"Tauga", das ist eine Zahl auf Polynesisch. Genauer gesagt: Eine Zahl in der polynesischen Sprache Mangareva. Sie bedeutet zwei. Oder vier. Oder acht. Je nachdem, ob gerade Zuckerrohr, Brotfrüchte oder Kraken gezählt werden. Solch ein “objektbezogenes“ Zahlsystem, in denen die Zahlen nicht unabhängig sind von den Gegenständen, auf die sie sich beziehen, mutet für uns im modernen Europa merkwürdig an. Wir zählen abstrakt: Eins, zwei, drei – bis unendlich: Die gleichen Zählwörter für alles. Bisher glaubten Sprachforscher, dass dies ein Zeichen fortgeschrittener kultureller Evolution sei. Man war sich sicher: Abstrakte Zählweisen entstehen stets aus den konkreten, objektbezogenen, während sich die Völker immer weiter entwickelten.

Doch so simpel scheint es nicht zu sein. Ein Forscherteam um die Freiburger Ethnologin Andrea Bender untersuchte mehrere alte Sprachen aus dem Pazifikraum, und stellte dabei fest: Objektbezogene Zahlsysteme können auch auf abstrakte folgen – und zwar weil sie praktischer sind. Dabei kann die Bedeutung der Zahlwörter unerwartet komplex werden. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Forscher nun im Wissenschaftsmagazin Science .

Vier Sprachen aus dem polynesischen Raum hatten sich die Wissenschaftler vorgenommen. Alle stammen vom Proto-Ozeanischen ab, das vermutlich vor mehreren tausend Jahren auf vielen pazifischen Inseln gesprochen wurde. Das Interessante daran: Die Ursprache besaß zwar bereits eine entwickelte, abstrakte Zählweise, ähnlich unserem Dezimalsystem. Doch während das Proto-Ozeanische verschwand, entstanden in den daraus hervorgehenden Sprachen völlig unterschiedliche numerische Begrifflichkeiten.

Im Raum des heutigen Papua-Neuguinea hatte man von der komplizierten Zählerei offenbar genug: In den Sprachen Takia und Adzera gibt es nur noch die Zahlen von eins bis fünf. Das machte die Sprache zwar nicht besonders intellektuell, aber immerhin effizient. "In Papua-Neuguinea gab es keinen Bedarf für umfassende Zahlsysteme, da im Alltag kaum Zahlen vorkamen", sagt Science -Autorin Andrea Bender. Einfachheit war darum Trumpf, das zeigen auch die Zahlworte selbst: In Takia steht das Wort "kafe-n" gleichzeitig für die “fünf“ und “Daumen“. Denn gezählt wurde mit den Fingern. Das reichte aus.

In den beiden anderen Folgesprachen des Proto-Ozeanischen geschah das Gegenteil: Die Zahlsysteme wurden ausgebaut. So entstanden in Fidschi etwa mehrere Worte für einhundert – je nachdem, ob Kanus oder Kokosnüsse gezählt wurden. Und auf Mangareva, einer Vulkaninselgruppe im heutigen Französisch-Polynesien, entwickelte sich ein äußerst komplexes System: Zahlworte konnten verschiedene Bedeutungen haben – je nachdem, was gezählt wurde: Brotfrucht und Zuckerrohr, reife Brotfrucht und Kraken oder die ersten Brotfrüchte und Kraken der Saison.

Die Zahlen konnten nicht nur für unterschiedliche Mengen stehen. Je nach Warenkategorie waren die Schritte, in denen gezählt wurde, auch unterschiedlich groß. Zuckerrohr etwa wurde in Paaren gezählt, die ersten Kraken der Saison hingegen in Achter-Gruppen zusammengefasst – so wie man Güter heute als abgepackte Kartons oder gleich als ganze Warenpaletten verbucht.