Edas Boxhandschuhe sind beinahe so groß wie ihr Lockenkopf. Sie grinst ihre Freundin an, zuckt kurz mit dem runden Oberkörper und schlägt zu. „Okay, kurz ausruhen,“ schreit Christian Görisch. Eda atmet durch. 20 Mädchen und Jungs tänzeln in der Gymnastikhalle der Hamburger Ganztagsschule am Slomanstieg über den Fußboden. In der Mitte steht ein blauer Boxring, darum herum hängen vier Sandsäcke. Auf das Kommando von Christian Görisch schlagen die Zwölfjährigen zu.

Görisch ist Sportwissenschaftler, ehemaliger Hamburger Boxmeister und Boxlehrer. Er hat eine leicht geknickte Nase, seine Brust ist muskelbepackt. „ Box-Out “, heißt das Schul-Projekt, weshalb er an diesem Mittwochnachmittag in der Schule im Hamburger Stadtteil Veddel steht und boxt. Wenn man ihn nach „Box-Out“ fragt, redet er so schnell, dass er fast jeden Anfangsbuchstaben seiner Worte verschluckt.

Vereinfacht ausgedrückt, boxt Görisch mit den Kindern, damit sie weniger Gewalt ausüben. Kampfsport als Mittel zur Gewaltprävention – das klingt zunächst widersprüchlich, ist jedoch eine erfolgreiche Maßnahme zur Gewaltprävention unter Jugendlichen. Kämpfen ist ein Urbedürfnis des Menschen, aber gerade in den sozial schwachen Stadtteilen, wie zum Beispiel Veddel, treiben viele Jugendliche gar keinen Sport, haben also keine Möglichkeit, sich abzureagieren.

Irgendwann habe Görisch seinen neunjährigen Sohn in die Schule begleitet: „Die haben alle Playstation, Gameboy, 30 TV-Kanäle und viele Übergewicht“, habe er beobachtet. „Aber an Sport und Selbstwertgefühl mangelt es.“ Statt sich nur um seinen Sohn zu kümmern, wollte Görisch etwas für alle Jugendlichen tun. Er entwickelte das Konzept für „Box-Out“ und besprach es mit Professoren an verschiedenen Universitäten. Dann stellte er es dem Hamburger Senat vor, suchte Sponsoren und klopfte bei Hamburger Schulen an.

Seit August 2007 trainiert er wöchentlich in vier Schulen die Sechst- und Siebentklässler im Wahlpflichtunterricht. Wenn der 37-Jährige mit den Kindern kämpft, sieht er aus wie Ende 20. Der Boxring in der Gymnastikhalle ist sein eigener. Von den insgesamt 60 Schülern des Projektes kennt er so gut wie jeden mit Vornamen. Er sagt, er sei Idealist. Seine Geschichte klingt so selbstlos, dass man sie schwer glauben möchte. Die Direktorin an der Schule im Stadtteil Veddel befürchtete erst, Görisch sei ein Selbstdarsteller, dann nahm sie beim Schnupperboxen für Lehrer teil; jetzt glaubt sie, das Projekt sei seine „Herzensangelegenheit“. Franz Müntefering wünschte sich nach seinem Rücktritt als Minister mehr Menschen, „die persönliche Zeit und Geld einsetzen, um die Gesellschaft menschlicher zu machen“. Görisch muss so einer sein.

Die Lehrerin, die in der Schule in Veddel die Wahlkurse betreut, schaut heute für einen Augenblick zu, wie die Kinder auf die Sandsäcke einschlagen. Sie sagt, was Görisch da aufziehe, sei keine heiße Luft. Vor Kurzem habe er zusätzlich zum Unterricht alle seine Schüler zum WM-Kampf der Box-Weltmeisterin Susianna Kentikian eingeladen. Erst nachts um halb zwei seien sie wieder zurück gewesen. Aber für die Kinder sei es eine super Erfahrung gewesen. Viele Eltern würden ihren Kindern so eine Veranstaltung nie ermöglichen können.