Verlag Mein Zahnarzt bohrt für Bücher
Der Verleger Urs Engeler hat Mut, eine Vorliebe für sperrige Poesie und Erfolg. Ein Porträt
Es war vor Jahren in der Rialto-Lounge mitten in der Hamburger Innenstadt. Mirko Bonné und Kerstin Grether hatten gerade aus ihren Büchern und Manuskripten gelesen, die Instrumental-Band Halma verbreitete die Atmosphäre einer ausgedehnten Brettspielrunde. An einem der Tische saßen der Dichter Farhad Showghi und ein anderer Mann: Urs Engeler.
Hatte man sich den Motor deutschsprachiger Experimental-Poesie so vorgestellt? Das Klischee dieses literarischen Genres ist groß, man fällt sofort rein. Engeler sah nicht aus wie die Dadaisten in steifen Anzügen, mit schwarzen Zylindern, die um 1916 die Züricher Hinterzimmer bevölkerten. Sein Haar stand ab, seine Augen sind lebendig man fragt sich, ob die Bücher seines Verlags das bewirken. Was hatte dieser Mann zu lachen?
Angeblich brachten die Schweizer Unruhen 1980 den 1962 in Zürich Geborenen zum Verlagswesen. Wie viele andere war er von den Umbrüchen dieser Zeit beeindruckt und auf der Suche nach neuen extremen literarischen Ausdrucksformen. Seine Vorliebe trieb ihn weit weg vom Mainstream. Er studierte Vergleichende Sprachwissenschaften und volontierte im Züricher Amman-Verlag. Er hat sich selbst beigebracht, was man beherrschen muss, um als Verleger zu bestehen.
Im Jahr 1992 gab er die erste Ausgabe von Zwischen den Zeilen heraus, eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik. Hier veröffentlichten Albert Ostermaier, Thomas Kling, Norbert Hummelt und Marcel Beyer ebenso wie ihre bereits namhaften Kollegen Friederike Mayröcker und Jürgen Theobaldy. In der Zeitschrift erscheinen auch Texte über das Schreiben von Gedichten. Inzwischen gibt es 27 Hefte.
Drei Jahre später gründete Engeler den Verlag Urs Engeler Editor. Die Schweizer Korrektur , ein sich selbst kommentierendes, dichtes Gespräch über Poesie und Poetik, geführt von Durs Grünbein, Brigitte Oleschinski und Peter Waterhouse, war das erste Buch in diesem Programm. Seit 1995 lebt und arbeitet Engeler in Basel und in Weil am Rhein. Später hat er eine dritte Vertretung in Wien aufgebaut. Der Sitz des Einmann-Unternehmens ist dort, wo Engeler sich gerade befindet.
Als Verleger ist er besessen, sein Programm kompromisslos: Gedichtbände arrivierter Autoren und von Debütanten, Bücher mit CD und akustische Poesie, poetologische Arbeiten von Dichtern und literaturwissenschaftliche Texte. Sein Interesse gilt vor allem den Mischformen und literarischen Grenzerfahrungen.
Die Herstellungskosten finanziert ein poesiebegeisterter Zahnarzt aus Stuttgart. Ins Programm mischt er sich nicht ein. Einen derart glücklichen Umstand wünschen sich viele Verleger! Engeler ignoriert die Marktgesetze und fördert eine ebensolche Literatur zutage, die ungeahnt intensive Lesefreuden beschert.
Es sind nicht nur große Namen und Klassiker, die Glanz verbreiten: Arthur Rimbaud, Gertrude Stein, Maurice Blanchot, Andrea Zanzotto, Michael Donhauser oder Oskar Pastior. Besonders neue Entdeckungen zeigen, wie direkt und anregend experimentelle Literatur heute sein kann. Mit welcher Wucht kommt Noëlle Revaz' Roman Von wegen den Tieren daher, wie entwaffnend einfach und treffend wirkt Michael Stauffers Normal , wie erbauend erscheint Kurt Aeblis Gedichtband Ich bin eine Nummer zu klein für mich , wie abseitig Farhad Showghis Prosagedichte Die große Entfernung ?
Seine Bücher haben eine Gemeinsamkeit: Sie halten sich zurück mit dogmatischer Absicht und fester Vorstellung. Diese Reduktion ist faszinierend. Die Bücher sind auch dementsprechend gestaltet: Editorial und Klappentext existieren nicht. Einzig die Qualität der Texte und die Schmuckfarbe des Umschlags sollen überzeugen.
Der Verlag wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Hörbuchpreis. Vielleicht auch, weil hier jemand ein großes Risiko eingeht, sich nicht anzupassen an Eindeutigkeit und politisch Korrektes. Er gibt der Wahrnehmung, dem Vagen und der Antastbarkeit den Vorrang. Das macht viele Bücher von Engeler radikal, einzigartig und wohltuend befreiend. Hier ist die Sprache selbst der Ort, von dem sie handelt. Und nicht der, den zu bezeichnen sie vorgibt.
- Datum 23.01.2008 - 07:01 Uhr
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