Stammzellforschung Eine Frage der MoralSeite 3/3

Dieses Verbot ist nach Auffassung vieler Juristen unscharf formuliert und soll, das haben alle drei Gesetzesinitiativen gemeinsam, präziser gefasst werden. Um auch diejenigen Abgeordneten, die zwar für eine Beibehaltung des 1. Januar 2002 als Stichtag sind, aber mehr Rechtssicherheit für deutsche Wissenschaftler im Ausland wollen, auf ihre Seite zu ziehen, bereiten die Abgeordneten um Herta Däubler-Gmelin nun einen gesonderten Antrag vor, in dem die Strafbarkeitsfrage unabhängig vom Stichtag geregelt werden soll. Abstimmungstaktik also, wo es doch eigentlich um Werte und Ethik geht.

Doch ist der alte Kompromiss mit der Stichtagsregelung nicht ein Kompromiss, der auf alten Annahmen beruht? Ja, sagen die Befürworter einer Liberalisierung und verweisen auf die immensen Fortschritte der Stammzellforschung. Ja – aber, sagen ihre Gegner und beziehen sich ebenfalls auf die Forschungserfolge. Für sie ist das Thema embryonale Stammzellen ein für alle mal erledigt, seit es Wissenschaftlern vor wenigen Monaten erstmals gelang, Körperzellen zu reprogrammieren. Und spitz weisen sie darauf hin, dass Deutschland in der Erforschung der reprogrammierten Zellen (kurz iPS, induzierte pluripotente Stammzellen) "führend" sei, nicht zuletzt deshalb, weil Forscher gezwungen waren, nach dieser Alternative zu suchen. Ob ein solcher Zwang überhaupt nötig wäre, darf man allerdings bezweifeln. Unerwähnt bleibt nämlich, dass die entscheidenden Arbeiten auf dem Feld der iPS nicht von Deutschen, sondern von Forschern aus den USA und aus Japan publiziert wurden. Aus Ländern also, in denen die Forschung an konventionellen ES-Zellen möglich ist.

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In dem Verfahren werden erwachsene Zellen (zum Beispiel der Haut) mit einem Mix aus bestimmten biochemischen Substanzen behandelt, der die im Erbgut verborgenen Eigenschaften embryonaler Stammzellen aktiviert. Die Zelle verliert ihre spezialisierten Züge und verwandelt sich zurück in eine embryonale Stammzelle. Tatsächlich eine erstaunliche Entdeckung – doch haben wir uns damit für immer aus dem ethischen Schwitzkasten befreit?

Mitnichten, sagen die Befürworter der Liberalisierung des Stammzellgesetzes. Zum einen seien die Erfolge nur durch Forschung an herkömmlichen Stammzellen möglich gewesen und zum anderen noch nichts bewiesen. Die Meinungsverschiedenheiten entzweien auch die Forschergemeinde. Der britische Wissenschaftler Ian Wilmut, einer der Väter des Klonschafes Dolly, soll die Arbeit mit embryonalen Stammzellen schlagartig aufgegeben haben, als er von der gelungenen Reprogrammierung hörte. Andere Forscher dagegen wollen erst einmal geklärt haben, ob die induzierten Zellen tatsächlich gleichwertig sind – und welche Rolle krebsauslösende Gene in ihnen spielen.

Doch egal, wie sie gewonnen werden: Bis embryonale Stammzellen die Leiden der Menschheit heilen, werden noch viele Jahre vergehen. Das ist ein wichtiges Argument der Gegner eines liberalen Stammzellgesetzes, die auf die vielen Therapien hinweisen, die schon heute mit Hilfe adulter Stammzellen möglich sind. Tatsache ist allerdings, dass die Forschung an adulten Stammzellen auch nach vier Jahrzehnten wenig neue Perspektiven, zum Beispiel für die Behandlung von Parkinson, zu bieten hat. Embryonale Stammzellen dagegen werden erst seit zehn Jahren überhaupt beforscht und eröffnen durchaus realistische Chancen auf Therapien für zahlreiche, derzeit unheilbarer Krankheiten. Auch wenn dieses Ziel erst in zehn oder zwanzig Jahren erreicht sein könnte.

Vor Ostern wird der Bundestag kaum zu einer Entscheidung kommen, schätzen Parlamentarier. Gut möglich, dass bis dahin die Debatte in Deutschland von den Tatsachen überholt wird, die Forscher im Ausland unterdessen schaffen. Presseberichten vom gestrigen Donnerstag zufolge ist es US-amerikanischen Wissenschaftlern erstmals gelungen, aus erwachsenen Körperzellen einen menschlichen Embryo zu klonen. Aus solchen Embryos könnten embryonale Stammzellen für den perfekten Gewebe-Ersatz gewonnen werden. Der Traum ist also ein bisschen näher gerückt. Ob Deutschland mitziehen will, muss bald entschieden werden.

 
Leser-Kommentare
    • Crest
    • 18.01.2008 um 14:11 Uhr

    Solange von denselben Personen einerseits die Möglichkeit einer Abtreibung
    befürwortet wird und gleichzeitig Zellforscher mit einem Verbot der
    Stammzellforschung buchstäblich kriminalisert werden, solange ist eine
    sinnvolle Diskussion nicht möglich.Crest

  1. Wie man sieht funktioniert die Welt auch ohne deutsche Computer, ohne deutsche Handys, ohne deutsche Flachbildschirme und sie wird auch ohne deutsche Gentechnik, ohne deutsche Molekularbiologie und ohne deutsche Stammzellentherapie funktionieren.
    Deutschland hat schon den 5. Kondradjew Zyklus verpennt und wird zum 6. erst gar nicht zugelassen.
    Selbst wenn deutsche Grundlagenforscher etwas spektakläres entdecken sollten, es wird niemand mehr da sein der die Milliarden für das Genehmigungsverfahren  ausbringen könnte. Wenn irgendwann auch Bayer geschluckt wird (die Firma ist einfach zu klein) gehen hier die Lichter aus.
     
     
     
     

  2. Schon erstaunlich, dass der Fraktionszwang aufgehoben und die Abgeordneten selbständig entscheiden sollen. Ja was denn sonst?

    • c321
    • 18.01.2008 um 15:47 Uhr

    Hallo Lokomotive,auf den ersten Blick ist tatsächlich das komisch, doch es gibt ganz praktische Gründe für die Fraktionsdisziplin.Die Wikipedia ist da keine erschöpfende Quelle, wird aber für den Anfang genügen(ein bisschen runterscrollen bis zum Abschnitt "Gründe").

  3. Ich gebe ihnen recht das Deutschland den Zug weitestgehend verpasst hat. Die meisten deutschen Stammzellforscher arbeiten im Ausland (warten kann man sich als junger Wissenschaftler nicht leisten). Es ist geradezu ruehrend wie ein paar Millionen in die Stammzellforschung investiert werden waehrend gleichzeitig Kalifornien 300 Millionen Dollar investiert. Waehrend von Spitzenforschung und internationaler Exzellenz geredet wird heisst es bei vielen Zukunftstechnologien wohl eher 'Dabeisein ist alles'.Trotzdem ist eine Aenderung der Stichtagsregel noch sinnvoll um Wissen im Land zu halten und an auf die Stammzellforschung aufbauenden Technologien arbeiten zu koennen. Immerhin ist der Rueckstand diesmal weniger als 5 Jahre, bei der Gentechnik Anfang der 80er Jahre hatte Deutschland noch 10 Jahre Rueckstand aufgebaut bevor gehandelt wurde.

  4. Aus der ehemaligen Gentechnik vom Ende der 70er ist in den USA die Biotech-Industrie geworden. Alleine die drei grössten im S&P 500 gelisteten Biotech-Unternehmen haben eine Marktkapitalisierung von   170 Mrd USD (http://biz.yahoo.com/ic/bi.html ).  Jedes davon ist so viel Wert wie Bayer.
    In Deutschland wurde nicht nur die Produktion (man erinnert sich an das Spektakel um die Insulin-Produktionsanlage von Hoechst) sondern gleich die ganze F&E mit ausgelagert.
    Jetzt fehlt einfach die Basis der Pyramide. D.h. eine finanzstarke Industrie, die Gewinne erwirtschaftet und die Umsetzung von Grundlagenforschung in marktfähige Produkte finanzieren kann.
     
     

  5. ... die Straftaten anderer toleriert indem man deren Ergebnisse in Deutschland benützen darf wirft das eher kein gutes Bild auf unsere Entscheider. Ich weiß ehrlich gesagt im Moment nicht welche Meinung ich da haben soll. Nur das man zwar nicht selbst Stammdaten erzeugen darf aber diejenigen benützen darf die andere (was bei uns nicht erlaubt ist) erzeugt haben ist ein verlogenes Unding.

  6. Der Mensch beginnt bei der Geburt

    Wann beginnt der Mensch? Der Mensch ist Seele und als Seele ist er unsterblich.
    Wenn man nun fragt, wann beginnt denn das jeweilige Leben als Mensch in dieser Inkarnation, dann kommt man nicht umhin (übrigens auch entsprechend der Bibel) zu sagen: bei der Geburt mit dem ersten Atemzug gehen wir als Seele in den jeweiligen Körper hinein. Und der kleine Mensch beginnt zu existieren, der Körper beginnt allein zu existieren, als individuelle Lebenseinheit, weil eben die Seele ihn mit Leben erfüllt. Ohne diesen 'Seeleneinheit' in allem gibt es kein Leben, sei es pflanzlich, tierisch oder menschlich.
    Wenn dem so ist, dann kann man die ganze Diskussion um Stammzellen vereinfachen, denn es sind nur Zellen, die irgendwie und irgendwo 'bearbeitet' werden. Man kann also ruhig auch vom moralischen Standpunkt aus die Dinge mit Gelassenheit betrachten.

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