Gerechte Löhne Lautloser Arbeitskampf
Seit Monaten schon streitet ver.di nahezu unbemerkt für bessere Löhne im Einzelhandel. Doch der Gewerkschaft fehlt es an Durchsetzungskraft. Zweiter Teil der Serie über gerechte Löhne in Deutschland.
Wenn Rüdiger Wolff vom Streit mit den Arbeitgebern spricht, klingt es ein wenig wie Krieg. Wolff spricht vom „Häuserkampf“, von gewerkschaftlichen „Truppen“, die sich mit Streiks und Protesten Zutritt verschaffen wollen in die Betriebsrats-freien Zonen im Land. Er nennt die Händler-Bosse „Krämerseelen“. Es ist mehr als nur Gewerkschaftsrhetorik: Hier ist jemand wirklich wütend.
Wolff ist bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di für die Tarifpolitik im Einzelhandel zuständig, dem Niemandsland der deutschen Tariflandschaft. Fast hilflos muss der Gewerkschaftler zusehen, wie all das Schlechte, was die neue Arbeitswelt mit sich bringt, immer stärker über die Branche hereinbricht. Wie die Arbeitszeiten sich ausdehnen und viele Mitarbeiter auch bis spät abends und am Wochenende arbeiten müssen – oft ohne entsprechende Nacht- und Feiertagszuschläge. Wie viele Unternehmen aus dem Tarifgefüge ausscheren und ihre Löhne selber machen.
Zwischen 6,50 und 13 Euro verdient ein Angestellter im Einzelhandel, das Durchschnittsgehalt liegt nach Angaben des Statistischen Bundsamt bei rund 2400 Euro brutto. Wolff kennt die Zahlen auswendig. Das Beispiel der vollzeitbeschäftigten Verkäuferin, die trotz Ausbildung im letzten Berufsjahr nur 2000 Euro brutto verdient. Die Zahl der 700.000 geringfügig Beschäftigten, die nur einen Minijob haben.
Seit Jahren, sagt Wolff, hätten die Unternehmer der Branche die Arbeitnehmer geschröpft, ohne dass diese an den Gewinnen beteiligt gewesen wären. „Die Firmen hatten über viele Jahre den Vorteil, auf ein großes Angebot an Menschen zurück greifen zu können, die bereit waren, alles zu schlucken, weil sie Angst hatten vor der Kündigung“, sagt er. So hätten sich schleichend die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Und auch die Löhne seien seither real kaum gestiegen. Das Statistische Bundesamt gibt an, dass die Durchschnittsgehälter in der Branche zwischen 1996 und 2006 um 25 Prozent gestiegen sind – rechnet man die Inflation heraus, blieb für die Arbeitnehmer kaum etwas übrig.
Nun sollen die Beschäftigen weiter verlieren - zumindest wenn es nach dem Willen der Arbeitgeber geht. Ende 2006 hatten die Arbeitgeber den Manteltarifvertrag gekündigt. Seither fordern sie bittere Einschnitte für die Beschäftigten. Sie wollen die Zuschläge kürzen, die wochentags von 18.30 Uhr und samstags ab 14.30 Uhr gezahlt werden und für die Arbeitnehmer bislang einen Aufschlag von 20 bis 55 Prozent bedeuten. Zudem bieten sie eine magere Lohnsteigerung von 1,7 Prozent in diesem und 1,5 Prozent im nächsten Jahr an. „Das gleicht noch nicht mal die
Inflation
aus“, sagt Wolff. Ver.di will die Kürzungen verhindern und fordert 4,5 bis 6 Prozent mehr Lohn.
Seither schwelt ein stiller Arbeitskampf in der Branche. Dass er so still vonstatten geht, zeigt, wie machtlos die Gewerkschaft ist. Mit örtlichen Blitz-Streiks versucht die Gewerkschaft seit Monaten ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Bislang vergeblich. Zu gelassen gibt sich die Arbeitgeberseite. Man werde die Streiks vorbeiziehen lassen, sagte unlängst der Tarifexperte des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE), Heribert Jöries. Der Spiegel nannte die Streiks im Einzelhandel „Die fast lautlose ver.di-Oper“. Grund: Die meisten Unternehmen schaffen es dennoch, ihre Geschäfte geöffnet zu halten – auch durch den Einsatz von Leiharbeitern. Einige Unternehmen heuerten sogar Leiharbeiter bei Zeitarbeitsfirmen, deren Tarifvertrag es verbietet, Mitarbeiter in Betrieben einzusetzen, die unmittelbar durch einen Arbeitskampf betroffen sind.
Mehrere Faktoren machen es für die Gewerkschaft schwer, ihre Interessen im Einzelhandel durchzusetzen. Zum einen die ist die Branche zersplittert. Es gibt Teppich- und Möbelhändler, Großmärkte wie die Metro,
Discounter wie Lidl
und kleine mittelständische Betriebe, deren Marktlage sich zum Teil erheblich unterscheidet. Hinzu kommt, dass Gewerkschaften aus Tradition im Handel nicht so stark sind wie etwa in der Industrie. Zwar habe man zuletzt erfolgreich Betriebsräte durchgesetzt, etwa bei der Drogeriekette Schlecker, die sich lange gegen gewerkschaftlichen Einfluss gewehrt hatte. „Für uns sind viele Bereiche nur schwer zu erreichen“, sagt Wolff.
- Datum 22.01.2008 - 03:31 Uhr
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Fast kein Job in unserem Land ist so undankbar wie der der Verkäuferin/des Verkäufers im Einzelhandel. Nicht nur ist das Gehalt relativ schlecht, die Arbeitszeiten immer länger und der Druck seitens der Handelsunternehmen immer höher - nein, auch die Kunden sind eine Belastung. Alles muss da sein, sofort sein, billig sein...und wehe wenn dieses nicht umgehend in devoter Super-Freundlichkeit erledigt wird. Wer schon einmal in einem Handelsbetrieb gearbeitet hat weiss, wovon ich rede: Nicht einmal der schlimmste Brutalo-Chef kann einen so intensiv anschreien wie ein frustrierter Kunde. Von Solidarität aufgrund der grauenhaften Arbeitsbedingugen keine Spur. Scheinbar ergeben sich viele lieber im Konsumrausch als über die wahren Ursachen der Mißstände in unserem Land nachzudenken. Zu schade, dass die Gewerkschaft nicht die Courage gefunden hat, das Weihnachtsgeschäft massiv zu bestreiken. Flächendeckend. DAS wäre mal was gewesen!
Der Missstand der schlechten Arbeitsbedingungen wird sich wohl bald erledigt haben, denn langfristig wird der Beruf des Verkäufers/der Verkäuferin größtenteils durch automatische Kassen ersetzt werden. RFID-Chips machen es möglich. Dann fährt man nur noch mit seinem Einkaufswagen durch einen Scanner, zieht schnell seine Kreditkarte durch das Lesegerät und schon ist der Einkauf beendet. Sehr kundenfreundlich. Keine langen Schlangen mehr an den Kassen und die Ware muss auch nicht mehr aufs Band gelegt werden. Zusätzlich sparen die Unternehmen sogar wieder Geld, sodass vielleicht sogar die Produkte günstiger werden. Der Haken ist dann nur: Wohin mit den arbeitslosen Verkäuferinnen und Verkäufern?
____________________________________________________________ Mitleid gibt es umsonst, Neid muss man sich verdienen.
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