Montagskolumne Ein besonderes Paar
Diese Woche wandert der Blick nach Frankreich. Aber aus anderen Gründen als den sattsam bekannten.
Keine Sorge, liebe Leserinnen und Leser, ich will hier nicht den x-ten Beitrag zu Nicolas und Carla liefern. Mir geht es vielmehr um Angela und Nicolas, um Kanzlerin und Präsident und um die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen. Denn in einem sich schnell und radikal verändernden internationalen Umfeld hat beiderseits des Rheins eine neue Generation die Schalthebel der Regierungsmacht übernommen. Damit wird ein neues Kapitel im Buch der deutsch-französischen Beziehungen begonnen.
Na und? So werden sich manche Leser jetzt fragen? Trägt denn das deutsch-französische Verhältnis in einer Union mit 27 Mitgliedstaaten überhaupt noch eine große Bedeutung? Die Antwort ist ein eindeutiges Ja.
Denn nach wie vor gilt in der Europäischen Union der unveränderte Grundsatz, dass, wenn Deutschland und Frankreich sich einig sind und zugleich die anderen Mitgliedstaaten nicht ausschließen, auch in der erweiterten Union fast alles möglich ist. Wenn sich hingegen diese beiden großen Gründerstaaten nicht einigen, dann geht in Europa so gut wie nichts voran.
Auch die erweiterte Union bleibt im Kern auf die Überwindung des deutsch-französischen Widerspruchs aufgebaut, der das späte 19. Jahrhundert und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts auf so fatale Weise geprägt hat.
Die politische Kultur und die Mentalitäten der Deutschen und Franzosen könnten unterschiedlicher nicht sein, und sie beeinflussen das Verhältnis dieser Nachbarn bis auf den heutigen Tag.
Frankreich glaubt nach wie vor an seinen kulturell-politischen Exzeptionalismus. Der Gedanke an eine historische Mission der Deutschen hingegen hat sich gründlich desavouiert. Frankreich sieht sich bis heute als eine Macht mit globalem Anspruch, während Deutschland nach wie vor große Schwierigkeiten hat, sich selbst überhaupt als Macht zu sehen und zu definieren. Die Franzosen sind geborene Zentralisten und leben in einer Art Wahlmonarchie, die Deutschen hingegen sind geborene Föderalisten, die auf ihre Kurfürsten in den Ländern nicht verzichten wollen und nahezu jeder Zentralisierung misstrauen.
All diese Unterschiede haben das deutsch-französische Verhältnis schon immer bestimmt. Und auch die Tatsache, dass sich das Personal in den Regierungs- und Staatsspitzen bisweilen so zugetan ist wie Hund und Katze im wirklichen Leben, ist alles andere als eine Neuheit. Die französische Latinität und der deutsche Protestantismus haben eben recht unterschiedliche politische Kulturen hervorgebracht.
Betrachtet man nun aber den Beginn jenes in den vergangenen Monaten aufgeschlagenen Kapitels der deutsch-französischen Beziehungen, so gestaltete er sich durchaus ansprechend, denn trotz aller medialer Aufgeregtheiten um persönliche Extravaganzen und Stilunterschiede haben Deutschland und Frankreich in der Frage des Reformvertrags der EU erfolgreich zusammengearbeitet.
Die Haltung Frankreichs gegenüber den neuen Mitgliedstaaten in der EU ist wesentlich offener und freundlicher geworden, was die innere Integration der EU befördern wird. Der Regierungswechsel in Polen eröffnet überdies eine neue Chance auch für das sogenannte „Weimarer Dreieck“ (Paris-Warschau-Berlin) sowie für eine effizientere gemeinsame Russlandpolitik der EU.
Da sollte man meinen, dass aufgrund der von Präsident Sarkozy vorgenommenen Korrektur der französischen Nahost- und Amerikapolitik der Zuwachs an deutsch-französischer Gemeinsamkeit die Handlungsfähigkeit der EU im Nahen Osten stärken müsste.
Leider lässt sich dies bis heute nicht feststellen.
Stattdessen ziehen am deutsch-französischen Horizont Wolken auf, die nicht ignoriert werden sollten, weil sich daraus für Europa ernste Probleme ergeben könnten. Einerseits sind dies Konflikte, die sich aus mangelnder Abstimmung und einem Hang zu Alleingängen ergeben, wie etwa die Idee der „Mittelmeerunion“.
Ein paralleles Unternehmen zum EU-internen „Barcelonaprozess“ würde den Zusammenhalt der Union in dieser strategisch wichtigen Region gefährden, die europäische Politik daher schwächen und auch unnötigerweise die Frage der Finanzsolidarität innerhalb der EU aufwerfen. Andererseits hätte der daniederliegende „Barcelonaprozess“ innerhalb der EU tatsächlich einen Energieschub und neue Ideen dringend nötig.
Derlei Reibereien werden sich vermutlich mit der Zeit wohl abfedern lassen. Zunehmend aber werden die Konturen tieferer Widersprüche sichtbar, die Anlass zu ernsterer Sorge geben, sollten sich beide Seiten nicht darum kümmern.
Zwar hat Präsident Sarkozy die traditionelle Politik Frankreichs gegenüber den USA und der Nato revidiert, aber in der Wirtschafts- und Industriepolitik betreibt er eine Renationalisierung. Die französische Wirtschaftspolitik – und nicht nur sie – zielt darauf, nicht europäische Champions zu schaffen, sondern nationale.
Das wird erstens zu einer Blockade der dringend nötigen weiteren Integration des Binnenmarktes führen, da andere Regierungen diesem Beispiel nolens volens folgen werden. Wirtschaftliche Integration beruht auf Gegenseitigkeit.
Und zweitens wird eine wirtschaftliche Renationalisierung zu Lasten der europäischen Wettbewerbsfähigkeit in strategischen Bereichen gehen, weil die Rivalität im Binnenmarkt zunehmen und der Aufbau europäischer Unternehmen nicht wirklich vorankommen wird.
Frankreich hat die Anpassung seiner Volkswirtschaft und Sozialsysteme an die neue Wirklichkeit der Globalisierung und einer immer älter werdenden Gesellschaft in den vergangenen Jahren nur unzureichend vorgenommen. Das hat negative Auswirkungen auf die öffentliche Verschuldung, auf den Außenhandel und auf Frankreichs Haltung gegenüber der europäischen Währungsunion.
Ausgehend von den USA kommt gegenwärtig auf die Weltwirtschaft und auch auf Europa ein finanzpolitischer Sturm zu, von dem man noch nicht weiß, ob er sich zu einem weltwirtschaftlichen Orkan entwickeln wird. Das kann den Euro und den Zusammenhalt der Eurozone zum ersten Mal einem wirklichen Härtetest unterziehen.
Die Hoffnung von Nicolas Sarkozy, dem inneren Reformdruck partiell dadurch entgehen zu können, indem er die strikten geldpolitischen Regeln und Ziele der Europäischen Zentralbank aufzuweichen versucht, muss aber unweigerlich in einen ernsten Konflikt mit Deutschland führen. Denn keine deutsche Regierung kann dies jemals akzeptieren. In dem sich entwickelnden negativen weltwirtschaftlichen Umfeld können solche Vorschläge noch sehr viel mehr an europapolitischer Brisanz entwickeln.
Andererseits bietet die Präsidentschaft Sarkozys eine große Chance, den traditionellen Widerspruch zwischen Nato und EU zu überwinden, bis hin zur Rückkehr Frankreichs in die militärische Integration der Nato. Damit würde die Blockade der europäischen Sicherheitspolitik aufgebrochen.
Deutschland muss sich hier fragen – zumal es eine stärkere und international handlungsfähigere EU will –, ob es jetzt nicht an der Zeit ist, die Vorschläge der kommenden französischen EU-Präsidentschaft zu einer Verstärkung der gemeinsamen europäischen Sicherheitspolitik massiv zu unterstützen. Dies hieße aber auch ein Mehr an deutschen Investitionen in Sicherheit und eine verstärktes Engagement Deutschlands, gemeinsam mit seinen Partnern, im internationalen Krisenmanagement.
Das deutsch-französische Paar kann jetzt europäische Führung zeigen, wenn es sich in der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik und in der europäischen Sicherheitspolitik auf eine gemeinsame Politik einigen würde, die andere mitnimmt und nicht ausschließt. Dann könnte Europa nach dem Reformvertrag einen weiteren großen Schritt nach vorne machen, und zwar in zunehmend schwierigen Zeiten.
Mit
Joschka Fischers Montagskolumne
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- Datum 21.01.2008 - 11:37 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 21.1.2008
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wenn man weiss, wer der Autor ist.
Was hier aufs trefflichste beschrieben wird, ist nicht etwa das Verhältnis zweier Staaten zueinander, sondern "nur" das "Miteinander" der herrschenden Kasten in diesen Staaten. Selbstredend wird es nicht gerne gesehen, wenn sich Menschen direkt verstehen, aber das ist die wahre Politik, nämlich wie (als exemplarisches Beispiel) sich Deutsche und Franzosen miteinander verstehen.
Komischerweise findet sich in dem Gedankenwerk darüber höchstens die eine oder andere Randnotiz, weil man wohl auch als "Ehemaliger" gerne übersieht, dass man vielleicht ein Repräsentant einer Bevölkerung ist, aber eben auch nicht mehr.
Idealistischerweise hoffe ich, dass irgendwann einmal der EU-Bürger diese Union nicht nur als schwarzes Loch begreift, welches Stuermilliarden verschluckt, sondern als Zusammenschluss unterschiedlichster Menschen. ( Das dies ohne Politiker wahrscheinlich wesentlich einfacher und besser laufen würde, ist hier nur meine private Hypothese )
Wer erinnert sich nicht an die russische Partnerschaft der "gleichen" Machthaber Bulganin und Kruschtschow, wobei sich Letzterer sehr bald als bedeutend "gleicher" erwies als sein Partner. Man kann Herrn Fischer gewiss beistimmen, dass Frankreich und Deutschland die Führungsmächte der EU sind. Auch in Frankreich spricht man davon, dass unsere beiden Nationen die Lokomotiven seien, die den langen Güterzug von einem Viertelhundert Ländern hinter sich herziehen müssen. Doch gab es schon immer Unterschiede. Es war Frankreich, das mit "Non!" stimmte, während Deutschland damals zweifellos "Ja!" gesagt hätte. Dass die Partnerschaft etwas ungleicher ist als man sich wünscht, zeigt sich vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet -- man denke nur an Novartis oder Airbus, oder Landwirtschaftssubventionen. Wir sind zwar gleiche Partner, doch scheint mir Frankreich immer ein wenig "gleicher" zu sein.
"zeit 98789" hat in der pseudointellektuellen Welt der "Zeit" eine Plattform bekommen seine wirren Gedanken ( ? ? )zu artikulieren Sein Beitrag belegt in unübertrefflicher Weise die umfassende Sach- und Fachkompetenz mit der er wohl nicht einmal als Texter für die Bildunterschriften in der Blöd Zeitung Geld verdienen könnte.Werden jetzt - nach Jessen - alle Autoren der "Zeit" von solchen geistigen Tieffliegern (große Klappe und nichts dahinter!) zum Abschuss freigegeben ?Und denk mal darüber nach, was Deutschland für ein tolles Land sein muss, dass es sogar Leute, wie Dich aushält.Weiter so Intelligenzbestie!Wendelstein
die Dünnhaupt beschreibt, existiert in der Tat. Sie ist aber nicht in erster Linie das Ergebnis einer Politik, in der sich die jeweiligen französischen Ministerpräsidenten und deutschen Kanzler einen persönlichen Wettstreit liefern, bei dem dann der Franzose immer die scheinbar besseren Karten hat.Es hat vielmehr seine Ursache darin, dass Frankreich wesentlich früher und besser, bis heute anhaltend, erkannt hat, dass die Institution EU durchaus ein Machtinstrument zur Durchsetzung der eigenen Interessen ist. Folge: Frankreich schickt seine besten Leute nach Brüssel, die Frankreichs Interessen, dort klug, hartnäckig, intelligent und durchaus auch listig, darin sehr erfogreich verfolgen und vertreten.Und Deutschland? Ohne jemand zu nahe treten zu wollen, kann man feststellen, früher für Bonn, heute für Berlin....unser Personal dort sind überwiegend abgehalftertePolitiker, die nach Brüssel abgeschoben werden, damit sie in der nationalen Politik nicht mehr auffallen und ihren jeweiligen Parteien nicht mehr schaden können.Die Ergebnisse sind bekannt.Es ist eigentlich höchste Zeit, dass unsere aufs Inland konzentrierten politischen Eliten die Konsequenz aus der Erkenntnis ziehen, dass Brüssel für Deutschland heute wichtiger ist als Berlin oder Wiesbaden. Oder...haben wir evtl. so etwas wie "politische Eliten" überhaupt nicht?
ob es jetzt nicht an der Zeit ist, die Vorschläge der kommenden
französischen EU-Präsidentschaft zu einer Verstärkung der gemeinsamen
europäischen Sicherheitspolitik massiv zu unterstützen...."Erstens: Nicht Deutschland, das ja wohl die Summe seiner Bürger darstellt, muss sich fragen, sondern Merkel & Co. müssen sich irgendetwas fragen. Schließlich wurde die Summe der Bürger bisher nicht nach ihrer Meinung gefragt. Und im Gegensatz zu einem der Vorposter bin ich nicht so sicher, daß die Deutschen dem ganzen EU-Klamauk deutlich mehrheitlich zustimmen würden.Zweitens: Herr Fischer spricht von europäischer Sicherheitspoltik. Was er damit meint, hat er nicht gesagt. Darunter verstehe ich derzeit die radikale Einschränkung von Bürgerrechten; und zwar in allen Lebensbereichen.Darunter verstehe ich auch, daß seit Schäuble das Grundgesetz "endlich" ist.Aber solche Peanuts interessieren den Elder Statesman Fischer nicht die Bohne.
Na, denn - wenn Du ihn so intensiv spürst, wird es wohl Dein eigener sein - viel Spaß dran.Wendelstein
Der Text zeigt, daß Fischer noch nicht im 21. Jh. angekommen ist:"die Mentalitäten der Deutschen und Franzosen könnten unterschiedlicher nicht sein"Das traf vielleicht anno 1900 zu. Heute ist es einfach Unsinn. "Die Geschichte ist die Schule der Fürsten," heißt es. Hätte der Autor das verinnerlicht, würde er nicht auf solche abstrusen Theorien kommen wie z.B.:"Die Franzosen sind geborene Zentralisten und leben in einer Art
Wahlmonarchie, die Deutschen hingegen sind geborene Föderalisten, die
auf ihre Kurfürsten in den Ländern nicht verzichten wollen und nahezu
jeder Zentralisierung misstrauen."Der bundesrepublikanische Föderalismus wurde per Dekret des Alliierten Kontrollrats durchgesetzt und per Dekret der Regierung Kohl auf die Ex-DDR ausgeweitet. Ob das dem deutschen Staat nützt oder schadet, mag jeder selbst beantworten. Mit "geborenen Föderalisten" hat das jedenfalls gar nichts zu tun.
offensichtlich moegen sie fischer nicht. das ist ihre sache und ok. dass er hier schreibt ist seine sache und nicht ihre. sie muessten ja diese rubrik nicht lesen. wenn sie seine ausfuehrungen fuer so inhaltsleer halten, wie sie sagen, und sich genoetigt sehen das kundzutun sollten sie mit sachlichen argumenten versuchen fischers kompetenzlosigkeit zu beweisen. das wuerde unter umstaenden allen lesern die augen oeffnen. so wie sie sich jetzt benemen machen sie sich selbst wirklich nur laecherlich und keinesfalls herrn fischer. ausserdem ziehen sie sich den missmut der anderen leser zu wie man liesst.
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