Es sind deutliche Worte, die die Kuratoren gewählt haben: „Ohne den Einsatz der Eisenbahn wäre der systematische Mord an den europäischen Juden, Sinti und Roma nicht möglich gewesen“, heißt es in dem Einleitungstext zu der Ausstellung, die am Mittwoch in der Vorhalle des Berliner Bahnhofs Potsdamer Platz eröffnet wurde. Detailliert legt die Schau in der Hauptstadt nun dar, dass - und wie - alle Teile der Bahn in die „fahrplanmäßige Abwicklung“ der Deportationen verwickelt waren.

So weit, so richtig, und so bekannt. Was man auf den 40 Tafeln nachlesen kann, die sehr dezent am Rande der riesigen unterirdischen Bahnanlage aufgestellt wurden, ist nicht wirklich neu. Umso erstaunlicher erscheint deshalb der Wirbel, den diese Ausstellung im Vorfeld ausgelöst hatte.

Der über die breiten Treppen herabeilende Besucher sieht von den Tafeln zunächst nur ihre grauen Rückwände. Kein Plakat, kein großes von der Decke hängendes Transparent weist darauf hin, dass hier etwas besonderes zu sehen wäre. Und auch die Eröffnungsveranstaltung verstärkte einmal mehr den Eindruck, dass die Bahn das öffentliche Interesse an dem Thema nicht ganz richtig eingeschätzt hatte – oder es bewusst niedrig hängen wollte. Die wenigen aufgestellten Stühle wurden dem Andrang der Besucher bei Weitem nicht gerecht. Bahnchef Hartmut Mehdorn indes war weder unter den Gästen noch unter den Rednern. Er weilte im Ausland.

Wer diese Ausstellung richtig einordnen will, muss ihre Vorgeschichte kennen. Anfang 2006 wandte sich eine Bürgerinitiative an Mehdorn, mit dem Vorschlag, eine in Frankreich und den Niederlanden auf Bahnhöfen gezeigte Ausstellung mit den Porträts deportierter jüdischer Kinder auch in Deutschland zu zeigen. Doch von der Führungsspitze der Bahn kam zunächst nur Ablehnung. Die Argumente reichten von "kein Geld", über "schon genug getan" bis hin zu dem erstaunlichen Vorwurf, es sei geradezu blasphemisch, an einem so profanen Ort wie einem Bahnhof an den Holocaust zu erinnern.

Aber es gab wohl auch die Befürchtung, Ausstellungsbesucher könnten den normalen Reiseverkehr stören. Parlamentarier, die sich für die Ausstellung stark machten, glauben zudem, dass Mehdorn seine Deutsche Bahn AG nicht zu eng mit der einstigen Reichsbahn verbunden sehen wollte. Es bedurfte massiven öffentlichen Drucks, ja, offenbar sogar einer persönlichen Ermahnung des Bundesverkehrsministers, damit Mehdorn schließlich doch noch einwilligte.

Ein wichtiges Anliegen der Initiatoren war allerdings, über den Holocaust nicht in einem Museum, sondern an einem alltäglichen Ort zu informieren. Dort, wo Menschen mal eben so vorbeigehen, vielleicht ein bisschen lesen, weil sie gerade nichts anderes zu tun haben. Dort, wo auch solche Menschen sind, die man in Museen nicht trifft. Zentraler Streitpunkt war deshalb stets, wo an den Bahnhöfen die Ausstellung zu sehen sein sollte. Mitten in der Bahnhofshalle oder abgeschieden in einem Nebengebäude? In Berlin hat man mit dem Bahnhof Potsdamer Platz nun eine Zwischenlösung gefunden, einen sicherlich stark frequentierten Ort, doch eben nicht einen der zentralen Bahnhöfe der Stadt.