Bochum Leben im KampfSeite 4/4
Im Café am Tierpark sinniert Einenkel währenddessen, was schief gelaufen ist bei Nokia. "Da bekommt man ständig zu hören, wie gut die Zahlen sind, da werden Boni angekündigt und dass das neue Werk in Rumänien zusätzliche Kapazitäten schaffen soll, weil das Geschäft so gut läuft, und drei Tage später heißt es: Dankeschön, ihr werdet nicht mehr gebraucht. Das ist übelster Kapitalismus. In die Falle wäre jeder gelaufen." Er auch? Ist es nicht längst so, dass die Opelwerke offen miteinander konkurrieren, dass die Zusage,
Bochum werde den neuen Astra produzieren
, die Werke in Belgien, England und Polen unter Druck setzt? "Ein neues Werk ist immer gefährlich. Von Rumänien weiß man hier schon seit zwei Jahren. Aber wenn die Erfahrung nicht da war... Da müssen die Gewerkschaften noch viel stärker zum Frühwarnsystem werden, müssen die Konzerne schärfer beobachten und ihre Strategien analysieren."
Und nun - was tät er? "Kämpfen! Das man kämpft ist die Voraussetzung dafür, dass etwas Neues geschaffen wird." Wie das geht? "An das Gewissen der führenden Manager appellieren, sie daran erinnern, welche sozialen Folgen ihr Handeln hat. Dann: Ihnen Angst machen, sie warnen, man werde den Namen ihrer Marke verbrennen, ihnen drohen, ihr Handeln werde das Unternehmensimage schädigen." Schöne Argumente sind das, und weiche. Können sie alleine überzeugen? "Wir müssen selbst wirtschaftlich handeln." Dann spricht Einenkel davon, wie der Betriebsrat selbst andere Unternehmen anspricht, Ideen ausbrütet, wie das Cluster um den Kern Opel wachsen kann, wie Arbeitsplätze, die aus dem Werk ausgelagert werden sollen, in ortsnahe Betriebe geschoben werden können, statt sie irgendwohin in die Welt abzugeben.
Der Betriebsrat als Unternehmensberater - vielleicht drückt dieses Bild am stärksten aus, was Strukturwandel in Bochum bedeuten kann. Was es heißt, wenn einer auftritt, der zuerst der Belegschaft und nicht dem Kapitalgeber verpflichtet ist. Zwanzigtausend bauen die Autos in Bochum, aber nur 6300 arbeiten bei Opel. Natürlich entkommt auch Opel Bochum auf diese Weise nicht den Anpassungsreaktionen einer globalisierten Welt. Aber zumindest werden sie Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzung. So wie Nokia jetzt auch. Schon fordert der Telekom-Betriebsrat von seiner Unternehmensführung, im Fall der Werksschließung die Geschäftstakte zu Nokia abzubrechen. Bei Vodafone wird ähnliches betrieben.
Natürlich werden sie damit nicht durchkommen. Doch die Drohkulisse steht. Und selbst wenn sie diesen Kampf am Ende doch verlieren: Bochum wird daran nicht zugrunde gehen.
- Datum 28.01.2008 - 02:06 Uhr
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- Quelle ZEIT online, 25.1.2008
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Entschuldigen sie bitte, aber das nennt jemand ernsthaft "Kampf"? Soll das "Widerstand" sein? An das "soziale Gewissen" der Manager appelieren soll etwas bringen?Wenn das Kapital mit Gewalt tausenden Menschen die Existenzgrundlage entzieht, nur um noch mehr Profit zu machen, wird mit Kuscheleinheiten und Wattebäuschen gekämpft, sich "erfolgreich gewehrt", d.h. unbedeutende Zugeständnisse mehr symbolischer Natur erreicht.Was Nokia und Bochum gut tun würde, wäre ein ernsthafter Streik und dann die Werksbesetzung. Enteignung ohne Kompromisse.
Immer wieder erstaunlich, zu welche grossartigen Ideen die Gewerkschaften aufrufen. Da wird dann brav an ein moralisches Gewissen bei Managern apaelliert, die doch nur das machen, wozu die (auch deutschen) AKtionäre sie auffordern, nämlich einen möglichst hohen Profit zu erwirtschaften.
Das gegen eine solche Mentalität das verbale Werfen von Wattebäuschen nicht unbedingt das Mittel der Wahl ist, dürfte auch in Bochum bekannt sein. Und was, wenn sich tatsächlich einmal die Menschen zusammenraufen und sich erheben würden? Die Polizei würde antreten und im Namen der öffentlichen Ordnung jede Anwendung jedweder Gewalt dezent unterbinden.
Leider sind die heutigen Lichterketten nur noch aus Kerzen und nicht aus Fackeln.
KARMI sagt howdy
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Die bisherigen Kommentare haben stark anarchistische Zuege und sind dazu noch hirnlos. Was wuerden Sie denn sagen, wenn deutsche Investitionen im Ausland einkassiert wuerden?
Gott, wie süß, werden sich die NOKIA-Manager beim Anblick der Bochumer Proteste wahrscheinlich gedacht haben.
Trillerpfeife und Fähnchen und dazu noch Standardrethorik der Gewerkschafter. Arbeitskampf, Wiederstand, Streik, Werksbesetzungen etc., alles Kokolores!
Das einzige, was Manager verstehen ist das Wörtchen Profit. Und wenn der nicht mehr entsteht, dann könnten diese Manager eventuell über ihre Vorgehensweise nachdenken. Mit anderen Worten: Solchen Profitgeiern wie NOKIA ist nur mit einem generellen Boykott der NOKIA-Produkte beizukommen. Und sollte auch dieser nicht helfen, dann muss man eine Stufe weitergehen und die Händler die NOKIA-Produkte anbieten quasi als Helfershelfer der Profitgeier ebenfalls boykottieren.
NO NOKIA!
Seit mindestens 10 Jahren ist klar, dass in den Industrienationen einfache (=gut zu verlagernde) Tätigkeiten keine Zukunft haben. Seit mindestens 10 Jahren ist klar, dass Kohleberg- und tagebau langfristig keine Zukunft hat.Wie kann eine ganze Region sich mit der Berufung auf "Tradition" und Rechte derartig gegen den Wandel der Dinge sträuben? Noch heute lernen tausende Jugendlicher im Berbau und Tagebau, obwohl die Konsequenz dieser Sackgasse Ihnen im Ruhrpott tagtäglich vorgespiegelt wird: Heerscharen Arbeitsloser geringqualifizierter, verkommende Städte und Landstriche.Die Regierungen der letzten 10 Jahre haben Deutschlands Kurs auf "Freie Marktwirtschaft" gesetzt, das bedeutet auch Globalisierung mit all ihren positiven und negativen Konsequenzen. Sich in dieser Situation derart dagegen zu stemmen, dass dieses System gelebt wird und werden wird, das ist einfach nur lächerlich. Das bedeutet nicht, dass ich die Werkschließung oder deren Konsequenzen gut finde oder das dahinter stehende System, aber das System wurde nunmal gewählt - im wahrsten Sinne des Wortes. Es wird also offensichtlich: weder die Menschen sind in der Lage, ihrer Unmündigkeit zu entkommen, noch die Politik. Stellt sich die Frage, bei wem es schlimmer ist, zeigt aber auch, dass Kant leider nie funktioniert.
Ironischerweise war es ein Deutscher, der 1867 eine umfassende Beschreibung des kapitalistischen Produktionsprozesses vorlegte.
Leider haben seine Landsleute das System immer noch nicht begriffen und ergehen sich weiter in Sentimentalitäten. Allerdings nur zuhause. Im Ausland gehen deutsche Firmen genauso vor wie Nokia u.ä..
Aber auch das ist eigentlich typisch deutsch: Nabelschau.
Howdy , howdy. Sie haben da ja ziemlich fix geschaltet.Bis auf die Tatsache, dass es Anarchisten nicht jucken würde, ob da ein deutscher, finnischer, ugandischer oder takka-tukka-ländischer Kapitalist enteignet wird. Wenigstens haben einige hier begriffen, dass der Kapitalismus keine Zukunft hat; dank dem technologischen Fortschritt wird Arbeit immer weniger werden, und der Rest wird dann ins billigere Ausland gehen.Aber bitte, was soll dieses "Boykottiert den und den"? Es geht nicht um einzelne Firmen; die sind doch alle den Regeln des Marktes unterworfen, egal ob sie nun Nokia, Maggi, BMW oder Siemens heißen. Das Leben im Kapitalismus ist nunmal kein Ponyhof, und mit solchen +- symbolischen Aktionen werden wir ewig die Lohnaffen bleiben, die den von ihnen erwirtschafteten Gewinn an die oberen Klassen abgeben.Pazifistische Träumereien und Gewissensappelle verändern nichts.
Was soll es denn da noch zu kämpfen geben? Zum Aushandeln von Konditionen hätte man zwei Jahre Zeit gehabt. Das neue Werk in Rumänien steht (http://www.welt.de/wirtschaft/article1594653/Nokias_globales_Stellensystem_steht_jedem_offen.html Bild 3/8) und sieht aus der Luft nicht gerade winzig aus. Klar, dass Nokia dort noch mehr vor hat.
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