sächsische Innenminister Albrecht Buttolo (CDU) im Rahmen eines Sicherheitspakets gegen die erschreckende Gewaltbereitschaft der Fans im Freistaat ankündigte, entwickelt bei genauem Hinsehen gehörige Sprengkraft. Die Hooligans in Sachsen – die Landespolizei schätzt die Zahl der notorischen Straftäter auf 500 – sollen künftig mit Hilfe einer „fliegenden Kamera“ (Buttolo) im Zaum gehalten werden.

Weil es den Einsatzkräften während der Spiele in der vierten und fünften Liga kaum mehr möglich sei, Beweise für eine spätere Strafverfolgung zu sichern, soll diese Aufgabe nun von einem unbemannten Fluggerät übernommen werden, einer sogenannten Drohne. Mit Spezialkameras soll sie Gewalttäter aus der Höhe filmen und die Bilder über eine Funkstrecke direkt zur Auswertung an Polizeibeamte und Staatsanwälte schicken.

Dass solche Flugkörper ein militärisches Mittel sind, dass sie bislang nur auf den Gefechtsfeldern im Kosovo und Irak eingesetzt wurden, weckt zunächst höchstens ein diffuses Unbehagen. Immerhin dient ihre künftige Nutzung im zivilen Bereich ja einem guten Zweck – dem Kampf gegen sinnlose Gewalt.

Doch warum sollte eine Landespolizei, wenn sie erst einmal entsprechende Technik zur Verfügung hat, sich auf die Überwachung von einigen Fußballspielen im Jahr beschränken? Thomas Große, der Pressesprecher des sächsischen Innenministeriums, bestätigt gegenüber ZEIT online, dass die Drohne „bei jeglichen Ausschreitungen im Freistaat Sachsen“ eingesetzt werden soll. Sein Stellvertreter Lothar Hofner ergänzt: „Sie dient der Strafverfolgung allgemein.“

Was diese Worte für die Zukunft bedeuten können, ist in Paragraf 38 des sächsischen Polizeigesetzes nachzulesen. Sinngemäß steht dort, dass die Behörden bei öffentlichen Veranstaltungen und Demonstrationen Foto- und Videomaterial sammeln dürfen, wenn „Tatsachen die Annahme rechtfertigen“, dass dort Straftaten begangen werden oder „sonstige erhebliche Gefahren für die öffentliche Sicherheit“ drohen. Eine Klausel, die auf marschierende Neonazis ebenso anwendbar ist wie auf linke Gegendemonstranten.

Wer nur ein paar Minuten mit den Satellitenbildern von Google Earth oder Microsoft Virtual Earth gespielt hat, kann sich ausmalen, welch mächtiges Werkzeug die Einsatzkräfte mit der Drohne in die Hand bekämen: Man multipliziere die Detailschärfe solcher Bilder um ein Vielfaches – nämlich so, dass sich die Gesichter einzelner Personen mühelos erkennen lassen – und stelle sich vor, dass hier nicht statische Fotos betrachtet werden, sondern ein Video des aktuellen Geschehens. Mit einem Wippen des kleinen Fingers kann der Beobachter weiterfliegen, einzelne Gruppen anvisieren oder die Ereignisse in der Totalen betrachten, ohne sich selbst zu bewegen. Die so Beobachteten bemerken von all dem nichts.

Das klingt wie Science-Fiction, doch entsprechende Technik ist längst verfügbar. „Es gibt eine Vielzahl solcher Geräte, auch für den zivilen Markt“, sagt Oliver Meister, der an der Karlsruher Universität sogenannte Unmanned Aerial Vehicles (UAV) entwickelt. Die Flugmaschinen können auch aus Höhen von 3000 Metern noch scharfe Aufnahmen von menschlichen Gesichtern machen, sind innerhalb weniger Minuten einsatzbereit und können wie Helikopter in alle Richtungen manövrieren.

„Einige Geräte, mit denen wir arbeiten, sind schon in 50 Metern Entfernung kaum noch zu hören“, sagt Oliver Meister. Eine entsprechende Flughöhe und das Getümmel einer emotional aufgeladenen Demonstration vorausgesetzt, bedeutet dies, dass die Drohnen die unerkannte Beobachtung von großen Menschenansammlungen möglich machen.

„Diese Art der verdeckten Datenerhebung ist nach dem geltenden Versammlungsrecht illegal“, sagt der Rechtsanwalt Fredrik Roggan, der im Vorstand der Humanistischen Union (eine Bürgerrechtsorganisation) sitzt.

Das ist aus gutem Grund so: Im Normalfall können Demonstrierende, die ein Überwachungsfahrzeug der Polizei oder die bislang eingesetzten Helikopter bemerken, frei entscheiden, ob sie sich dieser Maßnahme aussetzen wollen – indem sie den Ort des Geschehens verlassen, oder eben bleiben. Müssten sie dagegen mit einer dauerhaften versteckten Observation rechnen, wäre die Versammlungsfreiheit und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung kaum noch gegeben.

Auch Karen Ullmann vom Republikanischen Anwaltsverein (RAV) sieht die Pläne des sächsischen Innenministers kritisch. Die Frage sei jedoch, ob bestehende Gesetze die neuen technischen Möglichkeiten überhaupt erfassen können: „Die Diskussion ist dann vor allem eine gesellschaftspolitische.“

Trotz dieser Bedenken will das Ministerium in Dresden die Drohne – als „ergänzende Beweissicherungstechnik“, wie es Pressesprecher Thomas Große ausdrückt. Die unbemannte Technik biete einfach mehr Möglichkeiten. Und abgesehen von den einmaligen Anschaffungskosten (vorgesehen sind 65.000 Euro) dürfte sie auf Dauer auch billiger sein als der Einsatz von Helikoptern.

Offen bleibt aber die Frage, auf wen die Kameras der Drohne gerichtet werden sollen. Das von Innenminister Albrecht Buttolo vorgestellte Sicherheitskonzept sieht nämlich vor, polizeibekannte Straftäter künftig mit „konsequenten Stadionverboten“ und Meldeauflagen von den Spielbegegnungen fernzuhalten. Will Buttolo womöglich doch die Landespolizei mit dem Verweis auf die grassierende Fangewalt aufrüsten?

Die Polizei-Einsätze rund um den G8-Gipfel zeigen, dass solche spektakulären Fälle durchaus ein Anlass für die schleichende Erweiterung der Kompetenzen von Ermittlungsbehörden sein können. Auch als während der WM 2006 Awacs-Aufklärer über Deutschland kreisten, ging es zunächst nur um Fußball. Ein knappes Jahr später überflogen Tornado-Jets der Bundeswehr die Zeltlager von G8-Gegnern, um mit ihren hochauflösenden Kameras Hinweise auf mögliche Straftaten zu suchen.