Nokia Geld gegen Moral
Die Politik empört sich über Nokia. Doch das System, nach dem der Konzern handelt und sein Werk in Bochum schließt, hat sie selbst geschaffen.
Peter Struck schafft sein Nokia-Handy ab, Horst Seehofer tut es ihm gleich. Man könnte weinen über soviel Hilflosigkeit. Oder vor Wut schnauben wegen des Sarkasmus, den man vermuten könnte, liest man die Begründung des christsozialen Verbraucherministers: Er wolle dies aus Solidarität mit den Beschäftigten des vor der Schließung stehenden Bochumer Handy-Werks tun, sagt Seehofer. SPD-Fraktionschef Struck nennt die Werkschließung sogar eine "Riesensauerei". Und was tun sie weiter? Nichts. Ihre Handys sind ohnehin längst bezahlt.
Was sollen die beiden Herren auch machen? In einer Marktwirtschaft wie unserer ist es jedem Unternehmen erlaubt, selbst zu entscheiden, wo und unter welchen Bedingungen es arbeiten will - und wo es nicht mehr wirken möchte. Das unterliegt, im Rahmen der gesetzlichen Spielregeln, alleine dem ökonomischen Gedanken. Der kann Gewinnmaximierung sein, auch höhere Renditeziele verfolgen.
Genau so argumentieren die Manager von Nokia. Sie haben gerechnet und festgestellt, dass das Werk Bochum zwar gegenwärtig noch schwarze Zahlen schreibt, auf Dauer aber wohl nicht mehr wettbewerbsfähig sein wird. In einer Branche, deren Markt hart umkämpft ist und schnell Opfer fordern kann (siehe Siemens und Benq), greift man zu erwartenden Schwächen lieber vor - zumal auch Nokia, obwohl Marktführer, nicht immer stark da stand.
Nokia ist im übrigen nicht der einzige Konzern, der so handelt. Auch Continental hat kontinuierlich Arbeitsplätze ins osteuropäische Ausland verlagert, obwohl die deutschen Fabriken profitabel waren. In Hamburg schloss der norwegische Konzern Norsk Hydro ein hochrentables Aluminiumwerk mit 440 Mitarbeitern (das unter einem neuen Eigentümer inzwischen wieder arbeitet). Allianz, Deutsche Bank, Deutsche Telekom, Henkel - überall wurden in den vergangenen Jahren Stellenstreichungen diskutiert und auch vollzogen, obwohl die Unternehmen satte Gewinne machten. Zuletzt drohte Bahnchef Mehdorn, wegen des neuen Tarifvertrags mit den Lokführern müssten Jobs wegfallen, obwohl auch die Bahn im vergangenen Jahr ein großes Plus ausweisen konnte.
Deutschland hat dieses Denken im vergangenen Jahrzehnt befördert. Man wandte sich ab vom rheinischen Kapitalismus, der irgendwie nicht globalisierungsfähig schien, und dem angelsächsischen Modell zu. Unternehmensfusionen wurden erleichtert, Beteiligungsverkäufe von der Steuer befreit. Heute orientieren sich Investoren bei ihren Anlageentscheidungen an den weltweit rentabelsten Unternehmen. Wer weniger Rendite bringt, verliert, weshalb jedes Geschäftsfeld eines Betriebs ständig auf seine Rentabilität geprüft wird. Das Werk Bochum hat diese Prüfung nicht bestanden.
So zynisch es für die mehr als 4000 Arbeiter klingen muss, die nun um ihren Job fürchten: Was Nokia tut, folgt der Systemlogik. Man könnte sogar sagen, dass Bochum an Nokia gewonnen hat. Denn wer 80 Millionen an Subventionen einsetzt, über mehr als ein Jahrzehnt aber jedes Jahr 30 Millionen Euro an Gewerbesteuer einstreicht, steht unter dem Strich so schlecht nicht da.
Darf man so denken? Finanzminister Peer Steinbrück hat am Freitag in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk davor gewarnt, die Art und Weise, wie Nokia handele, gefährde die gesellschaftliche Stabilität: "Die Menschen verlieren Vertrauen, und das ist eminent gefährlich." Das stimmt, nur bleibt die Frage, ob ein System, dessen Prinzipien sich nicht an moralischen Kategorien orientieren, mit moralischen Appellen ins Lot gebracht werden kann.
Nokia allerdings muss sich solche Argumente vorhalten lassen. Denn das Unternehmen hat sich selbst auf ebensolche Maßstäbe festgelegt, nachzulesen auf seinen Internetseiten unter der Rubrik "Corporate Responsibility" . Da verpflichtet sich das Unternehmen beispielsweise, kontinuierlich in seine Mitarbeiter zu investieren, oder "überall dort, wo das Unternehmen tätig ist, soziales und gesellschaftliches Engagement zu zeigen." Ob eine Werksschließung damit vereinbar ist, lässt sich bezweifeln.
- Datum 18.01.2008 - 03:37 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




kann man sich das noch leisten ?Die politische Klasse ist sicher feige, heuchlerisch und vor allem ohnmächtig,aber dies entbindet keinen Manager von der Menschseinsverpflichtung moralisch zu handeln. Niemand kann sich in meinen Augen vor der Verantwortung drücken und sich hinter den "Mechanismen des Marktes verstecken.Nokia und andere solcher Firmen gehören dringend vom Verbraucher abgestraft, also boykottiert.
NOKIANOKINOKNO
Das Unternehmen Regeln, die sie für sie einen Nachteil bedeuten, aber nicht
verbindlich sind, nicht befolgen, ist systemimmanent. Die o.g. Politiker
machen sich mit ihrem Aktionismus lächerlich, das Ganze ist allenfalls
ein Lehrstück darüber, wie wenig nationale Politik in einer
globalisierten Welt auszurichten vermag, insbesondere wenn man den
Staat schrittweise abschafft durch Allheilmittel wie Privatisierungen, "Bürokratieabbau" oder gar "Mehr Freiheit wagen".Nokia handelt nicht unmoralischer als die meisten anderen Profitorientierten global player. Wenn man etwas daran ändern möchte, muss man das gesetzlich festlegen, gejammere nützt da gar nichts, so bedauerlich das für die Angestellten beim Nokiawerk in Bochum ist. Wie der Autor richtig feststellt haben wir uns kollektiv unser System ausgesucht und sind, als Kollektiv auch selbst daran Schuld. Das ist so ähnlich wie bei der Klimawandeldebatte, fast jeder trägt ein bisschen Mitschuld, aber verantwortlich ist keiner.Aber selbst wenn wir Unternehmen strengere Regeln auferlegen würden, so wäre das u.U. ein Grund für diese sich hier gar nicht anzusiedeln und wem würde das nützen?Insofern wird man das Abwandern nicht völlig verbieten können.Subventionen dürften sie jedoch ruhig zurückzahlen, wenn sie ein rentables Werk schließen.
So zynisch es jetzt klingen mag:
Von Unternehmen soziales und gesellschaftliches Engagement ernsthaft zu
erwarten ist etwas naiv. Dies würde bedeuten, ihnen u. U. mehr
volkswirtschaftliches als betriebswirtschaftliches Denken abzuverlangen. Es
liegt jedoch in der Natur von Unternehmen, in erster Linie Betriebs- und erst
dann Volkswirtschaftlich (auch erst mittel- und dann langfristig) zu denken und
agieren. Wenn jemand die Interessen einer Volkswirtschaft vertreten kann – dann
der Staat, was sich angesichts der Globalisierung immer schwerer gestaltet. Vor diesem Hintergrund, frage ich mich, wie soll ich denn
die symbolgeladene Gesten (Nokia Handys abzuschaffen) unser Politiker denn
deuten? Fehlt ihnen der Überblick oder wollen sie nur das Volk emotionell für
sich gewinnen, obwohl ihnen die eigene Machtlosigkeit bewusst ist? Auch ist Nokia leider nicht das einzige Unternehmen, das
nach dem Prinzip handelt. Was werden sie denn als nächstes abschaffen: ihre Luxuslimousinen,
ihre PCs, ihre…. Begrüßenswerter fände ich stattdessen einen klaren Aufruf, die
Subventionspolitik gründlich hinterfragt werden.Messalla
Tja, was haben sich denn die Politiker gedacht, als sie so hastig und unvorbereitet die Osterweiterung der EU durchgedrückt haben? Ein Argument war doch, dass die dortige Bevölkerung in Zukunft einen besseren Lebensstandard haben soll.Nokia hilft ihr jetzt dabei und wir haben mit unseren EU-Beiträgen auch noch für die infrastrukturellen Voraussetzungen für die Verlagerung der Arbeitsplätze gesorgt...Richtig wäre, wie schon erwähnt, die Subventionitis zu beenden und zwar in der gesamten EU.
wie Barosso es gasagt hat: "If you can move production from Finland to Germany, you can also relocate from Germany to Romania."
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren