Fussball Problemkind Afrika
Während die Fans des Afrika-Cups bei der Eröffnung ihr Fußballmärchen feiern, möchte die Fifa das Turnier gern in die Regen- und Hitze-Zeiten des Sommers verlegen
Ein Gemisch aus Rauch und Staub lag über der ghanaischen Hauptstadt Accra, als das Fest zu Ende ging. Gastgeber Ghana hatte das Eröffnungsspiel des Afrika-Cups gegen Guinea am Sonntag mit 2:1 gewonnen. Ein Tor in der 90. Minute hatte diesen Tag, den das Land seit dem Morgengrauen hingebungsvoll gefeiert hatte, gekrönt. Die Menschen hatten getanzt, gegrillt und gejubelt. Jetzt fielen sie ins Bett.
„Wir haben heute den ersten Schritt getan, damit sich die Leute in das Turnier hineinsteigern“, sagte Ghanas einziger Bundesligaspieler Hans Sarpei. Der Außenverteidiger ist in Köln aufgewachsen, sein derzeitiger Verein ist Bayer Leverkusen. Er glaubt, für die Afrikaner könnte dieser Sonntag eine Art Sommermärchen in Gang gesetzt haben.
Das Turnier, das seit Monaten das ghanaische Leben dominiert, hat endlich begonnen. Und die Leidenschaft ist enorm. Überall, wo die prominenteren Teams aus Schwarzafrika auftauchen, bilden sich Menschmassen. Ghanas Trainingseinheiten, die eigentlich ohne Zuschauer stattfinden sollen, werden fast rituell von jubelnden Ghanaern gestürmt, die Sicherheitskräfte lassen es zu.
Kameruns deutscher Trainer Otto Pfister, der am Freitag mit seiner Mannschaft auf den Flughafen der Stadt Kumasi landete, wurde enthusiastisch gefeiert, weil er 1992 mit Ghana das Finale des Turniers erreicht hatte. Offenbar widerspricht es dem Empfinden der hiesigen Polizei, solche Freudenausbrüche zu unterbinden. Immer wieder geraten Situationen außer Kontrolle, aggressiv wird es dabei so gut wie nie.
Die Afrikaner wollen ihr Fest feiern, und niemand mag es ihnen verbieten. Accra ist sauberer als je zuvor, sagen die Einwohner. Durch die Straßen der Hauptstadt ziehen bunte Putztrupps, die trommelnd und tanzend Müll beseitigen. So mache das mehr Spaß, die Motivation sei besser, heißt es. Es ist ein Fußballturnier auf afrikanisch, viele europäische Beobachter schütteln da entweder den Kopf oder staunen einfach nur.
Fifa-Präsident Sepp Blatter lässt sich eigentlich gerne als Freund Afrikas feiern. Nur gerade jetzt hat er scheinbar erhebliche Probleme mit den Eigenheiten dieses Kontinents. Er plädierte am Rande einer Versammlung des afrikanischen Kontinentalverbandes CAF in Accra dafür, das Turnier auf den Sommer zu verlegen. Der Januar-Termin sei „zwar Tradition, aber man sollte den Mut haben, sich dem internationalen Kalender anzupassen“, sagte der Fußball-Boss.
Dieser Satz löste einen Sturm der Entrüstung aus. CAF-Generalsekretär Mustapha Fahmy erklärte empört, es sei unmöglich, den Wettbewerb auf den Juni zu verlegen, weil dann in vielen Ländern Afrikas Regenzeit herrscht. "Außerdem ist es viel zu heiß.“ Bissig fügte der Ägypter hinzu: „Oder kann Europa seine EM im Januar in Russland austragen?“
Blatter ruderte daraufhin eilig zurück, schließlich gewinnt er seine Fifa-Wahlen regelmäßig mit der freundlichen Unterstützung der afrikanischen Vertreter. Er habe mit „Anpassung an den internationalen Kalender“ lediglich gemeint, dass das Turnier vielleicht doch besser in den ungeraden Jahren stattfinden solle. Damit die afrikanischen Stars in Weltmeisterschaftsjahren nicht den Afrika-Cup und eine WM spielen müssen. Das schade dem afrikanischen Fußball, womit Blatter durchaus recht haben könnte.
Über diesen Vorschlag könne man nachdenken, entgegnete denn auch CAF-Präsident Issa Hayatou, der den neben ihm sitzenden Blatter während der einstündigen Pressekonferenz mit keinem Blick würdigte. „Das ist etwas anderes, als das Turnier in den Juni zu verlegen, das werden wir niemals tun.“
Die Diskussion, die alle zwei Jahre aufs Neue geführt wird, erweckte diesmal den Eindruck, als gehe es dem Fifa-Präsidenten am Ende ausschließlich um sein eigenes Turnier: die WM. Zudem steht Blatter unter dem Druck der wichtigsten Vereine in Europa. Die möchten keine Spieler mehr für das Turnier abstellen und würden den Cup am liebsten in ein anderes Universum verbannen.
Denn aus Europas Ligen befinden sich derzeit weit über 100 Profis in Ghana. Allein 40 Spieler kommen aus der englischen Premier League. Aus der ersten französischen Liga sind es sogar über 50. Solch ein Aderlass wirkt sich besonders in England und Frankreich massiv aus, da es dort keine Winterpause gibt.
Am stärksten betroffen sind in diesem Jahr der FC Portsmouth und der FC Chelsea mit seinen Leistungsträgern Solomon Kalou, Didier Drogba, John Obi Mikel und Michael Essien. Chelseas Klubmanager Peter Kenyon hat nun angekündigt, dass keine weiteren Spieler vom Schwarzen Kontinent mehr verpflichtet werden. Manchester United werde ebenfalls komplett auf Afrikaner verzichtet, sagte Nigerias Trainer
Berti Vogts
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Auch 12 Bundesliga-Profis werden in Ghana gegen den Ball treten, wenn in Deutschland die Rückrunde beginnt. „Es ist ärgerlich“, sagte Hans Sarpei, doch es scheint das Schicksal Afrikas zu sein, immer in die Rolle des Problemkindes hineinzugeraten. Die Ghanaer wollen solche Gedanken nun wenigstens für die nächsten drei Wochen vergessen.
- Datum 24.01.2008 - 12:21 Uhr
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