In unseren Breiten war es kaum eine Schlagzeile wert, aber in Asien ist am vergangenen Wochenende eine Zeitbombe entschärft worden. Der Sieg der Kuomintang bei den taiwanesischen Parlamentswahlen hat eine Krise, womöglich sogar eine militärische Konfrontation abgewendet.

Es war ein Erdrutschsieg, dessen Höhe selbst die KMT-Führung überraschte. Die Kuomintang,  – einst die Partei Chiang Kai-sheks,– errang 81 von 113 Parlamentssitzen. Zugleich wurde die Demokratische Fortschrittspartei des Staatspräsidenten Chen Shui-bian auf eine Winzfraktion mit gerade noch 27 Sitzen zurückgestutzt. Chen zog auch sofort die Konsequenz aus dem Debakel und legte den Parteivorsitz nieder.

Sein Nachfolger Frank Hsieh, der im Frühjahr als Präsidentschaftskandidat der Fortschrittspartei antreten soll, wird sich eine Chance nur ausrechnen können, wenn er von der schrill nationalistischen Agenda Chens Abschied nimmt. Dem noch amtierenden Präsidenten war es stets wichtiger, die faktische Unabhängigkeit Taiwans von Peking zu betonen und Taiwans eigenständige Identität zu stärken. So wollte er gleichzeitig mit den Präsidentenwahlen ein Referendum über einen separaten UN-Sitz Taiwans abhalten lassen – ein Vorhaben, das Peking auf die Palme brachte.

Hsieh hat demgegenüber stets auf die Wirtschaft, auf soziale Fragen und Umweltprobleme abgehoben. Die treiben die Wähler mehr um, zumal die jüngere Generation und die Mittelschicht, die das nationalistische Getue kalt lässt. Wie immer die Präsidentschaftswahlen ausgehen – Peking wird darauf setzen können, dass die Unabhängigkeit Taiwans nicht mehr das dringlichste Anliegen der neuen Mannschaft ist.

Das hat mehrere Vorteile. Die Gefahr eines Krieges, den die kommunistische Führung für den Fall einer de jure -Sezession der Insel angedroht hat, ist gebannt. Amerika, der Schutzherr Taiwans, kommt nicht in die Verlegenheit, sein Schutzversprechen einlösen zu müssen. Und die Olympischen Spiele 2008 werden nicht in den Strudel einer Weltkrise gezogen wie 1980, nach der sowjetischen Invasion Afghanistans, die Moskauer Spiele.

Wobei sich dennoch die Frage aufdrängt, wieso eigentlich die beiderlei Chinesen sich nicht am geteilten Deutschland ein Vorbild nehmen können. Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik agierten seit Anfang der siebziger Jahre getrennt auf der Weltbühne. Jeder der beiden deutschen Staaten hatte auch seinen eigenen UN-Sitz. Den Wiedervereinigungsanspruch gab weder Bonn noch Ostberlin auf. Die Einheit wurde ins Belieben der Geschichte gestellt.

Warum nicht genauso verfahren im gespaltenen Reich der Mitte?