Wim Wenders "Man muss weiter zitieren dürfen"

Filmregisseur Wim Wenders über die Zukunft des digitalen Kinos und die elektronische Vervielfältigung von Bildern. Ein Interview

Es hat etwas gedauert: 34 Jahre, nachdem Wim Wenders seinen Film Alice in den Städten gedreht hat, läuft dieser nun erstmals in Großbritannien. Gleichzeitig widmet das Britische Filminstitut (BFI) dem großen deutschen Regisseur eine umfassende Retrospektive. "Über diesen Film zu sprechen fällt mir leichter als über andere Jugendsünden", sagt Wenders, "obwohl es schon mein vierter war, war ich mir vorher nicht sicher, ob ich wirklich Regisseur werden würde. Erst danach habe ich auf Hotelformularen unter Beruf dann auch stolz 'Regisseur' eingetragen."

Gerade hat er einen Film mit Campino von den "Toten Hosen" in der Hauptrolle abgedreht. Mit dem Schnitt hat Wenders gerade erst begonnen und will nicht über "ungelegte Eier reden. Als nächster Spielfilm steht entweder ein Projekt an, das in Deutschland spielt, geschrieben von Peter Handke", oder ein Streifen über Tokio. Und zwischendurch könnte es noch einen neuen Dokumentarfilm geben. ZEIT online sprach mit Wim Wenders in London über die digitale Zukunft des Kinos und die Renaissance des deutschen Films.

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Herr Wenders, Kino war eines der großen Medien des 20. Jahrhunderts. Ist es auch eines des 21. Jahrhunderts?

Ich glaube, sogar mehr denn je. Das Bild hat im 20. Jahrhundert in vielerlei Hinsicht das Wort übertrumpft, und das 21. Jahrhundert ist die Zeit der Bildersprache.

Ist denn noch Platz für die großen Bilder, für die Sie berühmt sind?

Die Menschheit hat Bilder gemacht, solang man sich erinnern kann, große und kleine, und wird auch weiter Bilder brauchen. Eher besteht die Gefahr, dass die Menschheit der Vielzahl der Bilder überdrüssig wird, und dem Überfluss ein bisschen anheim fällt.

Dass das Kino stirbt, sagt man schon lange, und es ist immer noch recht lebendig. Besteht aber nicht die Gefahr, dass in der digitalen Welt das Kinoerlebnis verloren geht, und man alles auf vier Zentimeter Diagonale sieht, wo dann alles gleich aussieht?

Ich bin da ganz optimistisch. Ich denke, dass das Kino einige Stürme überlebt hat, und einige große Revolutionen "vom Stummfilm zum Ton, zur Farbe, zum Stereo. Es wird auch die noch größere Revolution überleben zum digitalen Kino. Es hat noch nicht richtig seine neuen Abspielstätten gefunden, noch ist das Kino ein ganz altertümlicher Ort, wo irgendwelche vorsintflutlichen Filmkopien hingeschleppt werden, die eigentlich längst nicht mehr gebraucht werden, aber das Vertriebssystem hält sich noch. Und das digitale Kino, das es von der Produktion her schon längst gibt, hat seine Endstufe in der digitalen Produktion noch nicht gefunden. Aber das ist eine Frage der Zeit - dann werden sich diese Abspielstätten ernorm ändern. Ich glaube, es wird hier auch neue Kanäle geben.

Hinsichtlich der Begeisterung, sich Filme auf dem Handy anzugucken, kann man getrost abwarten, dass das abebbt. Es gibt ja schon viele Sachen, die man sich auf kleinen Bildschirmen angucken kann. Jeder sieht beispielsweise Filme im Flugzeug. Man kann ja schon gar nicht mehr anders, es sei denn, man zieht sich die Augenbinde an, sonst muss man ja Filme gucken. Aber das Erlebnis einer großen Leinwand, das gemeinsam mit anderen zu sehen, das ist schwer zu übertreffen, auch als soziales Erlebnis. Und ich glaube, das wird auch im 21. Jahrhundert wiederentdeckt und wiederbelebt werden.

Bedeutet das digitale Kino für Sie vor allem eine neue Abspielstation, oder können Internet und Multimedia auch neue Kunstformen hervorbringen? Beschäftigen Sie sich damit?

Ich bin daran sehr interessiert, ich habe schon Anfang der 1990er Jahre mit digitalen Mitteln gearbeitet. Vieles von dem, was möglich wäre, läuft heute noch unter dem Kunstsektor, was irgendwo schon nah am narrativen Kino dran ist, aber im Moment eben nur in Galerien und als Installationen vorgeführt wird. Da sind natürlich die Möglichkeiten, dass sich das auf eine andere Art verbindet und dass dabei ganz neue Formen herauskommen, riesengroß. Ich kann mir schon vorstellen, dass man im IMAX-Kino in zehn Jahren auch etwas sieht, das interaktive Elemente hat, oder dass Sachen, die derzeit nur in Museen laufen, ihren Weg auch in die Kinos finden. Es ist ja hochinteressant, was gerade in der Videokunst von Leuten vorgedacht wird, was vielleicht irgendwann im kommerziellen Kino seinen Platz findet. Das war ja oft so. In vielerlei Hinsicht hat die Kunst der Videoclips die Spielfilmlandschaft innovativ bereichert.

Bedeutet es, dass der Kurzfilm - die Form, mit der Sie angefangen haben - eine neue Chance bekommt?

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 15.01.2008 um 0:30 Uhr

    dass dieses interview niemand kommentiert, kommt nicht von ungefähr. es enthält keine neuigkeiten. aber wirklich null. nada, niente. erstaunlich, wie gut es der filmindustrie geht. dass sie mal wieder etwas neues, erstaunliches machen sollte? nein. alles okay. alles ist übergang aha. man muss nur glauben an was auch immer. die filmgeschichte ist voll von was auch immer. da stört es auch nicht weiter, noch den schlechtesten kommerziellen kalküldrecksfilm aller zeiten, nämlich 'der untergang' zu erwähnen. spätestens dann, weiss man, im übergang ist man bei youtube besser aufgehoben.  

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