Jugendkriminalität Auf dem heißen Stuhl
Vom Kriminellen zum Krisenbewältiger: Skanda, 24, arbeitet als Anti-Aggressionstrainer in Berlin. Er weiß, wovon er spricht. Ein Gespräch
Aufgewachsen ist Skanda im sozialen Brennpunkt Berlin-Lichterfelde. Bereits mit 13 Jahren wurde er kriminell und beging zahlreiche Straftaten, unter anderem Einbrüche und Körperverletzungen. Seit zwei Jahren arbeitet er ehrenamtlich als Anti-Aggressionstrainer mit Berliner Schülern und jungen Erwachsenen. Er ist Vater einer dreijährigen Tochter und eines einjährigen Sohnes.
ZEIT online:
Inwiefern hilft dir deine eigene Vergangenheit bei der Arbeit als Anti-Aggressionstrainer?
Skanda:
Wenn ich erzähle, dass ich selbst schon viel Mist gebaut habe, hören mir die Kids eher zu als irgendeinem Professor oder Sozialpädagogen, bei dem sie denken, er hätte selbst nie Erfahrungen mit Gewalt gemacht. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, was man anders oder besser machen könnte.
ZEIT online:
Wer besucht eure Kurse?
Skanda:
Es gibt Trainings an Schulen, an denen Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 15 Jahren teilnehmen. Außerdem finanziert das Arbeitsamt Kurse für junge Erwachsene, die auffällig geworden sind und schon aus zahlreichen Maßnahmen herausgefallen sind.
ZEIT online:
Was passiert bei so einem Training?
Skanda:
Wir analysieren zunächst die Biografie jedes Teilnehmers. Dabei werden alle sozialen Einflüsse mit einbezogen, die dazu geführt haben, dass er heute so ist, wie er ist.
ZEIT online:
Wie sehen diese Biografien aus?
Skanda:
Die meisten erwachsenen Teilnehmer sind kriminell, drogen- oder alkoholabhängig, ihre Familien sind zerbrochen oder gar nicht vorhanden, viele sind in Heimen aufgewachsen. Die meisten von ihnen sind gewalttätig. Die Mädchen richten diese Gewalt meistens gegen sich selbst, indem sie sich zum Beispiel die Arme aufritzen. Die Männer wollen den Coolen raushängen lassen und blockieren alles, was an sie herankommt. Türkisch- oder arabischstämmige Männer haben dazu häufig ein falsch verstandenes Ehrgefühl und sind sofort in ihrem Stolz verletzt.
ZEIT online:
Wie durchbrecht ihr diese Blockaden?
Skanda:
Bei älteren Teilnehmern fangen wir immer mit Atem- und Entspannungsübungen an. Dadurch sollen sie ein bisschen ruhiger werden. Außerdem sehen diese Übungen bei vielen komisch aus – und wenn sie erst einmal über sich selbst lachen können, überwinden sie auch schneller ihr übertriebenes Ehrgefühl. Mit Hilfe von Schauspielübungen zeigen wir den Leuten, dass man eigentlich sein ganzes Leben lang schauspielert. Bei der Mutter sind sie der liebe, kleine Sohn, im Freundeskreis oder bei der Arbeit wieder ein ganz Anderer.
- Datum 02.02.2008 - 03:23 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren