Hochschulwandel Ein Traum von Universität
Wissenschaftler, Studenten und Hochschulpolitiker schildern ihre ganz persönlichen Visionen.
(1) Sascha Spoun
, Präsident der Leuphana Universität Lüneburg:
Wissen wollen
Wer braucht denn jenseits der virtuellen Welt der wachsenden Wikis noch eine Universität als Ort der Zukunft? Jeder, auch auf der Berghütte! Wenn Wissen umfassend und überall verfügbar ist, muss man es trotzdem erwerben. Es verbinden. Es weiterentwickeln. Diese Teilhabe, diese Akkulturation, die Kritik wie die neue Idee entstehen nicht aus dem Nichts. Und nicht alleine. Weder beim Musiker, noch beim Chemiker oder Ökonomen, so genial Einzelne sind. Sie alle brauchen einen Ort, eine Institution, ein Umfeld, Kollegen.
Mit leuchtenden Augen und ein bisschen Stolz in der Stimme berichtet Esther mit Blick auf den zugefrorenen See von ihrem ersten Semester, ihrer ersten Begegnung mit dem Original Max Weber, einem Text des deutschen Soziologen. Sie berichtet von sperrigem Satzbau, altmodischen Worten und unverstandenen Problemen. Von vielen Fragen. Ja, von ewiger Lesezeit für wenige Seiten. Und sie erzählt von ihrer Professorin, wie sie alle diese neue Welt entdecken ließ, aufschloss, zugänglich machte. Esther verstand, was Webers Ethik in der Verwaltung meinen kann. Ihre Theorie über dänische und italienische Subventionsethik wird sie diesen Sommer testen. Die Ergebnisse sind offen. Ihre Nützlichkeit auch. Aber alle an ihrer Universität unterstützen Esther bei ihrem Projekt zum Abschluss des Freshmen-Jahres. Esther erfährt die Freiheit für ihre akademische Arbeit, die das Tor zu großen Leistungen aufmacht. Esther erfährt das Vertrauen, das Menschen, die aus Leidenschaft für die Sache arbeiten, verdienen. Andere sind sowieso nicht an ihrer Universität. Esther erfährt die Unterstützung und Gemeinsamkeit, die sie und ihre Kommilitonen stark machen statt den Nachbarn zum eignen Leuchten wegdrücken zu müssen. Und Esther erlebt die hohen Erwartungen, die in sie und ihre Potenziale gesetzt werden. Sie will nicht enttäuschen.
Esther ist Studentin und Bürgerin einer Universität, die in der Mitte der Gesellschaft steht. Deren Erkenntnisse sind so gefragt, dass selbst öffentliche Vorlesungen in der Stadt wiederholt werden. Deren Stipendien und Lehrstühle tragen die Namen von verstorbenen Gönnern. Deren Kindergarten und Krankenhaus schätzen die Menschen für ihre neuen Methoden. Die Universität wird einem Bodenschatz gleich als Quelle künftiger Wohlfahrt anerkannt, ohne dass fremdes Aussehen und eigenwillige Eigenart schlecht geredet werden. Auch wenn die etwas abstrakten Überlegungen zur Gerechtigkeit nicht umgesetzt werden, so werden sie doch als Chance begriffen für die Welt von morgen. Jeder will es genauer wissen.
(2) Jürgen Zöllner,
Senator für Bildung, Wissenschaft und Forschung in Berlin:
Die Universität als gesellschaftlicher Marktplatz
Die Universität der Zukunft muss eine offene sein, die über Lehre und Forschung nicht nur wissenschaftliche und wirtschaftliche, sondern gesamtgesellschaftliche Entwicklungen prägt. Sie wird das aber nur dann leisten können, wenn sie mehr noch als früher offen ist für einen gesellschaftlichen Input und damit für eine Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Wissenschaft. Offen heißt aber auch, dass Lehrende wie Lernende im Laufe ihres Lebens immer wieder die Seiten tauschen, d. h. aus der Universität in die Gesellschaft wechseln und zurückkehren.
Diese Vision muss auch Konsequenzen für die Studienplatz- und Hochschulfinanzierung haben: Ich bin davon überzeugt, dass wir keine Studiengebühren brauchen und gleichermaßen kontinuierliche wie unterbrochene Bildungsbiografien und Weiterbildungen ermöglichen müssen. Mein konkreter Vorschlag lautet, ein Bildungsgutscheinsystem einzuführen und diese mit einem kostendeckenden, öffentlichen Finanzierungsmodell "Geld-folgt-Studierenden" zu koppeln: Dieses Modell sorgt einerseits für eine zuverlässige Refinanzierung der tatsächlichen Kosten für das Studium und andererseits für einen qualitätssteigernden Wettbewerb in der Lehre.
Wir brauchen aber auch eine neue Qualität in der Internationalität: Die deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen selbst sind aus sich heraus zu wenig international. Durch die Globalisierung ist unsere Gesellschaft jedoch mit Herausforderungen konfrontiert, denen wir allein auf nationaler Ebene nicht begegnen können - z.B. Umweltschutz, Gesundheit, Verkehr oder die Beschäftigungspolitik. Um in der Wissenschaft einen adäquaten Umgang mit globalen Herausforderungen zu ermöglichen, muss sie in ihrer internationalen Handlungsfähigkeit gestärkt werden. Internationale Kooperation muss daher über projektgebundene Zusammenarbeit hinaus gehen und in einer internationalen Einrichtung neuen Typs verankert werden, in der unsere Spitzenwissenschaftler mit anderen weltweit zusammenarbeiten.
(3) Daniel Opper,
Student an der Universität Göttingen
:
Die Universität der Menschen
Am letzten Tag meines Studiums ging ich hungrig zu Bett, denn ich war nicht satt geworden in all den Jahren. Ich begann zu träumen. Und plötzlich verschwanden die Wände meines Wohnheimzimmers und ein Boot trug mich in eine Welt, der unseren ganz ähnlich, und doch verschieden. Die Menschen dort waren hungrig wie ich, und so gründeten sie eine Universität, der jeder ein Leben lang angehörte. Und sie nannten sie "Die Universität der Menschen", einen Ort, an dem "lebenslange Bildung" ein humanistisches Ideal sein konnte statt Reflex auf die Wünsche eines gewandelten Arbeitsmarktes. Sowieso waren sie dort so vernünftig und ließen die Maschinen für sich arbeiten, nicht umgekehrt.
"Komm!" rief mir eine Studentin zu, und band mein Boot fest. Sie zeigte mir ihren Campus, auf dem die Grenzen zwischen Schule und Universität zu einer Gesamt(hoch)schule verschmolzen waren. "Jeder ist willkommen, gleich seines Alters oder Herkunft. Die Menschen gehen irgendwann und kommen gerne wieder, um Erfahrungen zu teilen oder neue Fragen zu stellen. Anstelle dafür zu bezahlen, erhalten alle aktiv Studierenden ein Grundeinkommen, das, wie der gesamte Haushalt, rein aus Steuergeldern getragen wird. Dafür werden alle Inhalte und Patente öffentliches Gut, denn Erkenntnisse sollen allen gehören. Die Universität der Menschen ist vollkommen unabhängig von Drittmitteln oder den Launen von Politikern. Stattdessen organisiert sie ihre Ziele selbst in einem Bildungsparlament, zu dem alle ihre Mitglieder wahlberechtigt sind - und das wir alle."
Da verstand ich plötzlich, warum die Menschen hier diesen Ort so liebten. Es war nicht nur der Hunger nach Erkenntnis, der hier gestillt wurde, sondern auch der Durst nach des Menschen kostbarstem Gut, das hier in Überfluss vorhanden war, da kein Mensch es eilig haben musste. In dem Moment klingelte in der Ferne mein Wecker. Ich stieg in mein Boot und löste das Band, da rief mir die Studentin hinterher: "Lass Dir Zeit!"
(4) Walther Ch. Zimmerli
, Präsident der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus:
Die deutsche Universität im Plural
Was mich daran hindert, eine Vision für die deutsche Universität zu formulieren, ist genau die Aufgabe, eine Vision für die deutsche Universität zu formulieren. Anders gesagt: wir alle leiden an diesem Erbe des Platonismus, die Vielheit auf die Einheit reduzieren zu wollen.
Meine Vision von einer erstrebenswerten Universitätslandschaft in Deutschland ist zunächst einmal: Vielheit.
· Vielfalt der Hochschultypen, von der klassischen Universität über die Fachhochschule bis zur Business School und zur Unternehmenshochschule
· Vielfalt der Finanzierungsmodelle, von den staatlichen über die privaten bis zu den Stiftungsuniversitäten
· methodischer und didaktischer Reichtum: von der frontalen Vorlesung über das Semi-nar bis zum Projektstudium, von der Präsenz- über die Distanz- bis zur blended learning-Einrichtung
· unterschiedliche Kooperationsmodelle: von der klassischen Zusammenarbeit der Hochschulen über Kooperationsnetzwerke mit Firmen bis zur weitgehend virtuellen Einrichtung mit "flying faculties"
· eine bunte Palette von Zielpublika: von der traditionellen Studierendenkohorte (18 bis 25 Jahre) über die Executive-Programme bis hin zu Lifelong Learning (inkl. Kinder- und Seniorenuniversität)
Handelt es sich hierbei nur um Fieberträume eines Pluralismus-Süchtigen? - Nein, vorläufig geht es nur darum, ein staatsmonopolistisches Bildungssystem aufzubrechen, also bloß um eine nachholende Revolution. Alles, was hier beschrieben ist, gibt es schon irgendwo; es kommt darauf an, auch bei uns die Schleusen zu öffnen.
Und wodurch wird das möglich? Ausgerechnet durch die von unseren Systemverteidigern so gescholtene Bologna-Reform, deren visionäres Kernstück besteht nämlich nicht aus den gestuften Studiengängen, sondern in den ungeheuren (und ungenutzten) Möglichkeiten der Modularisierung.
Ich sehe eine Zeit heraufkommen, in der sich Menschen unterschiedlichster Herkunft völlig frei in der akademischen Welt von einer Hochschule zur anderen und von einem Studiengang zum anderen bewegen können. Ich sehe eine Zeit heraufkommen, in der dies nicht nur nicht auf die Erstausbildung beschränkt bleibt, sondern in der die Idee des lebenslangen modularisierten Lernens Wirklichkeit geworden sein wird.
Die Credit Points des ETCS-Systems sind die international gültige Währung, in der sich der universitäre Welt- und Bildungsmarkt bewegt; die Module sind die weltweit kombinierbaren Wissensbestandteile, die das lebenslange Lernen erst ermöglichen.
Ich sehe die Leibniz-Welt des Wissens heraufdämmern, in der sich jedes Wissenselement mit jedem Wissenselement beliebig verbinden und zu neuen Wissensformen weiterentwickeln lässt.
Die Idee der Einheit von Lehre und Forschung wird im Hegelschen Sinn aufgehoben in dieser Vielheit von Lehre und Forschung.
(5) Sandra Pott
, Professorin für Neuere deutsche Literatur, Universität Stuttgart:
Wir sind Universität
Die Universität der Zukunft ist persönlich. Wenn die Bevölkerung abnimmt, dann darf kein Talent verschwendet werden: Es muss um das Individuum gehen und nicht um eine amorphe Masse von Studierenden oder nur um eine kleine Elite. Diese Individuen studieren auf der Grundlage eines akademischen Generationenvertrags. Er bevorzugt die Jungen, nimmt aber auch die Älteren als Zielgruppe ernst. Grundlage einer solchen persönlichen und generationenübergreifenden Universität ist eine neue Ethik: Als höchste Werte betrachtet sie Faszinations- und Anstrengungsbereitschaft; sie setzt auf Vorbilder und lehnt es ab, eine akademische Minimalausbildung zu konsumieren.
Denn die Universität der Zukunft interessiert alles. Im globalen Wettbewerb um Wissen, seine Anwendung und Vermarktung können wir uns akademischen Provinzialismus und Grabenkämpfe etwa zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften nicht leisten. Weltoffene und experimentierfreudige Neugier zählen ebenso viel wie der Mut zum intellektuellen Abenteuer, zum Risiko, zur kreativen Zerstörung des Gegebenen. Die Beliebigkeit der Positionen gehört der Vergangenheit an; sie wird durch genaue Analyse und sachlich begründete Meinung abgelöst. Es gilt zu streiten um knappe Ressourcen intellektueller, ökologischer, ökonomischer und finanzieller Art, nicht nur in academia.
Mit ihren Themen, Verfahren und Zielen spricht die Universität der Zukunft alle an. Weder verbarrikadiert sie sich im Elfenbeinturm noch riegelt sie sich hinter hohen Campusmauern ab. Vielmehr dämmt sie das akademische Umsichselbstkreisen, das Micromanagement, die Evaluation, auf ein Mindestmaß ein. Sie kultiviert einen stilvollen akademischen Hedonismus jene Muße, aus der eine produktive Verbindung von Neuem und Altem erst entstehen kann: Universitas ist das Ganze, die Lust am Intellekt, an Forschung und Kultur. Eine solche Universität hinkt gesellschaftlichen Trends nicht hinterher, sondern führt sie an. Sie wird zum Think Tank für die Gesellschaft in der Gesellschaft.
(6) Birger P. Priddat
, Präsident der privaten Universität Witten/ Herdecke:
Wozu Universität?
1. Universitäten sind Ort des längeren Gedankenspiels: die einzigen oft in einer Gesellschaft.
2. Das wäre eine Qualität als Maß für die Universitätsentwicklung: nicht größer werden, sondern konzentrierter, fokussierter, gedankenvoll.
3. Organisatorisch folgt dem dies: Zerfällen aller großen Universitäten in viele kleine. Jedes Seminar hat sein eigenes Gebäude innerhalb der Stadt, in urbaner Umgebung.
4. Vergessen wir die Lehrstühle: nicht lehren (im blinden Weitergeben), sondern ins Denken bringen: wäre die Aufgabe. Der Denkstuhl denkt über die Art und Weise nach, wie er Denken erzeugen kann: als Induktionsphänomen.
5. Nicht dass Wissenschaft betrieben wird, zeichnet eine Universität aus, sondern dass sie das im Kontext von jungen Studenten tut, die jeweils in die Wissensschübe hinein genommen werden. Universitäre Wissenschaft ist Wissenschaft + Attraktion junger Geister für Wissenschaft bzw. für Freiheit im Denken als Herausforderung.
6. Universität ist das Gespräch der Wissenschaftler im Gespräch mit den Studenten. Beide Foren interferieren. Wissenschaft kann völlig unabhängig von Universitäten geschehen; aber es ist den Universitäten abträglich, wenn die Kollegen nicht mehr die Studenten wie selbstverständlich in ihr elaboriertes Gespräch einbeziehen.
7. Alles andere ist das Erlangen von Zertifikaten für beglaubigten sozialen Aufstieg. Universitäten hingegen lehren nicht, sondern lassen die jungen Leute Forscher begleiten: im Denken, im Nachdenken, im Laborieren, etc.
8. Die Universitäten des 21. Jahrhunderts (des 3. Jahrtausends) kultivieren das, was in Gesellschaften knapp ist: gelassener Geist, lange Gespräche und Freude am Denken. Alles andere folgt daraus.
(7) Fritz Breithaupt,
Professor an der Indiana University in Bloomington, USA:
Die Grüne Uni
Die grüne Uni ist eine Universität, die ihre Selbstveränderung zum Kerngeschäft erklärt. Die Herausforderungen an die Zukunft fangen bei der Uni an. Konkret heißt dies, dass in den Seminaren und Arbeitsgruppen nicht nur theoretisch über Klimaschutz, Überalterung der Bevölkerung, Pädagogik und Wettbewerbssteigerung der Republik nachgedacht wird, sondern konkret die Uni verändert wird, so dass die Einsichten des Seminars berücksichtigt werden. Eine der Ironien der Akademie ist es ja, dass sie der Ort ist, der sich den Ideen der Pädagogen am hartnäckigsten entzieht. Und wer, wenn nicht die Studenten, hat zu derartigen Veränderungen der Institution den freiesten Kopf und packt auch mal mit an?
Nehmen wir zunächst ein klassisch grünes Thema: den Klimaschutz. Wie muss ein Lehrplan aussehen, der Klimaschutz integriert? Die Antwort ist einfach: es ist ein Lehrplan, in der viele Köpfe aus den unterschiedlichsten Ecken über Klima nachgedacht haben. Bei den Politologen könnte dies zu Simulationen der künftigen Verhandlungen des Kyoto-Protokolls führen, bei den Botanikern zu Projekten zur Verschiebung der Biotope und bei den Betriebswirten zu realistischen Einschätzungen der Kosten des Umweltschutzes. Und gemeinsam können die Studis eine entsprechende Praktika-Börse mit anschließendem Erfahrungsaustausch auf die Beine stellen, der hoffentlich auch zu konkreten Maßnahmen des Ressourcenschutzes an der Uni selbst führt. Solarzellen können auch Studenten mit etwas Anleitung aufstellen; und die papierfreie Uni ist längst möglich.
Die deutsche Universität krankt an zweierlei: starren, hierarchischen Strukturen und einem Verlust an gesellschaftlicher Bedeutung. Damit die Uni dorthin kann, wo sie hingehört, nämlich ins Zentrum der Gesellschaft, muss sie schneller auf die Anforderungen der Zeit antworten. In einem Wort: die Uni braucht mehr feed-back-Schleifen. Selbstveränderung schließt Experiment und Risiko ein.
Wenn ein neuer Studiengang in der Luft liegt, könnte er doch einmal als Pilotprojekt ausprobiert werden in Kooperation von ein paar Fachbereichen: Futurologie, Neuromarketing, Emissionsmanagement etwa. In der heutigen Berufswelt, in der jeder ständig umlernen muss, offerieren derartige Ausbildungsprofile bereits auf dem B.A. Niveau durchaus realistische Einstiegschancen und das neue Credit-System gewährt Leistungsstandards. Und dass dort auch ernsthafte Forschung möglich ist, belegen zahlreiche laufende Projekte an deutschen Hochschulen. Dass in solchen Kreationen Studenten, Professoren und Univerwalter am runden Tisch sitzen, versteht sich von selbst.
Von der Selbstveränderung der Uni ist natürlich nicht nur der Lehrplan betroffen. Was bedeutet etwa die Vergreisung Deutschlands für die Uni? Unter anderem, dass man sich Gedanken darüber machen muss, wie die Über-Zwanzigjährigen sinnvoll studieren können und wie die Erfahrungsschätze von Rentnern an der Uni genutzt werden können.
Welcher angehende Betriebswirt würde nicht gern einmal der Uni auf den Zahn fühlen und Einblick in die Bücher nehmen, um eine Alternative zur nächsten Sparoffensive vorzulegen? An der Grünen Uni würden die Studis dazu ermutigt. Ähnlich dem Börsenspiel könnten die Ökonomen diverse konkurrierende Uni-Simulationen durchführen. Was passiert, wenn der Betrieb Universität seine Mittel anders investiert? Das kann als Übung anfangen, aber zu konkreten Initiativen führen.
Grün ist an dieser Uni, dass die Universität bei sich selbst anfängt und sich für verantwortlich erklärt. Aber die Farbe ist mir egal. Es könnte auch schwarz, rot oder gelb sein. Hauptsache die Universität bekennt Farbe.
(8) Peter Strohschneider,
Vorsitzender des Wissenschaftsrats:
Ort der Erkenntnis
Dürfte man einmal bei Licht sich wegträumen von den Aufgaben, Herausforderungen und Verpflichtungen des Alltags? Ein Ort, sich die Köpfe heiß zu reden, wäre dann meine zukünftige Universität: die Köpfe sich heiß zu reden über die Grenzen von Generationen, Staatsangehörigkeiten, Hierarchien, Fächern oder theoretischen Ausgangspositionen hinweg; die Köpfe rauchen zu lassen nicht über die Raumnot, den Drittmittelfaktor oder die Verlegung der Semesterzeiten, sondern über das Verstehen unserer selbst und die Gestaltung der Welt.
Ich denke und träume mir die Universität also als einen Ort, der geprägt wird von Erkenntnisleidenschaft, von der Faszination des Denkens, von der Lust am Entdecken - und wo man die Erfahrung dieser Lust und jener Leidenschaft auch denen zu vermitteln weiß, die für wissenschaftsferne berufliche Tätigkeiten und zivilgesellschaftliches Engagement ausgebildet werden. Ein Raum wäre diese Universität, in dem es nicht allein ums Einzelne, sondern um dessen Zusammenhänge ginge, ja - im Bewusstsein seiner Unerreichbarkeit - ums Ganze. Sie wäre jener Raum, in dem man wenigstens intellektuell aufs Ganze gehen könnte.
Die erträumte Universität würde also weniger als Organisation belangvoll sein, denn als eine Lebensform, die man sich für einige Jahre oder immer wieder oder, in einigen Fällen, auf Dauer zu eigen machte. Alles Organisatorische, die Finanzen und die Studienordnungen, die Gremien und die Evaluationen wären bloß, was sie tatsächlich sind: Mittel zum Zweck freier, kreativer wissenschaftlicher Arbeit von Lehrenden und Studierenden. Eine solche Universität würde Stars ebenso gut aushalten können, wie schräge Vögel, sie würde Zeit geben, ja auch Muße zulassen, und sie würde vom Irrtum als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis wissen. Wirklich gereizt aber würde eine solche Universität reagieren auf Denkfaulheit und Reflexionsverweigerung, auf Gelangweiltheit und Opportunismus. Und sie wäre wohl nicht seit Generationen strukturell unterfinanziert.
Tagträumereien? Tagträumereien!
(9) Jochen Hörisch
, Literatur- und Medienwissenschaftler:
Versuch über einen geglückten akademischen Tag
Der Professor ist aus süßen Träumen erwacht, durchs Fenster grüßt ihn die Indian-Summer-Sonne, ihn streift der verliebte Blick seiner Frau. Er joggt über den Campus, die besten Ideen kommen beim Joggen. Was hat die neue Kollegin gestern Abend gesagt, als man nach dem obskuren Vortrag des berühmten Gastes noch beisammen saß und dem alten in vino veritas-Spruch vertraute? Klang verrückt, könnte aber was dran sein, das muss und will ich rausfinden, ob die spinnt oder ob sie eine genieverdächtige Intuition hat.
Ach, da joggt sie ja auch. Hey, wir treffen uns zum Lunch im Faculty-Club, ich muss dich was fragen, komme da mit meinem neuen Buch nicht weiter. Wie der Kaffee duftet; wie die fünf Kinder durcheinanderschnattern, die Schule, die Uni und das Leben sind doch deutlich besser als ihr Ruf. Zumal in den Morgenstunden, wenn ich meine Privilegien nutze und drei ruhige Stunden, die E-Mailskönnen warten, zu Hause arbeite, schreibe, forsche. Ach, die dummen Sprüche, sie haben doch was, je freier der Forscher, desto forscher .
Halt, political correctness. An der irren These könnte was dran sein, man schluckt sie zwar nicht so leicht wie das Essen im Club, aber ich probier mal aus, was gleich die Doktoranden im Kolloquium sagen, wenn ich die These in die Diskussion einfließen lasse. Der eine, definitiv der klügste, das fiel mir schon beim langen Gespräch in der Bibliothek letzte Woche auf, der merkt was. Nun noch das kurze Treffen über Institutsangelegenheiten, halbe Stunde, alles vorbei. Dabei hatten es die Vorschläge in sich: Gutachten sollten uni-öffentlich sein, wir wollen doch wissen, wie urteilssicher der Gutachter in den letzten Jahren war. Und unsre Zeitschrift sollte immer die problematischste unter den letzten Rezensionen nun eben ihrerseits rezensieren lassen.
Und bei den Berufungskommissionen müssten wir im eigenen Interesse mehr Exogamie zulassen, die Hälfte der Kommissionsmitglieder sollten aus anderen Fächern und von anderen Unis kommen. Na, das gibt Diskussionen. Hat der das ernst gemeint, als er vorschlug, Drittmittel sollten nur die bekommen, die ihre Zeit nicht mit der Produktion von Antragsprosa, sondern mit Forschung und Lehre verbracht haben wie beim Leibniz-Preis? Heut Abend wieder ein Vortrag? Nein, wir sollten lieber mit den Kindern ins Konzert gehen. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum; wie eng verwandt doch Mathematik und Musik sind, dieser Aufstieg der Violinen, welcher höher ist denn alle Vernunft. Wie viel Vernunft doch in der Uni steckt wenn sie gelassen wird. Hier spielt die Musik.
Jochen Hörisch ist Professor für neuere deutsche Literatur und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Zuletzt erschienen Das Wissen der Literatur (München Fink Verlag 2007) und Vorletzte Fragen (Stuttgart Omega Verlag 2007).
(10) Wolfgang Frühwald
, ehemaliger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und bis Ende des Jahres der Alexander-von-Humboldt-Stiftung:
Universitas magistrorum et discipulorum
Der Unterschied zwischen Departments der Humanities in den USA und deutschen Instituten ist meist daran zu sehen, dass dort die Türen aller Professorenzimmer weit offen stehen, diese Türen in Deutschland aber geschlossen sind. Das ist keine nur äußerliche Differenz, sondern ein Unterschied in Begriff und Praxis der Universität. Er verweist auf zwei grundverschiedene Kulturen des Lehrens und Lernens. Die offene Türe nämlich sagt den Studenten und den Kollegen: Bitte komm herein und sprich mit mir! Die verschlossene Türe aber signalisiert: Ich werde ungern in meiner Forschungsarbeit gestört. Bitte melde Dich an!
Als Hegel im Oktober 1830 eine Rede aus Anlass der Rektoratsübergabe an der Berliner Universität hielt, gab er Rechenschaft über die Zahl der Studierenden, über ihre Sitten und die ausgesprochenen Disziplinarstrafen, über die Zusammenarbeit von Staat und Universität, über die (für ihn viel zu geringe) Zahl der Freitische für arme Studierende sowie den Plan eines allgemeinen Krankenvereins für die Pflege und Heilung dürftiger Studierender. Von der Forschungsleistung seiner Universität hat er nicht gesprochen, sie verstand sich von selbst.
Diese Einstellung zur Universität haben die amerikanischen Research-Universities aus dem deutschen System übernommen und weiterentwickelt. Wir versuchen heute, mit der Exzellenzinitiative die Universitäten wieder zum organisierenden Zentrum des Wissens zu machen. Wir müssten zugleich energisch beginnen, sie vom Verhältnis der Lehrenden zu den Lernenden neu zu denken. Universität muss wieder als eine Lebensgemeinschaft von Lehrern und Schülern verstanden werden, deren Ziel es ist, Wissen und Erkenntnis als eine lebensleitende Erfahrung bewusst zu machen. Nur so wird sie überleben und ihre kulturelle Aufgabe im Leben der Gemeinschaft erfüllen.
- Datum 18.01.2008 - 06:47 Uhr
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