Hochschulwandel Ein Traum von UniversitätSeite 3/3

“Grün” ist an dieser Uni, dass die Universität bei sich selbst anfängt und sich für verantwortlich erklärt. Aber die Farbe ist mir egal. Es könnte auch schwarz, rot oder gelb sein. Hauptsache die Universität bekennt Farbe.

(8) Peter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrats:
Ort der Erkenntnis

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Dürfte man einmal bei Licht sich wegträumen von den Aufgaben, Herausforderungen und Verpflichtungen des Alltags? Ein Ort, sich die Köpfe heiß zu reden, wäre dann meine zukünftige Universität: die Köpfe sich heiß zu reden über die Grenzen von Generationen, Staatsangehörigkeiten, Hierarchien, Fächern oder theoretischen Ausgangspositionen hinweg; die Köpfe rauchen zu lassen nicht über die Raumnot, den Drittmittelfaktor oder die Verlegung der Semesterzeiten, sondern über das Verstehen unserer selbst und die Gestaltung der Welt.

Ich denke und träume mir die Universität also als einen Ort, der geprägt wird von Erkenntnisleidenschaft, von der Faszination des Denkens, von der Lust am Entdecken - und wo man die Erfahrung dieser Lust und jener Leidenschaft auch denen zu vermitteln weiß, die für wissenschaftsferne berufliche Tätigkeiten und zivilgesellschaftliches Engagement ausgebildet werden. Ein Raum wäre diese Universität, in dem es nicht allein ums Einzelne, sondern um dessen Zusammenhänge ginge, ja - im Bewusstsein seiner Unerreichbarkeit - ums Ganze. Sie wäre jener Raum, in dem man wenigstens intellektuell aufs Ganze gehen könnte.

Die erträumte Universität würde also weniger als Organisation belangvoll sein, denn als eine Lebensform, die man sich für einige Jahre oder immer wieder oder, in einigen Fällen, auf Dauer zu eigen machte. Alles Organisatorische, die Finanzen und die Studienordnungen, die Gremien und die Evaluationen wären bloß, was sie tatsächlich sind: Mittel zum Zweck freier, kreativer wissenschaftlicher Arbeit von Lehrenden und Studierenden. Eine solche Universität würde Stars ebenso gut aushalten können, wie schräge Vögel, sie würde Zeit geben, ja auch Muße zulassen, und sie würde vom Irrtum als Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis wissen. Wirklich gereizt aber würde eine solche Universität reagieren auf Denkfaulheit und Reflexionsverweigerung, auf Gelangweiltheit und Opportunismus. Und sie wäre wohl nicht seit Generationen strukturell unterfinanziert.

Tagträumereien? Tagträumereien!

(9) Jochen Hörisch , Literatur- und Medienwissenschaftler:
Versuch über einen geglückten akademischen Tag

Der Professor ist aus süßen Träumen erwacht, durchs Fenster grüßt ihn die Indian-Summer-Sonne, ihn streift der verliebte Blick seiner Frau. Er joggt über den Campus, die besten Ideen kommen beim Joggen. Was hat die neue Kollegin gestern Abend gesagt, als man nach dem obskuren Vortrag des berühmten Gastes noch beisammen saß und dem alten „in vino veritas“-Spruch vertraute? Klang verrückt, könnte aber was dran sein, das muss und will ich rausfinden, ob die spinnt oder ob sie eine genieverdächtige Intuition hat.

Ach, da joggt sie ja auch. Hey, wir treffen uns zum Lunch im Faculty-Club, ich muss dich was fragen, komme da mit meinem neuen Buch nicht weiter. Wie der Kaffee duftet; wie die fünf Kinder durcheinanderschnattern, die Schule, die Uni und das Leben sind doch deutlich besser als ihr Ruf. Zumal in den Morgenstunden, wenn ich meine Privilegien nutze und drei ruhige Stunden, die E-Mailskönnen warten, zu Hause arbeite, schreibe, forsche. Ach, die dummen Sprüche, sie haben doch was, „je freier der Forscher, desto forscher …“.

Halt, political correctness. An der irren These könnte was dran sein, man schluckt sie zwar nicht so leicht wie das Essen im Club, aber ich probier mal aus, was gleich die Doktoranden im Kolloquium sagen, wenn ich die These in die Diskussion einfließen lasse. Der eine, definitiv der klügste, das fiel mir schon beim langen Gespräch in der Bibliothek letzte Woche auf, der merkt was. Nun noch das kurze Treffen über Institutsangelegenheiten, halbe Stunde, alles vorbei. Dabei hatten es die Vorschläge in sich: Gutachten sollten uni-öffentlich sein, wir wollen doch wissen, wie urteilssicher der Gutachter in den letzten Jahren war. Und unsre Zeitschrift sollte immer die problematischste unter den letzten Rezensionen nun eben ihrerseits rezensieren lassen.

Und bei den Berufungskommissionen müssten wir im eigenen Interesse mehr Exogamie zulassen, die Hälfte der Kommissionsmitglieder sollten aus anderen Fächern und von anderen Unis kommen. Na, das gibt Diskussionen. Hat der das ernst gemeint, als er vorschlug, Drittmittel sollten nur die bekommen, die ihre Zeit nicht mit der Produktion von Antragsprosa, sondern mit Forschung und Lehre verbracht haben –wie beim Leibniz-Preis? Heut Abend wieder ein Vortrag? Nein, wir sollten lieber mit den Kindern ins Konzert gehen. Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum; wie eng verwandt doch Mathematik und Musik sind, dieser Aufstieg der Violinen, welcher höher ist denn alle Vernunft. Wie viel Vernunft doch in der Uni steckt – wenn sie gelassen wird. Hier spielt die Musik.

Jochen Hörisch ist Professor für neuere deutsche Literatur und Medienanalyse an der Universität Mannheim. Zuletzt erschienen Das Wissen der Literatur (München Fink Verlag 2007) und Vorletzte Fragen (Stuttgart Omega Verlag 2007).

(10) Wolfgang Frühwald , ehemaliger Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft und bis Ende des Jahres der Alexander-von-Humboldt-Stiftung:
Universitas magistrorum et discipulorum

Der Unterschied zwischen Departments der Humanities in den USA und deutschen Instituten ist meist daran zu sehen, dass dort die Türen aller Professorenzimmer weit offen stehen, diese Türen in Deutschland aber geschlossen sind. Das ist keine nur äußerliche Differenz, sondern ein Unterschied in Begriff und Praxis der Universität. Er verweist auf zwei grundverschiedene Kulturen des Lehrens und Lernens. Die offene Türe nämlich sagt den Studenten und den Kollegen: ‚Bitte komm herein und sprich mit mir!’ Die verschlossene Türe aber signalisiert: ‚Ich werde ungern in meiner Forschungsarbeit gestört. Bitte melde Dich an!’

Als Hegel im Oktober 1830 eine Rede aus Anlass der Rektoratsübergabe an der Berliner Universität hielt, gab er Rechenschaft über die Zahl der Studierenden, über ihre „Sitten“ und die ausgesprochenen Disziplinarstrafen, über die Zusammenarbeit von Staat und Universität, über die (für ihn viel zu geringe) Zahl der Freitische „für arme Studierende“ sowie den Plan „eines allgemeinen Krankenvereins für die Pflege und Heilung dürftiger Studierender“. Von der Forschungsleistung seiner Universität hat er nicht gesprochen, sie verstand sich von selbst.

Diese Einstellung zur Universität haben die amerikanischen Research-Universities aus dem deutschen System übernommen und weiterentwickelt. Wir versuchen heute, mit der Exzellenzinitiative die Universitäten wieder zum organisierenden Zentrum des Wissens zu machen. Wir müssten zugleich energisch beginnen, sie vom Verhältnis der Lehrenden zu den Lernenden neu zu denken. Universität muss wieder als eine Lebensgemeinschaft von Lehrern und Schülern verstanden werden, deren Ziel es ist, Wissen und Erkenntnis als eine lebensleitende Erfahrung bewusst zu machen. Nur so wird sie überleben und ihre kulturelle Aufgabe im Leben der Gemeinschaft erfüllen.

 
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