Klassik »Er sah mich als Verräter«

Der junge Nikolaus Harnoncourt spielte noch Cello unter Karajans Leitung. Später wurde er als Dirigent dessen bedeutendster Antipode. Doch im Gespräch zeigen sich auch Gemeinsamkeiten

Er hat wie kein anderer bewirkt, dass Musik des Barock heute überwiegend auf historischen
Instrumenten gespielt wird, dass Interpreten sich für die musikalischen Sprachregeln der
Epochen bis hin zur Romantik interessieren. Damit steht Nikolaus Harnoncourt im Gegensatz zu den einheitlich am »modernen« Orchesterklang orientierten Interpretationen, wie Karajan sie realisierte. Der Konflikt der beiden Lager trug zeitweise ideologische Züge bis hin zu Karajans Festspielverbot für den Revolutionär. Heute gelten beide als die einflussreichsten Dirigenten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Grund genug, mit Harnoncourt über den Mann zu sprechen, unter dessen Leitung er einst selbst spielte. Ebenfalls anwesend: Harnoncourts Frau Alice, Geigerin, ein Jahr jünger als er. Während unseres Treffens in der Wiener Wohnung des Ehepaars ist sie über eine Partitur gebeugt – und greift ins Gespräch ein, wenn’s nötig ist.

ZEIT Geschichte: Sie gelten als Antipode Karajans schlechthin. In seinen späten Jahren waren Sie ein rotes Tuch für ihn ...

Nikolaus Harnoncourt: So einfach ist das nicht. Ich bin 1948 nach Wien gekommen. Ich war schon hochgradig verliebt, wollte unbedingt heiraten und so bald wie möglich ins Orchester, als Cellist. Karajan wurde sehr bald Chef der Wiener Symphoniker. Da war 1952 eine Stelle frei, es gab mehr als vierzig Bewerber. Da waren Karajan und die Stimmführer des Orchesters, und ich höre ihn murmeln: »Wie der sich schon hinsetzt, den engagier ich.« Da hatte ich überhaupt noch

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keinen Ton gespielt. Ich hab dann unglaublich lang spielen müssen. Normalerweise spielt einer eine halbe Minute oder so was. Aber ich musste den ganzen ersten Satz vom Dvorák-Konzert spielen und ... also ich hatte den Eindruck, dass der Karajan gern zugehört hat. Und dann waren da noch so komische Raffinessen. Ich musste eine Stelle extrem leise spielen, wie das fast nicht hörbar ist, und dann genau dieselbe Stelle so laut, wie’s überhaupt möglich ist – also eigentlich eine sehr raffinierte Probespieltechnik. So etwas habe ich bei andern Dirigenten kaum wieder erlebt. Das Ergebnis war – ich bin engagiert worden.

ZEIT: Wofür hat Karajan damals musikalisch gestanden? War das für Sie ein Aufbruch in die Zukunft?

Harnoncourt: Das Erste, was wir gemacht haben, war ein Beethoven-Zyklus. Das war ein großer Eindruck, der ist für mich eigentlich bleibend. Es war das Knackige, gar nicht wie beim späteren Karajan. Es war stürmisch und sehr geformt. Er war wesentlich genauer als Furtwängler. Ich erinnere mich noch an Details in den Proben, wo ich wirklich sehr viel gelernt habe, auch für meine eigene Interpretation später. Einmal hat er das ganze Orchester weggeschickt und den Anfang vom langsamen Satz der Fünften Sinfonie mit den Celli allein eine halbe Stunde geprobt, nur diesen Anfang. Er hatte schon sehr genaue Vorstellungen, wie es im Detail klingen soll. Sein Beethoven war vielleicht eine Fortsetzung der Ideen Toscaninis und ein Anti-Furtwängler. Toscanini hat nicht die kleinste Temporückung geduldet. Der schnellste Beethoven, den es je gab, war der von Toscanini, und da war Karajan sehr nahe.

ZEIT: Wilhelm Furtwängler war damals immer noch der große Rivale, den schon Karajans Aufstieg im »Dritten Reich« geärgert hatte.

Harnoncourt: Die beiden haben sich offensichtlich nicht gemocht. Wenn Furtwängler in Wien war und Karajan dirigierte, dann kam Furtwängler ins Konzert. Aber immer verspätet, so nach zehn Minuten. Er war sehr groß, da hat der ganze Saal etwas bemerkt. Und ich habe mir eingebildet, dass in dem Moment, wo Furtwängler den Saal betrat, das Orchester anders geklungen hat. Und das hat Karajan auch gespürt, der mit dem Rücken zum Saal stand. Ich kann mich erinnern, dass er einmal gemurmelt hat: »Aber ich bin 20 Jahre jünger.« Da wusste ich, wer gemeint war.

ZEIT: Haben Sie Karajan dann näher kennengelernt?

Leser-Kommentare
    • aji
    • 06.04.2008 um 1:06 Uhr

    "[...]Ich war eher gegen das übliche Musikleben. Man geht abends ins Konzert,
    um sich von der Arbeit zu erholen und Schönheit zu trinken. Ich war der
    Meinung, dass die Musik absoluten Vorrang hat, dass sie Einblicke gibt,
    dass sie überhaupt nicht zur Erholung taugt, wenigstens nicht die
    Musik, die wir machen. Dass der Sinn von Musik ist, den Menschen zu
    erschüttern und ihn zu verändern. Wenn etwas komponiert ist, um die
    Auseinandersetzung mit Leid und Tod zu schildern, dann hilft das den
    Menschen[...]"Da kann ich dem Hr. Harnoncourt nur beipflichten, obwohl dies natuerlich eine sehr persoenliche Ansicht ist.  In den letzten Jahren bemerke ich immer mehr wie wenig sich  Musik als Hintergrund, als Berieselung oder eben auch zur Erholung eignet.  Musik ist eine Herausforderung, eine Auseinandersetzung mit zutiefst Menschlichen Thematiken.  Wobei ich dabei nicht sagen moechte dass Musik nicht schoen sein kann und der Genuss nicht eine Wohltat ist.  Nein im Gegenteil, denn die Musik kann wie kaum eine andere Ausdrucksart die Tiefen - und natuerlich auch Hoehen - der menschlichen Wesensart mitteilen.  Ja, die Musik hat absoluten Vorrang!

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