Bochum Leben im Kampf
Eine Stadt steht auf: Weil Nokia sein Werk in Bochum schließen will, hat der finnische Konzern nun eine ganze Region gegen sich. Die weiß, wie man sich erfolgreich wehrt.
Die Starre weicht und Bochum tut, was es am besten kann: kämpfen. Sich jenen vermeintlichen Zwängen des Marktes entgegenstemmen, die seit jeher die Stadt beuteln und ihren Bewohnern einen untrüglichen Sinn dafür eingepflanzt haben, was mit dem abgenutzten Begriff Solidarität heutzutage noch anzufangen ist.
"Wir führen keine Verhandlung über die Schließung des Werkes", ruft Gisela Achenbach ins Megafon. Die Betriebsrätin von Nokia Bochum steht inmitten von Kameras und Mikrofonen, kaum sichtbar für die sicherlich mehr als fünfhundert Mitarbeiter, die sich am Werkstor versammelt haben. Ein Satz ohne Kalkül ist das, nicht dazu gedacht, dem Management einen möglichst günstigen Sozialplan für die 2600 Beschäftigten abzuringen. Was die Betriebsrätin da sagt, ist vielmehr eine Feststellung, geeignet, jene Konzernlenker im fernen Helsinki daran zu erinnern, dass Werke in Bochum nicht einfach so geschlossen werden.
Geschlossen wird, natürlich. Mehr noch: Bochums Geschichte ist eine jahrzehntelange Kette von Betriebsschließungen und Arbeitskämpfen dagegen, von Neuanfängen und enttäuschten Hoffnungen, vom Stürzen und Aufrappeln. All das kulminiert in einem Begriff, von dem der Ausstehende glaubt, es müsse doch einmal zu einem Ende kommen, der jedoch unbarmherzig immer fortgeht: Strukturwandel. Da fuhren Tausende in die einst 74 Schachtanlagen der Stadt zum Kohleschürfen ein und schwitzten an Hochöfen, bis beide Industrien sich am Ende sahen (Wenn auch ThyssenKrupp Automotive und GEA, früher Metallgesellschaft, hier immer noch ihren Sitz haben). Also wechselten die Bochumer Malocher eben in den 60ern in den Automobilbau. Opel zahlte ohnehin besser. Zwölftausend Opelaner waren es einmal, in der Spitze sogar fast zwanzigtausend. Nun kämpft das verbliebene Drittel um seine Jobs. Klar ist, auch wenn die Existenz des Werks bis 2015 gesichert ist:
Es werden immer weniger.
Auf Auto folgten Universität (heute der drittgrößte Arbeitgeber der Stadt), Gesundheitswirtschaft, Biomedizin, Kulturwirtschaft und eben Elektronik, sprich Nokia. Was wird noch alles kommen? Wie viele Wechsel können die Menschen überhaupt noch ertragen, was machen Kopf und Seele mit? Die Suche nach einer Antwort führt nach Hattingen, gleich hinter Bochums Stadtgrenze. Dorthin bringt
Reiner Einenkel
den Besucher. Er ist Betriebsratschef von Opel Bochum – der wilde Streik seiner Belegschaft hat ihn 2004 bekannt gemacht, obwohl er den so nicht wollte. Seltsam vertraut klingt, was damals geschah: Ein Vorstand, nicht in Helsinki, aber in Detroit, prüfte seine europäischen Werke auf ihre Rentabilität, und Bochum sah sich am Ende zwar nicht von der sofortigen Schließung, jedoch von herben Stellenstreichungen bedroht.
- Datum 28.01.2008 - 02:06 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 25.1.2008
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Entschuldigen sie bitte, aber das nennt jemand ernsthaft "Kampf"? Soll das "Widerstand" sein? An das "soziale Gewissen" der Manager appelieren soll etwas bringen?Wenn das Kapital mit Gewalt tausenden Menschen die Existenzgrundlage entzieht, nur um noch mehr Profit zu machen, wird mit Kuscheleinheiten und Wattebäuschen gekämpft, sich "erfolgreich gewehrt", d.h. unbedeutende Zugeständnisse mehr symbolischer Natur erreicht.Was Nokia und Bochum gut tun würde, wäre ein ernsthafter Streik und dann die Werksbesetzung. Enteignung ohne Kompromisse.
Immer wieder erstaunlich, zu welche grossartigen Ideen die Gewerkschaften aufrufen. Da wird dann brav an ein moralisches Gewissen bei Managern apaelliert, die doch nur das machen, wozu die (auch deutschen) AKtionäre sie auffordern, nämlich einen möglichst hohen Profit zu erwirtschaften.
Das gegen eine solche Mentalität das verbale Werfen von Wattebäuschen nicht unbedingt das Mittel der Wahl ist, dürfte auch in Bochum bekannt sein. Und was, wenn sich tatsächlich einmal die Menschen zusammenraufen und sich erheben würden? Die Polizei würde antreten und im Namen der öffentlichen Ordnung jede Anwendung jedweder Gewalt dezent unterbinden.
Leider sind die heutigen Lichterketten nur noch aus Kerzen und nicht aus Fackeln.
KARMI sagt howdy
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Die bisherigen Kommentare haben stark anarchistische Zuege und sind dazu noch hirnlos. Was wuerden Sie denn sagen, wenn deutsche Investitionen im Ausland einkassiert wuerden?
Gott, wie süß, werden sich die NOKIA-Manager beim Anblick der Bochumer Proteste wahrscheinlich gedacht haben.
Trillerpfeife und Fähnchen und dazu noch Standardrethorik der Gewerkschafter. Arbeitskampf, Wiederstand, Streik, Werksbesetzungen etc., alles Kokolores!
Das einzige, was Manager verstehen ist das Wörtchen Profit. Und wenn der nicht mehr entsteht, dann könnten diese Manager eventuell über ihre Vorgehensweise nachdenken. Mit anderen Worten: Solchen Profitgeiern wie NOKIA ist nur mit einem generellen Boykott der NOKIA-Produkte beizukommen. Und sollte auch dieser nicht helfen, dann muss man eine Stufe weitergehen und die Händler die NOKIA-Produkte anbieten quasi als Helfershelfer der Profitgeier ebenfalls boykottieren.
NO NOKIA!
Seit mindestens 10 Jahren ist klar, dass in den Industrienationen einfache (=gut zu verlagernde) Tätigkeiten keine Zukunft haben. Seit mindestens 10 Jahren ist klar, dass Kohleberg- und tagebau langfristig keine Zukunft hat.Wie kann eine ganze Region sich mit der Berufung auf "Tradition" und Rechte derartig gegen den Wandel der Dinge sträuben? Noch heute lernen tausende Jugendlicher im Berbau und Tagebau, obwohl die Konsequenz dieser Sackgasse Ihnen im Ruhrpott tagtäglich vorgespiegelt wird: Heerscharen Arbeitsloser geringqualifizierter, verkommende Städte und Landstriche.Die Regierungen der letzten 10 Jahre haben Deutschlands Kurs auf "Freie Marktwirtschaft" gesetzt, das bedeutet auch Globalisierung mit all ihren positiven und negativen Konsequenzen. Sich in dieser Situation derart dagegen zu stemmen, dass dieses System gelebt wird und werden wird, das ist einfach nur lächerlich. Das bedeutet nicht, dass ich die Werkschließung oder deren Konsequenzen gut finde oder das dahinter stehende System, aber das System wurde nunmal gewählt - im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird also offensichtlich: weder die Menschen sind in der Lage, ihrer Unmündigkeit zu entkommen, noch die Politik. Stellt sich die Frage, bei wem es schlimmer ist, zeigt aber auch, dass Kant leider nie funktioniert.
Ironischerweise war es ein Deutscher, der 1867 eine umfassende Beschreibung des kapitalistischen Produktionsprozesses vorlegte.
Leider haben seine Landsleute das System immer noch nicht begriffen und ergehen sich weiter in Sentimentalitäten. Allerdings nur zuhause. Im Ausland gehen deutsche Firmen genauso vor wie Nokia u.ä..
Aber auch das ist eigentlich typisch deutsch: Nabelschau.
Howdy , howdy. Sie haben da ja ziemlich fix geschaltet.Bis auf die Tatsache, dass es Anarchisten nicht jucken würde, ob da ein deutscher, finnischer, ugandischer oder takka-tukka-ländischer Kapitalist enteignet wird. Wenigstens haben einige hier begriffen, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat; dank dem technologischen Fortschritt wird Arbeit immer weniger werden, und der Rest wird dann ins billigere Ausland gehen.Aber bitte, was soll dieses "Boykottiert den und den"? Es geht nicht um einzelne Firmen; die sind doch alle den Regeln des Marktes unterworfen, egal ob sie nun Nokia, Maggi, BMW oder Siemens heißen. Das Leben im Kapitalismus ist nunmal kein Ponyhof, und mit solchen +- symbolischen Aktionen werden wir ewig die Lohnaffen bleiben, die den von ihnen erwirtschafteten Gewinn an die oberen Klassen abgeben.Pazifistische Träumereien und Gewissensappelle verändern nichts.
Was soll es denn da noch zu kämpfen geben? Zum Aushandeln von Konditionen hätte man zwei Jahre Zeit gehabt. Das neue Werk in Rumänien steht (http://www.welt.de/wirtschaft/article1594653/Nokias_globales_Stellensystem_steht_jedem_offen.html Bild 3/8) und sieht aus der Luft nicht gerade winzig aus. Klar, dass Nokia dort noch mehr vor hat.
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